Christian Heller

Die Ideologie Datenschutz

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Datenschutz ist nicht gleich dem Kampf um digitale Freiheitsrechte. Er dient bestimmten Vorstellungen von Staatsrecht, “geistigem Eigentum”, Menschenbild und Status Quo. Ihm entgegen lassen sich Daten-Explosion und Erosion des Privaten nicht nur als Gefahr, sondern auch als emanzipative Chance begreifen.

17.03.2010 | 

Dem Datenschutz geht es um nichts weniger als den Kampf gegen “das absolut Böse”. Das bedeutet die Reduzierung des Wunders Mensch auf bloße verrechenbare und somit beherrschbare Zahlen – folgt man der Argumentation von Frank Rieger. Dieser mobilisierte mit solcherart Parolen auf der Keynote des letzten Chaos Communication Congress (Audiomittschnitt):

“Konkret” und “radikal” müsse man jetzt der Kultur des Datensammelns entgegen treten: “Das geht nicht mehr. Die Zeit ist vorbei, wo das zu tolerieren ist.” Der “gesellschaftliche Konsens” gehöre endlich auf “Datensparsamkeit”, “Datenvermeidung” eingeschworen. Gegendenkende Ansichten seien “Verirrung”. Man dürfe “Datenverbrechen” nicht länger “als Kavaliersdelikte” behandeln: “Es muss den Leuten tatsächlich persönlich an ihre Existenz gehen”.

Diese Leidenschaft des Datenschutzes folgt dem Leitspruch der britischen Fernsehserie “The Prisoner” (1967, dt. “Nummer 6“): “I will not be pushed, filed, stamped, indexed, briefed, debriefed or numbered. My life is my own.” Mein Leben gehört mir. Wer ohne meine Erlaubnis aus meinem Leben resultierende Informationen zieht, behält, weiterverarbeitet oder gar benutzt, der handelt wider dieses Eigentumsverhältnis; greift meine Freiheit und Selbstbestimmung an, meinen Selbstbesitz; wirft mich unter seine Kontrolle.

Ein alarmierender Aufruf, ethisch fordernd wie ein Menschenrechtsartikel – etwas, um Bürgerrechtsbewegungen zu begründen und auf die Straße zu treiben. Bei genauerem Hinsehen, das sollen die folgenden Ausführungen skizzieren, ist Datenschutz aber vor allem auch: Ideologie und Instrument bestimmter Vorstellungen von Staatsrecht und geistigem Eigentum; Rettungsanker für bestehende Ordnungen im Guten wie im Schlechten und Schutzversprechen für fragwürdige identitäre Logiken.

Datenschutz: freiheitlich-demokratisch, verfassungs- und staatstreu

Der Staat, das hat das 20. Jahrhundert bewiesen, wird selbst da, wo er sich Demokratie nennt, rasch zum Ungeheuer, seine Polizei zur Securitate, seine Bürokratie zum KZ-Verwalter, wenn dem Bürger nicht unveräußerliche Privilegien und Schutzbereiche gegenüber staatlicher Kontrolle eingeräumt werden. Folgt man der Logik des Datenschutzes, gilt das auch fürs Sammeln von Daten über den Bürger.

Diese Denkrichtung teilen – in reuevoller Selbstbeschneidung ihrer Befugnisse – auch die Grundpfeiler der Bundesrepublik Deutschland. Wir verdanken ihr verfassungsrechtliche Begriffsprägungen wie die “informationelle Selbstbestimmung” und das “Grundrecht auf digitale Intimsphäre”. Mit sichtbarem Stolz verweist die hiesige Datenschutzbewegung auf ihre eigene Rolle im Einfordern dieser Ideen. Zugleich gesteht sie treu ein, sie der Autorität eines Jahrzehnte vor ihrer Geburt aufgesetzten Nation-building-Dokuments namens “Grundgesetz” und seiner staatstragenden Säule “Bundesverfassungsgericht” zu verdanken.

Am Anfang steht also zwar Misstrauen gegenüber dem Staat; am Ende dann aber notwendiges Vertrauen in seine Stärke zur Selbstkontrolle und Selbsteindämmung. Der Dissident von gestern findet seine Ruhe im rechtspositivistischen Verfassungspatriotismus.

So geht es auch nie nur gegen den Staat allein. Kampf für Datenschutz versteht sich als Zwei-Fronten-Krieg: Nicht nur gegen die Datensammelwut von Behörden wird vorgegangen, sondern auch gegen die der Privatwirtschaft. Sind die Stanford-Mathematiker von Google und Facebook nicht technisch viel smarter als die Schlapphüte vom BKA? Dann ist die Daten-Souveränität ihnen gegenüber noch viel strenger zu verteidigen!

