Wikileaks: Institutionenbeben durch Video-Veröffentlichung

Die Veröffentlichung des Irak-Videos durch Wikileaks ist keine "Schande" für die klassischen Medien, sondern eine logische Folge des veränderten Öffentlichkeitssystems.

Peter Sennhauser schreibt auf Netzwertig:

Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass das Video, welches Wikileaks nach eigenen Angaben von mehreren Seiten aus Militärkreisen zugespielt wurde, auch grossen Zeitungen und TV-Ketten vorlag. Denn wer Kopf und Karriere riskiert, weil er oder sie es nicht ertragen kann, dass die Wahrheit vertuscht wird, wendet sich an die grössten und vertrauenswürdigsten Outlets.

Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen –, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung.

„Schande“ und „Bankrotterklärung“ sind wohl zu harsche Formulierungen. Ganz sicher aber steht auch die Veröffentlichung am Montag auf Wikileaks für ein Institutionenbeben in der Medienlandschaft. Jahrzehntelang hatten hierzulande etwa der Spiegel und wenige andere ein Oligopol auf Whistleblowing. Informanten konnten nur zu ihnen gehen. Diese Medien saßen am Flaschenhals der Veröffentlichung indiskreter Dokumente. Das ist nun vorbei. Die Zahl der Stellen, bei denen man derartige Videos abgeben kann, ist explodiert. Und viele der neuen „Outlets“ haben sogar noch den Vorteil größerer Unabhängigkeit von der Macht als die klassischen Medien. Damit ist der Nimbus der Whistleblower- und Recherchemedien dahin. Der Fall vom Montag macht dies nur noch einmal sehr deutlich. Er ist daher keine „Schande“ für die klasssichen Medien, sondern eine logische Folge der Systemveränderungen durch das Internet – und damit auch sein Anzeiger.

Merkenswert ist, wie souverän Kai Gniffke – als Vertreter der „Mainstreammedien“ – mit dem Material umgeht. Er nahm das Video nicht nur in die 20-Uhr-Tagesschau (während viele öffentlich-rechtliche Sender in ihrer Berichterstattungsneigung zu offiziellen Politik-Statements davon nicht berichteten), sondern lobt auch die Authentizität der neuen Internetquellen. Sehr gut – Gniffke ist so gesehen schon in der seiner neuen Rolle angekommen.

Nachtrag: Fulminanter Text von Michael Seemann zu dem Thema bei der FAZ:

Die Ironie an der Geschichte ist, dass die Kameras, die in den Helikoptern installiert sind und alle Missionen genaustens protokollieren, eigentlich Teil eines riesigen Kontrollapparates sind. Jedes Militär ist streng hierarchisch aufgebaut. Was unten passiert, musste bisher durch eine wohlgeordnete aber lange Befehlskette von unten nach oben herauf gereicht werden. Dank neuster Technologie fliegt das Oberkommando heute bei jedem Einsatz mit. Und jetzt sind auch wir dabei. Denn der Kontrollaparat wird zum Kontrollverlust.

Sobald Daten existieren, ist ihre Reichweite nicht mehr sicher eingrenzbar. Der Kontrollverlust weitet sich aus, je mehr Medien zum Einsatz kommen. Von den Journalisten, über die Soldaten, über die Opfer bis hin zu jenen stummen Zeugen des Oberkommandos, die kalt und unbewegt alles aufzeichnen, werden sich die Medien multiplizieren. Und das einzige, was es dann noch braucht, ist ein klitzekleines Leck.

Der Kontrollverlust hat einen Kulminationspunkt gefunden: Wikileaks. Wikileaks ist für den Kontrollverlust das, was die New York Times für den Journalismus war ist. Die wichtigste Institution und das Paradebeispiel seiner Funktionsweise. Kein Monopol, aber ein Sinnbild.