Die deutschen Kachingle-Charts oder: Quo vadis, Kachingle?

| 26.04.2010 | 25 Kommentare

"Social Micropayment"-Lösungen stehen vorm klassischen Dilemma zweiseitiger Märkte. Bei Kachingle, das Carta seit einigen Monaten testet, fehlen bisher Erfolgsgeschichten und die Beteiligung von mehr und größeren Blogs. Also doch wieder nur "Lousy Pennies on the Web"?

Die deutschen Kachingle-Charts
(Platzierung/ Name/ Anzahl der Kachingler/ Platz im globalen Ranking)

  1. Carta: 45 Kachinglers (4)
  2. Medialdigital: 17 Kachinglers (12)
  3. E-Book-News: 14 Kachinglers (15)
  4. Ronniegrob: 13 Kachinglers (22)
  5. Egghat’s blog: 12 Kachinglers (25)
  6. Banedon’s Cyber-Junk: 11 Kachinglers (27)
  7. Politik.netzkompetenz.at: 10 Kachinglers (28)
  8. Aeos Records: 9 Kachinglers (38)
  9. Zappadong: 9 Kachinglers (35)
  10. VernissageTV: 9 Kachinglers (32)
  11. Multimediajournalist: 9 Kachinglers (37)
  12. PolkaRobot: 8 Kachinglers (41)
  13. Anatolia magazine: 8 Kachinglers (43)
  14. Symetrk: 6 Kachinglers (63)
  15. Anatolienmagazin: 6 Kachinglers (57)
  16. Spiele-Podcast: 5 Kachinglers (64)
  17. Einfach Übel: 5 Kachinglers (66)
  18. RSSFriends: 5 Kachinglers (67)
  19. Oko-bloko: 5 Kachinglers (69)
  20. Bier statt Blumen: 5 Kachinglers (70)
  21. Klatschheftli: 5 Kachinglers (71)
  22. Banedon’s Baublog: 4 Kachinglers (77)
  23. KielPod: 4 Kachinglers (83)
  24. Gelegenheitsspieler: 4 Kachinglers (84)

*Bei gleicher Unterstützer-Zahl habe ich zusätzlich das generierte Spendenaufkommen als Ordnungsprinzip hinzugezogen.

**Nr. 8, 10, 13, 14 und 18 sind englischsprachig, werden aber von Deutschland (bzw. in einem Fall von Basel) aus betrieben, stammen also in jedem Fall aus den D-A-CH-Staaten.

Quo vadis, Kachingle?

Mikro-Bezahlsysteme wie Kachingle oder Flattr könnten ein Ausweg aus dem Finanzierungsproblem für Inhalte im Internet sein. Sie sind auf größtmögliche Einfachheit hin angelegt und sollen Leser so animieren, ihren Lieblingsseiten freiwillig Geld zu spenden. Die Beiträge, um die es geht, sind noch dazu so gering, dass es kaum wehtut.

Bei Kachingle zahlt man monatlich 5 US-$ ein (in der jetzigen offenen Beta-Phase sind keine Euro-Einzahlungen möglich, und von Deutschland aus kann nur per PayPal überwiesen werden). Davon gehen 20%, also 1 $, an Kachingle. Geht man auf eine Seite, die das Kachingle-Widget eingebaut hat, kann man durch das Klicken des entsprechenden Buttons die Bereitschaft bekunden, die Seite zu unterstützen (hier eine Video-Erklärung des Prinzips). Kachingle registriert die einzelnen Besuche und teilt die verbleibenden 4 Euro am Ende des Monats auf alle als unterstützenswert deklarierten Seiten auf. Der detaillierte Schlüssel richtet sich schließlich nach der Zahl der Tage, an denen jede der Seiten besucht wurde.

