ARD Griechenland-Brennpunkt: „Sensationell schlecht“ geht weiter

Wenig aus der Kritik gelernt: Beim ARD-Brennpunkt zu Griechenland dominierten wirre Expertenstatements und der Transport von Regierungspositionen.

Anfang März stellten die Publizisten Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt Teilen des Wirtschaftsjournalismus hierzulande ein verheerendes Zeugnis aus. Der Wirtschaftsjournalismus komme regelmäßig seiner Aufklärungspflicht nicht nach, so das Ergebnis ihrer Studie für die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung.

Storz und Arlt kritisierten neben der Nachrichtenagentur dpa insbesondere auch die Berichterstattung von ARD-Aktuell in Tagesschau und Tagesthemen. ARD-Aktuell habe „journalistisch sensationell schlecht“ über die Wirtschaftskrise berichtet.

Anders als die dpa, die sich öffentlich gegen die Vorwürfe wehrte, hat die ARD bis heute zu den Studienergebnissen öffentlich keine Stellung bezogen. ARD-Hauptstadtstudiochef Ulrich Deppendorf ließ sich bei der Diskussionsveranstaltung zu den Studienthesen von seinem Chef vom Dienst Andreas Werner vertreten.

In der Hauptsache kommen Storz und Arlt in Bezug auf die ARD zu dem Schluss: „Die Beiträge bestehen oft aus einer Aneinanderreihung von Statements, so dass das Publikum mit inhaltlichen Widersprüchen alleine gelassen wird. Die Redaktion ist faktisch Transporteur von Statements, Pressemitteilungen und Redeausschnitten, aber selten journalistischer Verarbeiter und Orientierungs-Geber.“ (Seite 133) Die ARD betreibe wenig „eigenständige journalistische Arbeit“ und transportiere vornehmlich „die Positionen der Regierung“ (Seite 134).

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ARD Brennpunkt "Ruiniert Griechenland Europa?" vom 23. April. Zum Anschauen auf das Bild klicken.

Wie zutreffend die Kritik von Storz/Arlt ist und wie wenig sich die ARD-Berichterstattung seit der Kritik verändert hat, war am vergangenen Freitag im zehnminütigen ARD-Brennpunkt „Ruiniert Griechenland Europa?“ zu besichtigen. Immerhin: Die ARD sendete einen Brennpunkt zu diesem Finanzthema, während sie nach Zählung von Storz/Arlt in den beiden Jahren zuvor gerade einmal zwei Brennpunkte der Wirtschaftskrise gewidmet hatte.

Der Brennpunkt beginnt mit einem 2:30-Minuten-Stück von Marcus Bornheim, das leider keine „komplexen Sachverhalte klar darstellt“ (vgl. hier), sondern eher eine notdürftig zusammengehaltene Aneinanderreihung von Statements und Fakten ist:

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Enderlein: "Griechenland-Bankrott ist kaum zu vermeiden" – wie das zu verstehen ist, erklärt die ARD nicht.

Zu Beginn des Beitrags darf sich beispielhaft die exportorientierte bayrische (Bornheim wird vom BR bezahlt) Maschinenbaufirma Hawe – dank niedrigem Eurokurs – ein bisschen als Gewinner „der griechischen Tragödie“ freuen. Anschließend erläutert Bornheim, dass die 8 Mrd. Euro an Griechenland als Kredit von der KfW kommen sollen.

Es folgt der Auftritt des Ökonomieprofessors Henrik Enderlein: „Ich gehe davon aus, dass ein griechischer Staatsbankrott kaum noch zu meiden ist.“ Es geht weiter mit Ausführungen zu höheren Risikoaufschlägen auf deutsche Staatsanleihen. Der SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider erklärt, dies könne 3,5 bis 4 Mrd. Euro pro Jahr zusätzlich kosten. Schlussakkord Bornemann: „Die Kapitalmärkte haben mal wieder die besseren Nerven.“

Was der Otto-Normalzuschauer danach wohl verstanden hat? Gar nichts. Wie kann es sein, dass Enderlein prognostiziert, Griechenland werde wohl Bankrott gehen – und die KfW dem Land trotzdem Milliarden im Namen des Steuerzahlers gibt? Der Zuschauer bleibt mit diesem Widerspruch allein.

Welche Handlungsoptionen hat Deutschland? Welche Auswirkungen wären jeweils auf die Währungsunion zu erwarten? Wieviel Geld wird Griechenland insgesamt zur Überwindung der akuten Krise brauchen?

