Bürgerjournalismus? Aber ja doch!

Bleiben Massenmedien auch in Zukunft eine feste Referenzgröße, wie Thomas Strobl meint und damit zugleich dem Bürgerjournalismus die Zukunft abspricht? Medienhäuser werden das gerne hören, sollten sich aber nicht darauf verlassen: "Resonanzfähigkeit" ist im Internet wichtig und auf diese Dynamik haben Verlage kein Monopol.

Blogger sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Thomas Strobl jedenfalls liefert uns eine erstaunliche Betrachtung zum Verhältnis von alten und neuen Medien, die man so von einem „Blogger“ nicht erwarten würde.

Seiner Auffassung nach werden Massenmedien auch in Zukunft ihre Ankerfunktion in der Gesellschaft behalten, weil Blogs, Foren und Social Networks im Internet eines nicht könnten: Nachrichten und damit „Wahrheit“ zu produzieren:

Die Massenmedien sind aber keine Distributeure, sondern Produzenten. Produzenten von Nachrichten, Produzenten von “Wahrheit”, Produzenten von Öffentlicher Meinung, Produzenten von Stabilität in den Erwartungen.

Dieser Aussage könnte man durchaus zustimmen, enthielte sie nicht einen kleinen, aber entscheidenden Fehler. Warum sollten nur „Massenmedien“ in der Lage sein, so etwas wie öffentliche Meinung und stabile Erwartungen produzieren zu können? Zeigt uns nicht das Internet längst, dass es der medialen Masse nicht mehr bedarf, um viele Menschen zu erreichen und zu beeinflussen?

Thomas Strobl argumentiert hier entlang eines Paradigmas, das in der vernetzten Gesellschaft des 21. Jahrhundert immer weniger Gültigkeit besitzt, weil hier etwas anderes maßgeblich wird: die Resonanzfähigkeit. Im System der alten Medien wird diese – in Ermangelung effizienter Feedback-Kanäle – von den Medien selbst dargestellt. Im Internet aber ist nicht mehr das Medium, das eine Botschaft verbreitet, entscheidend, sondern die Resonanz im System. Je mehr Resonanz eine Botschaft erzeugt, desto wichtiger ist sie für eine Gesellschaft. Darin liegt die Chance für den Bürgerjournalismus, weil er aus seiner Nische heraus Wirkung erzielen kann und nicht darauf angewiesen ist, schon von Haus aus eine große Reichweite mitzubringen.

Dass wir das erst ansatzweise und partiell erleben, spricht nicht gegen den Trend. Derzeit noch funktionieren die Mechanismen der klassischen, massenmedialen Kommunikation, während gleichzeitig die Vernetzungsdichte im Internet von Jahr zu Jahr weiter steigt. Je mehr Menschen aber vernetzt sind und im „Social Web“ partizipieren, desto mehr Resonanz kann erzeugt werden. Aus der Resonanz wird schließlich gesellschaftliche Relevanz und irgendwann kippt das System, das heißt der Einflussmechanismus der klassischen Medien wird immer kleiner, während die neue Form des gesellschaftlichen Agenda-Settings über Vernetzung zur dominierenden Größe aufsteigt.

Dabei sollte niemand davon irritiert werden, dass sich Resonanz im Internet heute noch oft genug an eher banalen Beispielen ohne politische Bedeutung zeigt. Das Internet als Resonanzraum erprobt sich selbst nicht an staatstragenden Themen, sondern zunächst eher am Spielerischen und Beiläufigen. Das meist gesehene Video auf YouTube ist kein politisches Statement und auch keine Nachricht im Sinne klassischer Medien. Interessant daran ist aber die Tatsache, dass dieses Video eine so große Resonanz erzeugen konnte, denn klassische Medien waren daran sicher nicht beteiligt.

Dass sich auch politisch Bedeutsames im neuen Relevanzsystem seinen Weg bahnen kann, zeigt Robin Meyer-Lucht anhand eines Tweets des Bundesverfassungsgerichts: Ein Urteil in Karlsruhe erlangt über Twitter Resonanz, praktisch unabhängig von den klassischen Medien, weil das Gericht direkt mit der interessierten Öffentlichkeit kommuniziert.