Freilich ist im Fall der Privatwirtschaft die Erfahrung der realen Geschichte an Bedrohungsszenarien ärmer: Verbreitetstes Leiden ist die milde Belästigung durch zielgerichtete Werbung und telefonische Drückerkolonnen, die vom Adresshandel zehren. Scoring beispielsweise verweigert aufgrund bestimmter Datenauswertungen Kredite, ist aber kaum mit der Unheilsmacht eines Staates vergleichbar. Lässt man die Staatsmacht weiter den Hauptbösewicht sein, kommt immerhin noch ein Szenario hinzu: dass sie diese Unternehmen in ihrem Hoheitsbereich als Werkzeug und Datenbank-Erweiterung unter ihre Kontrolle bringe.

Sorgen aber, dass das BKA in den Datensätzen von StudiVZ herumschnüffeln könnte, hört man vergleichsweise selten. Öfter wird dagegen die Furcht formuliert, Google, Facebook usw. könnten persönliche Daten deutscher Bürger in den Zugriffsbereich amerikanischer Behörden überführen. Man könnte sagen, die Privatwirtschaft bereitet als imperialistischer Arm des Auslands Sorge. Hier findet sich Datenschutz rasch im Schulterschluss mit dem Machtbedürfnis des Staates: Unheimliche Kräfte und Einflüsse von Außen gilt es kleinzuhalten. Datenschutz wird gern zum Kronzeugen berufen, wenn deutsche Politiker vor den Bedrohungen aus dem Internet durch Google & Co. warnen.

Was heißt die Auflösung von Individuen in verschaltbare Daten-Wolken, die Externalisierung der Person vom menschlichen Körper auf Wälder aus Internet-Profilen, der Kontrollverlust übers “Ich”? – Foto: plemeljr (cc by-nc-sa)

Was heißt die Auflösung von Individuen in verschaltbare Daten-Wolken, die Externalisierung der Person vom menschlichen Körper auf Wälder aus Internet-Profilen, der Kontrollverlust übers “Ich”? – Foto: plemeljr (cc by-nc-sa)

Größte Sünde der Unternehmen ist aber vielleicht nicht einmal, dass sie für sich selbst Daten sammeln, sondern dass sie Menschen dazu verführen, in Social Networks und ähnlichen Plattformen der Welt mehr über sich preiszugeben, als Datenschützer für klug halten. Hier sehen sie eine Notwendigkeit, Menschen vor sich selbst zu schützen. Politische Apparate der Medienpädagogik, des Jugendschutzes, der Gesetzgebung werden angerufen und frohlocken über jede verliehene Kompetenz zur Eindämmung von Freiheitsexzessen. Privatwirtschaft in ihrer Profitgier sei hier nicht vertrauensfähig; “zivilgesellschaftliche” (d.h. staatlich geförderte) und staatliche Kontrolle muss her. Hier spätestens zerbricht das Bild des Kampfes um Datenschutzes als Zwei-Fronten-Krieg: Datenschutz heißt, auf den Staat setzen.

Geistiges Selbst-Eigentum

Das Bedürfnis, den Fluss von Informationen im Netz zu kontrollieren, eint Datenschützer mit Rechteverwertungsindustrie, Staatsgeheimnis und Zensur. Allesamt glauben sie an die Notwendigkeit, den Zugang und die Weiterverwertbarkeit von Informationen zu verknappen und pochen hierfür auf staatliche Macht, Erziehung der öffentlichen Moral und Ende der Netzneutralität: der Blindheit des Netzes gegenüber Art, Herkunft und Verpflichtungen der vertriebenen Einsen und Nullen.

Der ideologische Kampfbegriff “Geistiges Eigentum” entspricht der Forderung, ein Mensch möge Verfügungsgewalt besitzen über die Daten, die sein Leben generiert. Der Eigentumsbegriff im Datenschutz wird besonders absurd dort vorgeführt, wo vor der Entwicklung persönlicher Daten hin zur Massenware gewarnt wird. Man soll sich bewusst machen: Persönliche Daten werden für Profitzwecke gesammelt und ausgewertet. Daraus soll die Konsequenz gezogen werden dies für illegitime Ausbeutung zu halten – je schlimmer, desto mehr Profit daraus entstehe. Das setzt aber gerade voraus, dass persönliche Daten im Zusammenhang von Eigentum, Geld-Wert und Handelbarkeit begriffen werden -und dann mit ihnen zu knausern, um ihren Wert zu sichern oder zu steigern, anstatt sie durch großzügiges Teilen zu entwerten, zu vergesellschaften. Das Paradoxe nämlich ist: Sind Daten öffentlich und verfügbar, statt privat und gesperrt, bezahlt niemand mehr Geld für sie – sie hören also auf, Ware zu sein.

