„Qualitätsjournalismus“: Systemkrise des elitären publizistischen Führungsanspruchs

| 13.04.2010 | 31 Kommentare

Das Unwort vom Qualitätsjournalismus lässt sich als Muffe zwischen Ideologien und Interessen begreifen. In der Systemkrise klammert sich der Journalismus an dieses Bollwerk.

Das Wort vom „Qualitätsjournalismus“ dürfte zu den meist verklärten, meist verwirrten Begriffen für die Beschreibung öffentlicher Kommunikation überhaupt gehören.

Der Begriff dient auffallend häufig als Muffe zwischen Ideologien und Interessen. Er wird zu einem aufgeladenen, aber letztlich bedeutungslosen Schlagwort. Alles, was eine Akteursgruppe nicht als „Qualitätsjournalismus“ begreift, ist ohne „journalistische Qualität“ – und vice versa. „Qualitätsjournalismus“ ist heute mit dem gleichen Unwortpotential wie „Public Value“ aufgeladen.

Die Bewertung der Kernfunktion publizistisch ausgerichteter Angebote im Internet, Rundfunk und in der Presse – also des Journalismus – als Erfolg oder Misserfolg, ist aus ökonomischer wie aus publizistischer Perspektive wichtig. Die oftmals aggressiv geführte Debatte um den daraus gerne und oft extrahierten Begriff Qualitätsjournalismus(Anm 2011: dnews gab es mal; bitte beim heutigen altpapier schauen) gehört dabei zu den klassischen und in verlässlicher Regelmäßigkeit wiederkehrenden Themen des erweiterten Medienkosmos.

Systemtheoretisch gesprochen, verstehen sich die Hüter eines „qualitätsjournalistischen Grals“ als mächtige Kommunikatoren, die Rohinformationen einer Filterung unterziehen und ein Surrogat als Einweg-Kommunikation zur Rezeption bereitstellen. Das System „Management“ begreift ein publizistisches Angebot dagegen überwiegend als Dienstleistung an Werbungtreibende, als ein zu bepreisendes Produkt. Die Leser als weiteres Teilsystem, zudem, sind nachfrage-orientiert offen und unterscheiden sich in ihren Erwartungen sowohl von den Vorstellungen der Redaktionen, als auch von denen des Managements. So haben Journalisten, Management, Nutzer und andere Anspruchsgruppen eigene, berechtigte Zugänge zu journalistischer Qualität gemäß ihrer Interessen und Wahrnehmungen.

Das in den vergangenen Jahrzehnten von journalistischen Eliten aufgebaute moralische Bollwerk „Qualitätsjournalismus“, das den Anspruch auf hierarchische Führung verteidigen und ein Berufsstandbild auch gegenüber Teilen des eigenen Systems „Redaktion“ – beispielsweise gegen den nach ganz eigenen Qualitätskriterien arbeitenden Boulevardjournalismus –, dem Management und nicht zuletzt gegenüber den Lesern auslegen soll, erfährt spätestens mit dem Eintritt in das sich digitalisierende 21. Medienjahrhundert einen beständig zunehmenden Druck von in der Vergangenheit untergeordneten Teilsystemen.

Systemkrise des Journalismus alter Überlieferung

Publizistische Beiträge werden in ihrem Wahrnehmungsraum entgrenzt und lösen sich zunehmend wie ein Fluss in einem Meer von Buchstaben auf. Das Internet sorgt zudem dafür, dass existenzsichernde Erlösmodelle ins Wanken geraten und der an massenmediale Organisationen gebundene Qualitätsjournalismus einer finanziellen Erosion durch flexibel verteilte Werbebudgets unterworfen wird. Durch die geringen Markteintrittskosten im Internet verschiebt sich die professionelle Herstellung von Öffentlichkeit hin zu einem neuen Idealismus von Publizität. Semi-professionelle Blogs und Netzpublikationen im journalistisch-feuilletonistischen Sinn reißen das Pendel zwischen Wirtschafts- und Kulturgut auf die Seite der Publizistik zurück. Die seit den späten 1980er Jahren zu beobachtende Balanceverschiebung hin zu einer Ökonomisierung der Massenmedien erfährt erstmals ein deutlich sichtbares Gegengewicht.

