D’Inka: Bei verkrusteten Medienstrukturen können Blogs eine wichtige Rolle spielen

F.A.Z.-Herausgeber Werner D'Inka über Meinungsmonopole, begrenzten Partizipationsdrang und den leichtfüßigeren "Freitag".

Herr D’Inka, Blogger und Bürgerjournalisten produzieren durch eigene Recherchen Nachrichten. Können sie das „ethische Gewissen“ der klassischen Medien sein?

Werner D’Inka: Das halte ich für überzeichnet. Der traditionelle Journalismus hat ein Set von handwerklichen und berufsethischen Standards entwickelt, die nach wie vor gültig sind: Trennung von Nachrichten und Meinung, Trennung von privaten und öffentlichen Angelegenheiten, das Prüfen von Informationen vor der Veröffentlichung und journalistische Fairness. Andere publizistische Formen müssten erst einmal beweisen, dass sie besser arbeiten.

Für Sie müssen Journalisten also nicht nur „Geschichtenerzähler“ sein, sondern auch Faktenprüfer?

Geschichten zu erzählen ist wunderbar, interessant und reizvoll. Jeder von uns kann es: in der Kneipe, am Arbeitsplatz. Aber Journalismus ist mehr. Es kommt darauf an, ob die Dinge stimmen, die man mitteilen will. Journalisten haben nach wie vor eine Treuhänderrolle gegenüber der Gesellschaft und dem Publikum.

Bürgerjournalisten konnten in der Vergangenheit vor allem im Ausland Erfolge erzielen, beispielsweise im Iran. Gibt es positive Beispiele aus Deutschland?

In Teilen von Nordrhein-Westfalen schicken sich Blogger möglicherweise an, eine wichtige Rolle zu spielen. Wenn die Medienstruktur so verkrustet ist, dass es nur noch einen Monopolanbieter gibt, hat das negative Folgen für die Meinungsvielfalt. Dann ist es gut, wenn diese Monopolstruktur aufgebrochen wird. Andererseits sind das keine Bürgerreporter, sondern meist professionelle Journalisten. Insofern passt dieses Beispiel nicht ganz.

Der Printjournalismus hat in Deutschland eine lange und erfolgreiche Tradition. Schmälert das die Chance von Bürgerjournalisten?

Es hat damit zu tun. Wenn es Unzufriedenheit im großen Stile gäbe, hätten Blogger, Bürgerjournalisten und Graswurzelbewegungen die Möglichkeit, Gegenöffentlichkeiten zu schaffen. Dass das nicht – oder nicht im großen Stil – passiert, kann ein Zeichen dafür sein, dass wir unserer Aufgabe ganz gut nachkommen.

Welche Rolle spielen Bürgerjournalisten für die „FAZ“?

Werner D'Inka: "Der „Freitag“ kann als Newcomer sicher viele Dinge einfacher umsetzen" Foto: Stephan Baumann

Werner D'Inka: "Der „Freitag“ kann als Newcomer sicher viele Dinge einfacher umsetzen" Foto: Stephan Baumann

Es gibt da keine prinzipielle Gegnerschaft. Aber jede ordentliche Zeitung, sei sie lokal, regional oder überregional, hält natürlich den Kontakt zur Bürgergesellschaft. Ich würde sagen, dass wir auf ein Drittel unserer Themen selbst kommen. Ein zweites Drittel sind inszenierte Themen, beispielsweise durch Pressemitteilungen. Und das letzte Drittel bilden Themen, die durch Hinweise und Gespräche entstehen – mit Bürgern, mit Lesern. Es ist ja nicht so, dass wir gegenüber der Gesellschaft eine hermetisch abgeschottete Welt wären.

Was kann der „Freitag“, der mit seinem Relaunch Anfang 2009 Print und Online stark miteinander verzahnt hat, anders machen als die „FAZ“?

Der „Freitag“ kann als Newcomer sicher viele Dinge einfacher umsetzen; er konnte vom Start weg Dinge formen. Die „FAZ“ verfügt über eine längere Tradition – die einen in manchen Dingen etwas vorsichtig werden lässt.

Bürgerjournalisten spielen vor allem in sozial unruhigen Ländern eine Rolle. Sind die Deutschen zu brav für diese Form der Berichterstattung?

Bei allem, was man im einzelnen kritisieren kann, kann man doch sagen, dass die demokratischen Institutionen in Deutschland funktionieren, dass die Justiz unabhängig ist, dass ein Bürgermeister nicht frei schalten und walten kann. Das Institutionengefüge und das demokratische System ergänzen sich gut. Das hat natürlich Auswirkungen auf bestimmte Formen der politischen Partizipation.

Inwiefern?

Wiesbaden hat zum Beispiel ein Experiment mit einem so genannten Bürgerhaushalt gemacht, Köln auch. Dabei können die Bürger mitbestimmen, wofür die Stadt ihr Geld ausgibt. Auf den ersten Blick eine faszinierende Idee. Jedoch hat sich in Wiesbaden nur etwa ein Prozent der Wahlberechtigten an diesem Projekt beteiligt, in Köln ist es ähnlich. Ich glaube, dass eine solche Form von Partizipation an harten politischen Entscheidungen überschätzt wird. Da ist die große Mehrzahl offenbar ganz zufrieden mit der Arbeit der Kommunal- oder Länderparlamente.

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