„monitor“-Beitrag: Zwischen Märchenstunde und Motzki-Pöbelei

Die WDR-Sendung "monitor" lieferte kürzlich ein Beispiel, wie Wirtschaftsjournalismus nicht funktionieren sollte: unpassende Vergleiche, vermeintliche Experten, stereotype Darstellung. Das Ergebnis ist so faktenbasiert wie eine Märchensendung.

Die Qualität und Integrität von Wirtschaftsjournalismus steht angesichts der Krise ganz erheblich infrage: „Wirtschaftsjournalismus in der Krise: Ahnungslos, orientierungslos, überfordert“, heißt es mittlerweile nicht mehr nur bei Führungskräften, Wissenschaftlern und Spitzenpolitikern.

Mit ihrem Beitrag „Klientelpolitik – Wie die FDP die Profiteure der Finanzkrise schützen will“ hat auch die WDR-Sendung monitor rückblickend die Wirtschaftsberichterstattung weiter Richtung Märchenstunde samt Motzki-Pöbelei verschoben. An dem Beitrag von Achim Pollmeier, Markus Schmidt und Kim Otto stimmt nicht einmal der Titel. Schließlich geht es in dem 6-Minuten-Film, der Ende Februar ausgestrahlt wurde, nicht um einen dunklen Plan der FDP, sondern vielmehr um Werbung für eine Idee der Redaktion. Man könnte den Beitrag auch Reklame nennen.

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"Vollkasko bei Bankengeld" - der monitor-Bericht hier zum Anschauen

monitor-Regel 1: Phrasen dreschen

Wer sind eigentlich die Profiteure der Finanzkrise, die laut Programmtitel von der FDP geschützt werden sollen? Laut Duden solche, die einen Profit aus etwas ziehen.

Intuitiv würde man beispielsweise an den Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG (VW) Dr. Martin Winterkorn denken. Schließlich haben die Finanzmarktturbulenzen das Wettringen zwischen der Porsche SE und VW um die zukünftigen Eigentumsstrukturen entschieden. Statt fristloser Kündigung gab es dank dieser externen Umstände eine Extraprämie von 800.000 Euro. Der Rest des Einkommens wurde ja bereits durch die staatliche Abwrackprämie gesichert – sonst wäre VW wohl mit Verlust aus dem Jahr 2009 gegangen.

Für die Redakteure sind die Profiteure auch nicht die fürstlich entlohnten Staatsangestellter des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin), nicht die staatliche Deutsche Bundesbank mit ihren Milliarden-Finanzkrisen-Erträgen, und nicht die Bürgermeister in den Kommunen, die ihre Wahlversprechen dank der Konjunkturmittel erfüllen können. Nein, für das Autorenteam sind die Profiteure der Finanzkrise die Gläubiger von Instituten, die auf vertragskonforme Bedienung ihrer Kredite hoffen dürfen. Wenn überhaupt, haben diese von den Stabilisierungsmaßnahmen profitiert, aber das ist doch wohl ein fundamentaler Unterschied.

Anekdotisch sollte darauf hingewiesen sein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst unbesichert rund 216 Millionen Euro an GEZ-Gebühren und Altersvorsorgegelder bei der HRE investiert hatte. Damit ist der WDR laut monitor ein Profiteur der Finanzkrise.

monitor-Regel 2: Die Unwahrheit verbreiten

Schon die Ansage von Sonia Seymour Mikich „Die Banken und Versicherungen, die diese Krise angerichtet haben, wurden nicht nach Abgaben, nicht nach Gegenleistungen gefragt“ erinnert doch stark an den „Rattenfänger von Hameln“. Denn ein Blick in die Finanzmarktgesetzgebung verdeutlicht selbst dem Laien das genaue Gegenteil. „Stabilisierungsleistungen gibt es nicht umsonst – sie haben einen Preis, der ihrem Wert entspricht.“ Daher hat der staatliche SoFFin bereits in den ersten 15 Monaten seines Bestehens rund 650 Millionen Euro aus Zinsen und Gebühren eingenommen.