Selbst in der Wissenschaft grenzt es an den Griff in ein Hornissennest (Anm. 2011: Clip über Hornissennester in Gärten ist leider weg) sich mit dem Terminus „Qualitätsjournalismus“ zu befassen und zieht eine ganze Fülle von Unannehmlichkeiten nach sich. Grundsätzlich ist die Frage nach Qualität die Frage nach 1), der allgemeinen Gesamtheit von charakteristischen Eigenschaften und Beschaffenheiten; der Güte von Personen, guten moralischen Eigenschaften. Philosophisch wird sie 2.), nach Aristoteles’ Ontologie als die nach den wesentlichen Eigenschaften eines Dings, die es zu dem machen, was es ist; in Kants Erkenntnistheorie ist Qualität als eine Urteilsart und einer der die Erfahrung aufbauenden Verstandesbegriffe, gekennzeichnet. So weit die Brockhaus-Definition. Übertragen bedeutet dies eine Melange aus Informations-, Bildungs-, Unterhaltungs-, Erziehungs-, Kontroll- und Kritikfunktion.

Personenzentrierter Journalismus gestern und heute

Galt im 20. Jahrhundert der Journalismus insgesamt noch als personenzentriert („tugend- und wertegeleitete, publizistische Persönlichkeit“, Blöbaum 2006), entwickelt sich die Breite des klassischen Journalismus im 21. Jahrhundert in Folge des durch das Internet entstehenden Kostendrucks immer stärker in einen mit Markennamen versehenen Newsroom– oder Agenturjournalismus. Redaktionsverkleinerungen und -zusammenlegungen, unveränderte Übernahme von Agenturmeldungen, Verbreitung von PR-Meldungen oder Auslagerung der Recherche an Dritte beschreiben die konkreten Ausprägungen und widersprechen zunehmend den journalistischen Qualitätsnormen Durchschaubarkeit und Angreifbarkeit.

Anders Blogs und Netzpublikationen: Sie vereinen die Teilsysteme Publizistik und Leser versöhnlich ohne ein zwingendes Korsett der Renditeerwartung des Teilsystems Management. Die Harmonie zwischen Autoren und Lesern wird vor allem über die veränderten Funktionen des Trägerkanals Internet bedingt: Anders als Massenmedien, die dem Kommunikator-Gesetz (one-to-many ohne kanalimmanenten Rückkanal) folgen, ermöglicht das auf Interaktion basierende Internet nicht nur die Feedback-Funktion und Diskussion mit Autoren. Es gewährt den journalistischen Qualitätsnormen wie Transparenz und Angreifbarkeit mehr und neuen Raum – in Form von Biographien, Bildern, Veröffentlichungsarchiven der Autoren und ausführlichen Kontaktoptionen für die Leser, die bislang nur zögerlich Eingang in das redaktionelle Selbstverständnis der sich gerne anonymisierenden Massenmedien gefunden haben (Beispiele sind personifizierte Redaktionsblogs oder die Financial Times Deutschland).

Zählte „Qualitätsjournalismus“ alleine in den vergangenen Jahrhunderten schon nicht als Garant für hohes Einkommen, wird diese Gesetzmäßigkeit auch heute bestätigt. Journalistische Blogs und Netzpublikationen haben kein dem Aufwand entsprechendes und ertragreiches Geschäftsmodell. Das Wesensmerkmal für Qualitätsjournalismus ist im jungen 21. Jahrhundert wieder einmal der notwendige an Personen gebundene Idealismus.

Ein Vergleich zur ökonomischen Einordnung: Der Großteil des deutschen Buchmarktes ist durch leidenschaftliche Hobby-Autoren und Hobby-Verleger gekennzeichnet – stärker als in jeder anderen Medienbranche.

Ausfaltung neuer, qualitätsjournalistischer Oberflächen

Der Trend hin zu einem deutlich ausgeprägten Autorenjournalismus wird radikalisierend auf die Ökonomisierung der klassischen kommerziellen Massenmedien wirken und für eine weitere Konsolidierung/Marktbereinigung/Konzentration sorgen. Der an Massenmedien wie Zeitungen oder Fernsehen gekoppelte Anspruch zur Wahrung von journalistischer Qualität in der Breite ist passé. Das Bollwerk aus „Alpha-Journalisten“ aggregiert zunehmend an einem anderen Ort und bekommt durch die Gesichter der Protagonisten eine neue Strahlkraft.