Genauso wie “Geistiges Eigentum” ist ein “Eigentum” an persönlichen Daten nicht naturgegeben, sondern nur ein gesellschaftlich erwünschtes Gedankenkonstrukt. Es gehört denselben harten Fragen ausgesetzt wie “Geistiges Eigentum” an Musikstücken oder Patenten: Wie rechtfertigt sich der Eigentums-Anspruch? Wer ist “Autor” und damit Rechteinhaber: das Individuum, der soziale oder kulturelle Hintergrund, der Augenblick, der Ort, der Auftraggeber, “die Gesellschaft”? Was rechtfertigt eine künstliche Verknappung, das Zurückhalten von Informationen vor der Allgemeinheit und bis in welches Maß?

Die Praktikabilität – und damit in gewissem Maße indirekt die Legitimation – solcher Eigentums-Konstrukte muss sich vor allem auch an der Realität der modernen Informationsmedien messen lassen. Und da hat die Rechteverwertungsindustrie für die Durchsetzbarkeit ihrer Eigentums-Begriffe in den letzten fünfzehn Jahren Schiffbruch erlitten. Warum sollte es um sonstige Informations-Monopolismen anders bestellt sein, wie etwa den Eigentums-Anspruch auf persönliche Daten?

Ballast der Daten und identitäre Einengung

Dem Datenschutz liegen nachvollziehbare Sorgen um die Freiheit des Einzelnen zugrunde:

Die Isolation des Privaten wird aufgebrochen und gibt denen ein soziales Echo, doe vorher nie geglaubt hätten, Geistesverwandte zu finden. Foto: Ivan Walsh (cc by-nc)

Die Isolation des Privaten wird aufgebrochen und gibt denen ein soziales Echo, die vorher nie geglaubt hätten, Geistesverwandte zu finden. – Foto: Ivan Walsh (cc by-nc)

Wenn ich unter dem Eindruck des Privaten, des Unbeobachteten, handle, dann sorge ich mich weniger darüber, was andere von diesem Handeln halten mögen und inwieweit es sich heute, morgen oder übermorgen mit dem Bild vertragen muss, das die Welt von mir haben soll. So kann ich mir abweichendes Verhalten erlauben und Experimente wagen. Muss ich mich indes sorgen, dass mein Verhalten für die Welt protokolliert und auswertbar gemacht wird, spüre ich dann nicht den Anpassungsdruck permanenter Prüfung, der mir jedes unvorsichtige Verhalten, jedes Spiel mit meiner Identität, jedes Ausprobieren von Neuem als riskant versagt? Dann muss ich jedes Handeln nicht nur auf seine Wirkung im Hier und Jetzt abwägen, sondern auch auf seine repräsentative Wirkung gegenüber der Außenwelt und auf den Ballast, den es für meine Zukunft bildet.

Dahinter steht ein System der identitären Einengung: Mein Handeln wird – im Durchlaufen bestimmter Rechenformeln – zu einer Identität summiert und diese Identität ist mein Wert in den Augen der Welt, ihrer juristischen, politischen, ethischen Maschinen. Diese Identitätssumme bestimmt, wie man mir begegnet und wie man mich behandelt, welche Wege man mich beschreiten lässt, welche Privilegien oder Verbote man mir auferlegt.

Das mag unattraktiv freiheitsbeschneidend klingen, ist aber allgemein akzeptiert: Wer Verbrechen begeht, den stempeln wir als “Verbrecher” ab – und wer Entscheidungen trifft, soll mit ihren Konsequenzen leben. Wir verinnerlichen dieses System in unserem Respekt für Begriffe wie “Schuld” oder “Verantwortung”. Wir lernen Geringschätzung gegenüber identitärer Unbestimmtheit, sind “auf der Suche nach uns selbst” (einer verlässlichen Identität) und werden “erwachsen” durch uns definierende Bindungen und “Verantwortungsübernahme”.

Eine Diktatur dieses Systems wäre unerträglich, wenn sie totalitär wäre. Das Leben würde sich immer mehr in Vorherbestimmtheit einengen. Jedoch gönnt uns unsere Kultur etwas Entspannung: die Privatsphäre und das Vergessen. Im Privaten können wir uns einigermaßen frei bewegen, ohne neuen Ballast zu erzeugen; und das Vergessen wirft alten Ballast ab, sogar juristisch kodifiziert durchs Verjähren oder das Verbot der Namensnennung resozialisierter Verbrecher.

Doch genau diese Entspannungen erscheinen im Zeitalter der Daten-Explosion bedroht: Wo immer mehr Leben erfasst wird, gibt es immer weniger Verstecke für das Private – und die unbremsbare Kopiermaschine Internet besitzt ein totales Gedächtnis, das auf gezielte Erinnerungslöschversuche mit Multiplikation der unerwünschten Erinnerung reagiert (“Streisand-Effekt“). Würde die Daten-Explosion die Diktatur der Vergangenheit über die Gegenwart und die der Gegenwart über die Zukunft tatsächlich total machen, wäre das allerdings ein Albtraum.