Das klingt vielversprechend, doch eingeschlagen ist das Konzept noch nicht, auch nicht in den Schlüssel-Märkten USA, Frankreich und Deutschland. Weltweit beteiligen sich erst 131 Seiten. Der Blog Steveouting.com führt mit nur ingesamt 59 Unterstützern das globale Kachingle-Ranking an und hat in fünf Monaten gerade einmal 113 $ eingenommen. Auf den hinteren Plätzen sieht es noch sehr viel dünner aus. Eine fiktive 4er-WG bloggender Techies könnte durch gegenseitiges Unterstützen den Blog eines jeden einzelnen in die weltweiten Top 100 bugiseren.

Extrahiert man die deutschen Seiten aus dem Ranking, zeigen sich einige interessante Dinge:

1. Deutsche Blogs und Websites sind überproportional vertreten. 31 der 131 Kachingle-Seiten, das heißt fast jede vierte, stammen aus den D-A-CH-Staaten. Von diesen sind wiederum 27 deutschsprachig. Das ist, trotz der Tatsache, dass Deutschland Schwerpunktmarkt ist, erstaunlich, zieht man etwa Zahlen über die weltweite Sprachverteilung bei Blogs heran.

2. Gerade die großen Blogs halten sich zurück. Von den meist verlinkten Blogs, wie sie von den Deutschen Blogcharts aufgestellt werden, ist mit Carta nur ein einziger vertreten.

3. Das System aus Kachingle-Seiten und -Unterstützern ist noch sehr selbstreferenziell. Nimmt man sich eine Seite heraus und schaut sich die Unterstützer an (Kachingle ist da maximal transparent) zeigt sich, dass sich ein auffallend hoher Anteil direkt aus der kleinen Gruppe der Anbieter rekrutiert. (Dank für den Hinweis an Ulrike Langer.)

Ready to start oder Stagnation?

Grafik deutsche Blogs_KachingleEine Zusammenstellung der Zeitpunkte, zu denen die insgesamt 31 deutschen Blogs bzw. Websites Kachingle beigetreten sind, zeigt ein Muster, aus dem man aufgrund der geringen Fallzahl zwar nur bedingt Erkenntnisse ziehen kann, doch eines lässt sich sagen, um ein exponentielles Wachstum handelt es sich wohl eher nicht.

Im Moment sieht es eher nach Stagnation aus. Möglicherweise steht ein virales Wachstum aber erst noch bevor.

Fazit

Um Kachingle in Deutschland zu pushen, bräuchte es vor allem Erfolgsgeschichten. Im Moment wäre das schwierig. Carta, die deutsche Nummer 1, hat in vier Monaten nur etwas mehr als 150$ eingenommen und ist mit diesem Mini-Betrag sogar internationaler Spitzenreiter. Auf die Erlöse der anderen Seiten wären die altbekannten Klagen über die “Lousy Pennies on the Web” eins-zu-eins anwendbar, teilweise sogar wörtlich.

Kachingle steht vor dem klassischen Dilemma zweiseitiger Märkte: Nur wenn die Nutzergruppe 1 (Inhalte-Anbieter) groß genug ist, wird die Plattform für die Nutzergruppe 2 (Unterstützer) attraktiv- und umgekehrt. Erst wenn sich mehr reichweitenstarke Blogs beteiligen und somit gleichzeitig als Werbeträger für das Konzept fungieren, würde Kachingle für eine größere Zahl von Lesern interessant werden, auch und gerade für solche, die primär einzahlen.

An mangelndem Grundinteresse der Inhalte-Anbieter wird es wohl nicht scheitern, eine neue Erlösquelle lehnt kaum einer ab. Die tatsächliche Spendenbereitschaft von Internet-Nutzern jedoch ist nach wie vor ungewiss. Sie stellte eine der drängendsten offenen Fragen im Internet dar. Ich halte es zumindest nicht für ausgeschlossen, dass sich in den großen und treu verbundenen Leser-Gemeinden von Netzpolitik, Bildblog, Fefe etc. eine ausreichende große Menge an Leuten findet, die aus Kachingle & Co. wirkliche Erfolgsgeschichten machen könnten.

… to be continued.

(Dieser Artikel steht unter einer Creative-Commons-Lizenz.)

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