Doch die Märchenstunde geht auch im Beitrag munter weiter. So behaupten die Autoren: „Und die FDP? [..] Mehrfach haben wir gefragt, wie man Gläubiger künftig in die Haftung nehmen will? – Keine Antwort.“ Falsch! Neben zahlreichen Telefongesprächen hat der Fachreferent der Bundestagsfraktion in zwei schriftlichen Stellungnahmen ausführlich Antwort zu dem angesprochenen Sachverhalt gegeben und auf offene Fragen hingewiesen. Diese ließen sich hier auch dokumentieren.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Doch was macht man mit Leuten, die damit gar nicht mehr aufhören? Ich bin für eine Pinocchio-Lösung.

monitor-Regel 3: Äpfel mit Birnen vergleichen

Nah dran an der Unwahrheit sind auch unpassende Vergleiche – ein besonders beliebtes Stilelement von Achim Pollmeier, Markus Schmidt und Kim Otto. Im besagten Märchenbeitrag wird eine Restrukturierung eines Kleinstunternehmens aus dem produzierenden Gewerbes mit einer Rettung einer Großbank verglichen.

Das scheint an sich schon ein gewagter „Ritt auf der Kanonenkugel“ zu sein. Schließlich sollte das Wort systemrelevant gerade für Wirtschaftsjournalisten kein Fremdwort mehr sein. Besonders fantastisch wird das Münchhausen-gleiche Redaktionsteam aber, wenn man einen reinen Forderungsverzicht von Gläubigern eines Kleinstunternehmens als Aufhänger für einen so genannten Fremd-zu-Eigenkapital-Tausch für Großbanken macht. Das erste ist freiwillig und gesetzlich klar geregelt. Letzteres soll aus Sicht der Autoren verbindlich geregelt werden – wohl samt notwendiger Aufhebung der Verfassung.

monitor-Regel 4: Experten, die keine sind

Expertenäußerungen können ein überzeugendes Stilelement für die Vermittlung medialer Botschaften sein. Sie sollen für die notwendige Autorität, Integrität sowie Unabhängigkeit sorgen, um dadurch eine Position besonders wirksam zu untermauern.

Doch wenn sich keine Experten für die Untermauerung der eigenen Position finden lassen, greift das Redaktionsteam gerne auch auf Pippi Langstrumpf zurück: ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt. Deshalb darf der ausgewiesene Arbeitsmarktökonom Prof. Dr. Dennis J. Snower auch sinnfreie Finanzmarktideen des Redaktionsteams kommentieren. Dem gemeinen Zuschauer mag dies nicht besonders auffallen, für jeden Ökonomen ist das aber wie ein Auftritt von „Rotkäppchen“ im Märchen „Frau Holle“.

Wer würde zur Behandlung von Magenkrebs zum Zahnarzt gehen? Wer käme auf die Idee, einen Heilpraktiker bei der Behandlung eines offenen Armbruchs aufzusuchen? Eben. Deshalb lässt man Prof. Snower auch keine Finanzmarktreformen kommentieren.

monitor-Regel 5: Stereotypen bedienen

Was bei Motzki so erfolgreich war, dass darf bei monitor natürlich nicht fehlen. Dauerndes Nörgeln hat schließlich auch schon früher die Zuschauer angezogen. Und so wie Motzki auf die Ossis geschimpft hat, so macht es hier eben auf die FDP.

Man verkauft dann eine Einzelmeinung eines Abgeordneten als „die FDP“. Grundsatz: Es gibt sicher einen faulen Ossi, also sind die Ossis faul. Die Ironie in diesem Motzki-esken Beitrag ist nun aber, dass die Autoren sämtliche Gläubiger von Banken als Klientel der FDP beschreiben. Und da jeder kleine Sparer eben ein Gläubiger eines Instituts ist, ist quasi das gesamte Volk Klientel. So wird man also Volkspartei!

Fazit: Programmstruktur ändern

Natürlich kann es nun nicht darum gehen, öffentlich-rechtliche Redaktionen wie monitor zu zensieren. Ähnlich faktenbasierte Sendungen wie „Wicky und die starken Männer“, „Raumschiff Enterprise“ und „Der 6-Millionen-Dollar-Mann“ werden ja auch nicht verboten, nur weil der Zuschauer das für wahr halten könnte, was dort gezeigt wird.

Vielleicht sollte man aber beim WDR darüber nachdenken, die Sendung monitor zukünftig auf dem Kinderkanal KI.KA auszustrahlen. Dort kann man auch andere Märchen sehen.

[Disclaimer: Steffen Rutter ist Mitarbeiter der FDP-Bundestagsfraktion. Dieser Beitrag ist seine persönliche Meinung. Die Redaktion von Carta begrüßt seinen Text ausdrücklich als Meinungsbeitrag über die Qualität von Wirtschaftsjournalismus. In der Qualitätsdebatte werden gerade auch die Stimmen von Betroffenen gebraucht.]

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