Tatsächlich kündigen sich aber entgegengesetzte Effekte an: Die Daten-Explosion bringt die Gleichgewichte der identitären Einengung ins Wanken. Wer ständig all seine tatsächlichen Fehler, Widersprüche, Idiosynkrasien, Persönlichkeitsspaltungen und Inkonsequenzen broadcastet, der kann nicht mehr in eine kohärente Identität gezwungen werden. Wenn das Millionen tun, erodiert das zugrundeliegende Bild des Menschen und seiner Planbarkeit: Die Gesellschaft muss ihre Erwartungen neu konfigurieren.

Datenschutz als Ablenkung und Duldung

Die Diktatur der über uns verfügbaren Daten – oder auch unserer Vergangenheit über unsere Zukunft – kann in vielen Fällen als das eigentliche Problem gesehen werden. Anstatt sie direkt anzugehen, will der Datenschützer das Problem aber durch Bewahrung eines bisherigen Status Quo nur in erträglichen Bahnen halten. Damit stellt er sich gelegentlich grundlegenderen Angriffen auf diese Diktatur in den Weg.

Rasterfahndung beispielsweise stempelt mich über Kriterien wie mein soziales Umfeld oder meine Zeitschriftenabonnements zum “Verdächtigen” oder “potentiellen Terroristen” ab. Meine Freiheit wird daraufhin durch polizeiliche Gängelungen eingeschränkt. Das Problem scheint hier zunächst die empfundene Grobheit der Einengung: An sich harmlose Eigenschaften sollen mich plötzlich in eine Identität zwingen, deren Zuordnung ich als unangemessen empfinde. Neu ist diese identitäre Zwangsjacke nicht – nur schien sie duldbarer, als ihre Verteilung noch knapper, unsichtbarer verlief.

Datenbank und Computer erweitern und verallgemeinern nun ihren Aktionsradius, objektivieren und systematisieren vormals subjektive und unsystematische Rasterungen. In gewisser Weise machen sie die Diskriminierung gerechter: Sie verlangen klare Formulierung und konsequenten Nachvollzug von Vorurteilen und Rassismen, unverwässert durch Instinkt, Zufall oder persönliche Sympathie. Solcherart hervorgekehrt, erweckt ein als ungerecht empfundenes Kriterium zur Gängelung von Menschen eher gesellschaftliche Empörung, als wenn der Rassismus nur einen vermeintlich offensichtlichen Drogendealer oder Illegalen trifft. Nachprüfbarkeit, Objektivierung und erhöhte Reichweite der Rasterkriterien können grundlegend die Legitimation einer identitären Zwangsjacke untergraben, die vorher nur stichprobenweise, verschwommen und damit vergleichsweise unangreifbar verordnet wurde.

Oder betrachten wir die gern behauptete Beschädigung von Karriere-Aussichten durch über Google & Co. recherchierbares Privatleben: Junge Leute sollen davor geschützt werden, dass Informationen über ihr Leben bei einer Job-Bewerber-Auswahl gegen sie ausgelegt werden – und zwar indem sie ihr Leben ins Unsichtbare zwängen. Als eigentliches Problem kann hier die vermutete Intoleranz der Arbeitgeber erkannt werden. Diese lässt sich wohl weder durch Moralpredigten eliminieren, noch durch Gesetzgebung: Die Auswahl eines Bewerbers verläuft intransparent oder kann andere Ablehnungsgründe als die tatsächlichen vorschieben. Die Privatsphäre der Bewerber vor der Intoleranz der Welt zu schützen ist hier also sicher die zweckdienlichste Lösung?

Ein solcher Schutz durch Unsichtbarkeit schützt aber nicht nur das Individuum vor der Intoleranz der Welt, sondern auch die Intoleranz der Welt vor dem Individuum. Nicht nur erfordert jetzt die Intoleranz des hypothetischen Arbeitgebers kein weiteres Eingreifen; die von ihm gezogene Linie zwischen Akzeptablem und Inakzeptablem wird reproduziert in der neu gezogenen Linie zwischen dem, was man die Welt von sich ruhig wissen lassen darf, und dem, was man besser schamvoll verbergen sollte. Gesellschaftliche Toleranz-Normen verändern sich, wenn sie genötigt werden, sich zu verändern: Die Schwulen-Bewegung hat nicht durchs Verstecken die westliche Welt zur Toleranz genötigt, sondern gerade durch ihre Weigerung, weiter die Opfer-Rolle des Sich-Versteckens zu akzeptieren, durch die Sichtbarkeit von Schwulenparaden und Massen-Outings.

Die Chancen der Post-Privacy

Ein Diktat der Daten-Scham und des Daten-Schutzes würde vielversprechende emanzipatorische Potentiale des Netzes beengen, blockieren.