Die Massenmedien werden sich damit arrangieren müssen. In der vernetzten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts haben sie zwar durchaus noch ihren Platz, aber nicht mehr die ihnen von Thomas Strobl zugewiesene Rolle der Produzenten von öffentlicher Meinung. Diese bildet sich die Gesellschaft künftig selbst, über Resonanz im Netz.

In diesem Sinne könnte auch eine weitere These von Thomas Strobl falsch sein, wonach auf Blogs kaum originäre Nachrichten verbreitet, sondern nur die von Massenmedien gesetzten Themen diskutiert würden:

“Was wir über die Welt in der wir leben wissen, wissen wir aus den Massenmedien”: an diesem legendären Satz von Luhmann ändern Web, Twitter und Facebook in meinen Augen überhaupt nichts. Das Gegenteil scheint mir eher der Fall: Medieninhalte werden jetzt wesentlich intensiver und differenzierter kommunikativ weiterverarbeitet; werden zum Gegenstand von Forendiskussionen, Tweets und Blogs.

“Was wir über die Welt in der wir leben wissen, wissen wir aus den Massenmedien”: an diesem legendären Satz von Luhmann ändern Web, Twitter und Facebook in meinen Augen überhaupt nichts. Das Gegenteil scheint mir eher der Fall: Medieninhalte werden jetzt wesentlich intensiver und differenzierter kommunikativ weiterverarbeitet; werden zum Gegenstand von Forendiskussionen, Tweets und Blogs.

Diese Aussage ist richtig und falsch zugleich. Richtig insofern, als dass insbesondere auf deutschen Blogs bislang noch wenig eigenständig recherchierte Nachrichten präsentiert werden und statt dessen vielfach kommentierend Bezug auf Meldungen der klassischen Medien genommen wird. Falsch ist sie, weil über Blogs und Social Networks sehr wohl Neues und Neuigkeiten in die Welt gelangen, diese aber oft genug noch nicht die Sphären der klassischen Medien tangieren, wie das Beispiel des meist gesehenen Videos auf YouTube zeigt.

Auch hier gilt es, die Dynamik der Veränderungen im System nicht zu unterschätzen. Der heute erreichte Stand der Dinge im Internet ist kein Endpunkt, sondern immer noch Ausdruck eines sehr frühen Stadiums.

Dass Blogs – speziell in Deutschland – noch wenig eigene Nachrichten verbreiten, sollten die etablierten Medien alter Schule weniger als Beleg eines natürlichen Primats ihrer selbst sehen, als vielmehr die Schwierigkeiten der Monetarisierung von Onlinemedien darin erkennen. Die neuen Medien haben keinen leichten Stand, denn sonst wären sie vermutlich schon sehr viel weiter und würden den Massenmedien bereits richtig Konkurrenz machen. Immerhin haben sie bereits etliche Scoops gelandet und damit ihre mediale Relevanz bewiesen, auch wenn Zeitungen wie die FAZ in ihren Artikeln über „Deutsche Blogger“ das noch geflissentlich übergehen.

Dabei muss man auch aufpassen, das Neue nicht zu sehr an den Maßstäben der alten Medienordnung zu messen. Unsere immer komplexer werdende Gesellschaft kann in Zukunft vermutlich gar nicht mehr von ein paar wenigen, großen Massenmedien „zusammengehalten“ werden, sondern wird sich viel stärker ausdifferenzieren müssen. Die gesamtgesellschaftliche Balance wird dabei durch die Resonanzfähigkeit im Netz hergestellt werden. Denn uns Menschen leitet, allem Streben nach Individualität zum Trotz, ein Hang zu Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Diese Bipolarität wird in der vernetzten Gesellschaft anders ausbalanciert werden können als noch im letzten Jahrhundert, als Macht und Einfluss (nicht nur im medialen Sinn) sehr viel ungleicher verteilt waren.

So gesehen ist das Wort „Bürgerjournalismus“ wirklich ein Versprechen und kein Abgesang.  Die Massenmedien muss er dabei gar nicht ablösen. Es reicht schon, wenn er korrigierend wirkt und Lücken füllt. Die Massenmedien aber müssen ihre Überkapazitäten abbauen und dann allmählich ein neues Selbstverständnis entwickeln. Ihr Stellenwert sinkt, da sie künftig nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie früher Themen und Meinungen werden setzen können. Die Rückkanalfähigkeit des Internets hat einen Resonanzraum geschaffen, der die Medien in ein neues Rollenverständnis zwingt, ob sie das wollen oder nicht.