Der Zuschauer – er erfährt es nicht. Lediglich eine magere Kuchen-Infografik nutzt Bornheim. Der Autor flüchtet sich in so erkenntnisreiche Metapher-Kalauer, wie: „Der Ouzo hat an den Finanzmärkten einen faden Beigeschmack.“

Der Bornheim-Film ist ein verstörend treffsicheres Beispiel für den ersten zentralen Kritikpunkt von Storz und Arlt: Die ARD versendet Aneinanderreihungen von Statements, die wenig erklären und den Zuschauern mit unaufgelösten Widersprüchen alleine lassen. Kohärenz wird weitgehend nur mit Hilfe von Gestaltungsmitteln, wie Bildschnitt und Off-Kommentar, simuliert.

Es folgt ein Studio-Interview von Ulrich Deppendorf mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, das sich mit Unterbrechungen über fast sechs Minuten zieht. Schäuble erhält ausgiebig Platz, um zu fordern, dass Griechenland den Stabilitätspakt nun wirklich ernst nehmen und sich an die Regeln halten müsse. Dann werde die Griechenland-Rettung auch „erfolgreich gelingen“.

Der Finanzminister verbreitet amtstüchtig die Kernbotschaft, es bestehe kein Grund zur Unruhe, die Regierung handele abgewogen, vernünftig und besonnen. Deppendorf ist dabei mindestens so sehr Adjutant wie kritischer Nachfrager.

Problematisch ist nicht so sehr, dass Schäuble hier weitgehend unwidersprochen mit seinen Botschaften durchkommt – obwohl Enderlein wenige Minuten zuvor das Gegenteil behaupten durfte. Journalistisch problematisch ist, dass die ARD zwei Drittel ihres Brennpunkts einem Regierungsvertreter einräumt, der qua Amt besänftigen muss und – um den Eurokurs nicht zu gefährden – wenig Klartext sprechen kann.

Durch das ausgiebige Schäuble-Interview bekommt der Brennpunkt eine Choreografie von:

Akt 1) Ein paar Fakten und Statements werden in einem kurzen Beitrag hin- und hergewirbelt.

Akt 2) Auftritt des Finanzministers, der erklärt, die Lage sei unter Kontrolle und Bedenken unbegründet.

Die Dramaturgie folgt der Systematik von Rauschen und Beruhigung. Erst kommt die Verwirrung, dann die konsensorientierte Schließung durch eine vertrauenswürdige Amtsperson.

Eine solche Dramaturgie bestätigt leider bestürzend deutlich den zweiten zentralen Kritikpunkt von Storz und Arlt: Die ARD transportiert die Positionen der Regierung häufig kommentar- und kritiklos. Die Regierungslesart bestimmt auch die ARD-Lesart der Dinge. Die Darstellung erfolgt wenig kontrovers – die Bandbreite möglicher Deutungsansätze wird nicht deutlich.

Es gibt im Griechenland-Brennpunkt kritische Nachfragen – aber offenbar vor allem zu dem Zweck, dass Schäuble sie entkräften kann. Der Minister hat – real wie symbolisch – das letzte Wort. Dabei muss man einem Minister nicht über den Mund fahren, man muss ihm aber nicht derart viel Platz in einer Informationssendung einräumen, die keine Interview-Sendung ist.

Im Ergebnis ist dieser ARD-Brennpunkt sehr nah dran an der offiziellen Interpretationsmaschinerie der Bundesregierung. Er findet keinen eigenen Standpunkt, er leistet keinen eigenen Aufklärungs- und Orientierungsbeitrag, sondern er gibt Wolfgang Schäuble eine Bühne für seine beschwichtigenden Botschaften. Ulrich Deppendorf sitzt daneben und spielt die Rolle des journalistischen Hofberichterstattungsonkels der Nation, der die journalistischen Defizite seiner Sendung kaum noch zu spüren scheint.

Eine orientierende Darstellung auf dem Komplexitätsniveau von: „Griechenland ist mit erheblicher Wahrscheinlichkeit nicht zu retten – aber es ist vorerst wohl das Beste, es trotzdem zu versuchen.“ – Die ARD scheint damit und mit dem Aufgebot unterschiedlicher ökonomischer Experten überfordert.

Storz und Arlt schreiben in ihrer Studie von redaktionellen Praktiken bei der ARD, die „fachkundige Konsumenten in die Depression treiben“ könnten (Seite 134).

Mir ist es beim ARD-Brennpunkt am Freitag so gegangen.