Die Sorglosigkeit, mit der Menschen inzwischen ihr Leben und ihre Eigenheiten der Welt offenbaren, darf nicht nur als einzudämmende Gefahr begriffen werden, denn sie schafft für Millionen von Menschen neue Kommunikations-Anlässe, Anknüpfungs-Punkte, Neigungs-Familien. Sie bricht die Isolation des Privaten auf und gibt denen ein soziales Echo, die vorher nie geglaubt hätten, Geistesverwandte zu finden.

Befördert wird dieses Empowerment durch eine immer intelligentere Vermittlungs-Maschinerie: Das Web weiß immer mehr über uns und verwandelt dieses Wissen in Empfehlungen, Verknüpfungen, Gedächtnis- und Denk-Erweiterungen, die uns neue Kontakte, Ressourcen und Einsichten bescheren. Sich intelligent verselbständigendes Sammeln und Auswerten von Daten ist Grundlage und Treibstoff dieser Dynamik: Die Bedingung einer alles informationell erfassenden Symbiose unserer Welt mit einem anwachsenden weltweiten Computernetzwerk, die immer mehr Menschen als bereichernd empfinden. Wer das Sammeln und Auswerten von Daten verteuern und bremsen möchte, verteuert und bremst gleichzeitig diesen Prozess.

Natürlich kann das Sammeln und Auswerten von Daten auch der Repression dienen. Wie so oft ist alles eine Frage der übrigen Bedingungen. Die Gefährlichkeit von Daten ist abhängig von den Machtverhältnissen, in die ihr Fluss gegossen wird – und die sie zugleich auch mitformen.

Das trifft für die Verwertbarkeit von Wissen genauso zu wie für seine Verteilung. Oft ist eine Bewegung Richtung Machtgleichgewicht eine Bewegung Richtung Gleichverteilung von Wissen: Der Staat sollte nicht mehr über die Bürger wissen als die Bürger über den Staat. Datenschützer wollen diese Gleichverteilung durch Beschneidung eines Mehr an Wissen auf Seite des Staates sicherstellen. Genausogut (gleichzeitig oder ungleichzeitig) kann man aber fürs Aufstocken des Zu-Wenig an Wissen auf der Seite des Bürgers votieren. Diese Idee fasst der Futurist David Brin in den Begriff “Transparent Society”: Wenn schon Überwachung, dann solle doch bitte jeder jeden überwachen dürfen.

Auch der Datenschützer wünscht sich, dass Überwachung und Datensammlung, wo unvermeidlich, transparent geschehen sollen. Brins “Transparent Society” geht aber noch weiter: Sie erhebt Transparenz zum gesellschaftlichen Grundprinzip. Macht, Gesetzgebung, Eigentum usw. würden nur legitimiert, soweit sie transparent – also ihre Innereien und Hintergründe öffentlich nachvollziehbar – wären. Wo Transparenz sich anschickt solcherart Machtverhältnisse anzugehen, wird das Verhältnis zum Datenschutz angespannt: Der Reiche pocht aufs Bankgeheimnis, der gefilmte Prügel-Polizist auf sein Persönlichkeitsrecht. Datenschutz, gerade auch in seiner weiter oben dargestellten Staatsnähe, kann Machtexzesse nicht nur behindern, sondern genauso gut festigen.

Die gegenwärtige Daten-Explosion und Erosion des Privaten lässt sich als Bedrohung oder als Chance begreifen; in jedem Fall erschüttert sie bisherige Verhältnisse, Privilegien, Sicherheiten. Es ist verführerisch, sich in dieser Verwirrung an die vermeintlichen Sicherheiten des Status Quo zu klammern. Eine Welt im Fluss erfordert aber nicht nur immer wieder die Rechtfertigung von Neuem gegenüber dem Alten, sondern auch umgekehrt immer wieder die Infragestellung des Alten durch das Neue. Der Status Quo findet sich oftmals nicht nur an seiner Oberfläche, sondern tief in seinen denkerischen Voraussetzungen angegriffen: Dann muss grundlegend darüber reflektiert werden, wie unsere Menschen- und Gesellschaftsbilder beschaffen sind und was wir uns von ihnen erhoffen.

Der eingangs zitierte Frank Rieger legt hier zielgenau seinen Finger in die Wunde, wenn er vorm Umbau des Menschenbildes warnt. Man kann diese konservative Haltung teilen oder nicht, aber der Alarmismus trifft die Wucht, mit der Fundamente unseres gesellschaftlichen Denkens sich gerade erschüttert finden. Anderswo, z.B. hier und hier und hier, wird die Frage – bei Beibehaltung ihrer Grundsätzlichkeit – ergebnisoffener diskutiert: Was heißt die Auflösung von Individuen in verschaltbare Daten-Wolken, die Externalisierung der Person vom menschlichen Körper auf Wälder aus Internet-Profilen, der Kontrollverlust übers “Ich”? Das Ende eines alten Menschenbildes muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein – es kann auch von Erwartungen und Zwängen befreien, internalisierte Machtstrukturen aufschütteln, den Weg frei machen für neue Ausformungen von Identität, Geist und Leben.

Christian Heller, 25, lebt in Berlin und experimentiert unter dem Namen “plomlompom” mit dem Auslagern von Identitäts- und Denkprozessen in Internet-Software.

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79 Kommentare

  1. Brett |  17.03.2010 | 19:25 | permalink  

    Mein erster Eindruck ist, dass du zu viel auf einmal in diesen Artikel hineinpacken wolltest. Am Ende gibt es ein paar schöne dialektische Pfeile, aber auch ein Verknäueln unterschiedlicher Problemebenen, so dass man denkt: nett argumentiert, aber das Ergebnis ist doch eigentlich Quatsch, oder nicht?
    Wenn du “den Weg frei machen (möchtest) für neue Ausformungen von Identität, Geist und Leben”, dann hat das eben nichts damit zu tun, das ganz andere Instanzen jeden deiner Clicks im Internet verfolgen, aufzeichnen und auswerten. Was hat das damit zu tun, dass die Mobilfunkunternehmen alle Gesprächsdaten aufzeichnen?
    Ähnlich abenteuerlich ist es, die Debatte um geistiges Eigentum mit dem Schutz vor Datenmissbrauch zu verknüpfen. Das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun, es sei denn mühselig über den Begriff “Eigentum”. Meine personenbezogenen Daten betrachte ich aber weder als mein Eigentum noch würde ich sagen, dass sie auf stundenlanger geistiger Arbeit beruhen. Es sind einfach Daten, die andere über mich gespeichert haben. Und wenn Dritte über mich Daten sammeln, möchte ich mindestens darüber informiert werden, wenn sie an Vierte und zu welchen Zwecken weitergereicht werden. Was das mit dem blühenden Sozialleben im Internet zu tun hat? Ich weiß es nicht. Ich würde auf jeden Fall vorschlagen, die Rubriken nicht so wild durcheinander zu diskutieren.
    Mir ist auch unklar, was sich praktisch aus deinem Beitrag ergeben soll? Verbot aller Passwörter und Verschlüsselungen? Zwangstransparenz für alles und für jeden? Das wäre offenkundig unsinnig im Sinne deiner Zielsetzungen, denn dann würden sich die Menschen einfach aus dem Internet zurückziehen (diese Vermeidungsstrategie wird jetzt schon sowieso von mehr Menschen praktiziert als du glaubst, sie ist eher die Regel, egal wie viele Schein-Identitäten bei Facebook täglich ihre Geisterstunde halten).
    “Die Gefährlichkeit von Daten ist abhängig von den Machtverhältnissen” – das ist der Abgrund, in den du gar nicht tief genug hineingeblickt hast. Machtverhältnisse können sich nämlich ändern. Und ruckzuck können aus ungenutzten Daten eine der schärfsten Waffen eines rpressiven Staates werden. Man muss nur an den politischen Verhältnisse im Iran oder Nord-Korea denken, um gar nicht lange diskutieren zu müssen: Das emanzipatorische Potenzial des Internets braucht Schutz vor dem Staat und braucht zuweilen und stellenweise auch Anonymität und Privacy. Alles andere ist naiv und unhistorisch gedacht.
    Mir ist schon klar, dass deine Gedanken auch einen “futuristischen” Hintergrund haben. Ein Staat, der die Bürger so lückenlos kontrollieren kann wie die LKW-Fahrer auf der Autobahn, wird aber nicht zu der Zukunft führen, die du dir erträumst. Eher zu einer Art Sozial-Tyrannei, wie sie J. Zeh beschrieben hat.

  2. vera |  17.03.2010 | 22:25 | permalink  

    alles schön und gut, christian. darauf kann man jetzt eine lange, humanistisch unterfütterte antwort mit kulturhistorischen bezügen geben.

    geht auch einfacher: es kann nicht sein, daß mir irgend jemand die hoheit über meine daten abnimmt.

  3. Christoph Kappes |  17.03.2010 | 22:54 | permalink  

    Ich sage erstmal vielen Dank. Der Artikel ist ideenreich, liest sich gut – und endlich macht sich überhaupt einmal jemand grundsätzliche und tiefere Gedanken über die Gründe für Datenschutz und Privatsphäre, statt die alten Stereotypen zu wiederholen – diese Diskussion ist wichtig, weil die Fronten quer durch alle “Lager” verlaufen.

    Zwei Anmerkungen:
    1. die kleinere: Der Datenschutzgedanke richtet sich – historisch und richtigerweise – primär gegen den Staat, weil dieser das Gewaltmonopol besitzt und folglich tiefer in Freiheit eingreifen kann als Privatunternehmen, die keinen körperlichen Zwang ausüben können. Das übersehen gerade jüngere Menschen, die etwas derartiges nie erlebt haben, ja es ist teilweise ausserhalb ihrer Vorstellungskraft. Aus diesem Grunde ist das Bewusstsein für dieses Thema unterschiedlich, die Unterscheidung zwischen Onlinern und Offlinern ist es m.E. weniger.
    Als Abwehrrecht gegen den Staat ist es auf staatliche Durchsetzung angewiesen; dieses “Paradoxon erscheint mir eher der Normalfall bei Grundrechten. also nicht erwähnenswert. -> Gewaltenteilung
    2. die grössere: Der Gedanke, dass Privatsphäre sich ändert, ändern kann und ändern soll, hat zunächst auch für mich Charme: Wenn (Extremfall und Gedankenspiel) alle alles wissen, kann sich die Ächtung wie bei Homosexualität ändern, das die Toleranz fördern etc.
    Das Dumme an diesem Gedanken ist nur, dass er das Vertrauen darauf voraussetzt, dass mit diesen Daten kein Missbrauch betrieben wird – und das ist leider das Gegenteil dessen, was wir als historische Realität kennen. Eine Utopie, die nie eintreten wird. Ich halte sie für ein intellektuelles Wolkenkuckucksheim, mehr noch: diesen Zustand anzustreben ist gefährlich. Vor allem, wenn man die Diskussion abstrakt führt: es geht eben weniger um die Daten, die wir “im Leben generieren” allgemein. Es geht um völlig unterschiedliche Schichten, von simplen Adressdaten, sonstigen öffentlich zugänglichen Daten, um aggregierte Daten, maschinell geschlossene Daten bis hin zu Daten über ünsere sichtbaren und unsichtbaren Interessen, Vorlieben und Einstellungen. Man kann das Thema m.E. nur differenziert in Bezug auf Daten betrachten: Vielleicht ist es wirklich kein Problem, den Musikgeschmack betreffend, vielleicht ist in 200 Jahren Rechtstaat die Entäusserung der politischen Einstellung in der Regel üblich – aber das “Innere”, dass wir Freunden in einer GMail offenbaren, wird immer schutzbedürftig sein, und zwar nicht nur gegen Einsichtnahme durch Menschen, sondern auch durch Maschinen, die hieraus Schlüsse ziehen.

  4. Christian Heller (plomlompom) |  18.03.2010 | 00:12 | permalink  

    Danke für die Reaktionen :-)

    Bretti:
    1. Du lehnst es ab, persönliche Daten als dein Eigentum zu betrachten, verlangst aber Verfügungsgewalt über sie? Woher soll sich dieser Kontroll-Anspruch legitimieren?
    2. Was sich “praktisch” aus meinem Beitrag ergeben soll: Mir kommen bestimmte Denkrichtungen in der ja durchaus vorhandenen öffentlichen Debatte über Privatsphäre und Datenschutz zu kurz, und da möchte ich ein paar Argumente gegenhalten. Ich verlange nicht, dass der Datenschutzbeauftragte sein Amt niederlege und die Freiheit-statt-Angst-Demonstranten nächstes Mal doch bitte zuhause bleiben mögen; aber die Monotonie einer “Basta! wir wissen jetzt, was gut ist und was schlecht”-Logik, die ich aus vielen Beiträgen zur Datenschutzdebatte herauslese, halte ich für unzureichend, um die Komplexität der Wandelsprozesse und der von ihnen aufgeworfenen Fragen abzubilden.
    3. Machtverhältnisse können sich ändern–jawohl. Ein Umstand, den man aber nicht nur defensiv denken muss. Eine neue Informationsökonomie lässt sich ebensogut als Voraussetzung für eine Verbesserung statt eine Verschlechterung der Situation denken. Ein Käfig kann seinen Insassen sowohl einsperren als auch beschützen; genauso kann ein schwerer Schutzanzug dich sowohl beschützen als auch deine Handlungsfreiheit einschränken. Was schützt und stärkt oder schwächt und gefährdet ist oft nicht so glasklar verteilt.
    4. Du willst das Internet vor dem Staat schützen, gut-gut. Indem du den Staat Regeln aufstellen lässt, wie das Netz (in seinen Datenflüssen) zu funktionieren hat?

    vera:
    Woher nimmst du die “hoheit” über deine Daten?

    Christoph Kappes:
    1. Zustimmung, die Situation mit dem Vertrauen auf Selbstkontrolle des Staates ist keine völlig neue. Was sie aber in Bezug auf Datenschutz, denke ich, interessant macht: Die sich abzeichnenden Reibungen zwischen Nationalstaaten und nicht-mehr-ganz-in-den-Arbeitsbereich-eines-Staates-kartographierbaren Machtanballungen (die ja oftmals auch privatwirtschaftlich sind). Mir scheint, hier ist Datenschutz durchaus von der einen Seite besser instrumentalisierbar als von der anderen.
    2. Zu einem gegebenen Zeitpunkt x mag es tatsächlich möglich sein, zu differenzieren, um welche Klasse von Daten es geht, und welcher Datenfluss und welche Datenauswertung nützlicher Gebrauch oder gefährlicher Missbrauch seien; dann kann man auch ethische Hierarchien bilden zwischen der Öffentlichkeit und Privatheit von Daten. Die hierfür notwendigen Kriterien, Grenzziehungen, Maßstäbe (und ja, auch, was als “Inneres” gilt) befinden sich jedoch, wenn man ein paar Schritte zurücktritt für einen größeren zeitlichen Überblick, in frappierendem Wandel; und zwar, so habe ich den Eindruck, durch die neuen technischen Möglichkeiten und Erfahrungen im Durchschnitt eher in eine Richtung der Öffnung, die also mehr erlaubt, weniger verbietet. Es gibt zwar seitens Datenschützern viel gegensteuernde Rhetorik, aber ich habe nicht den Eindruck, dass daraus in der Lebenspraxis irgendein verstärkter Trend Richtung Rückziehung, Einkapselung, Verborgenheit erfolgen würde; dem steht bei vielen Menschen eine neue Sorglosigkeit entgegen, über die ihre Vorfahren nur den Kopf geschüttelt hätten (oder ihn sogar auch heute noch schütteln).

    Neue Post-Privacy-Schocks, wie das Leaken von Intimitäten, Google StreetView oder neue Korrelationsalgorithmen werden zwar problematisiert, in ihren möglichen Gefahren erkannt; aber daraus entsteht nicht notwendigerweise ein Schritt in die Zeit zurück vor ihnen. Wer Chancen und Risiken abwägt, gelangt zuweilen zum Schluss, dass ein Risiko sich auch aus einer anderen Richtung heraus einschränken lässt als aus der, die die idealerweise beizubehaltenden Chancen erzeugt; der Daten-Missbrauch wird gefährlich erst durch die Instrumente, die den konkreten Schaden anrichten, und die kann man genausogut an vielen verschiedenen möglichen Punkten auf der Handlungslinie vermuten und bekämpfen, die beim Daten-Einstellen oder Daten-Sammeln beginnt, sich über eine Vielfalt an Macht-Wirkungs-Infrastruktur fortzieht und bei beruflicher Diskriminierung, Kreditverweigerung oder Verhaftung endet. Es gibt eben nicht immer nur eine einzige korrekte Lösungsansatz-Schablone.

  5. Christian Heller (plomlompom) |  18.03.2010 | 00:20 | permalink  

    Ach ja, ich wollt noch hinzufügen: Ich plane, diesen Thesen-Apparat auch nochmal auf dem kommenden Berliner PolitCamp in einer Session mit dem Titel des Artikels zur Diskussion zu stellen :-)

  6. Mathias |  18.03.2010 | 02:16 | permalink  

    Herr Heller verkündet doch diese Thesen schon seit Jahren ohne Erfolg. Dass seine geneigten Mitbürger eben nicht alle in Scharen der “transparent society” nachrennen, liegt an deren unterschiedlichen Bildungsniveaus. Wer etwas nachdenkt, erkennt ohne viel Mühe, was Vor- und Nachteile wären.

    Na klar, und Frank Rieger ist konservativ und nicht ergebnisoffen, alarmistisch natürlich auch. Dass er sich wehrt gegen so ein neues Menschbild, ist doch sonnenklar, denn es ist vor allem eins: unsolidarisch.

  7. Philip |  18.03.2010 | 11:30 | permalink  

    Da bin ich jetzt neugierig geworden, Mathias. Was sind diese Vor- und Nachteile?

  8. mspro |  18.03.2010 | 12:15 | permalink  

    Wie schon mehrfach gesagt: ich finde den Text großartig. Geradezu schauderhaft gut. Ich denke, er hat einige ganz schön verschreckt, das sollte er ja auch. Die Diskussion fängt ja gerade erst an.

    Ich hab aber auch ein paar kritische Anmerkungen:

    1. Ich verstehe ja deinen kritischen Reflex gegen den Einfluss des Staates, aber er ist oder wäre nicht nur nur Hüter und Durchsetzer von Datenschutzmaßnahmen, sondern auch von Netzneutralität, wenn sie denn mal kommen sollte. Und da bist du ja explizit dafür.

    2. Ist deine Forderung /natürlich/ nicht realistisch. Für Wertewandel in Gesellschaften – Menschen funzen ja nicht nach Moores Law – braucht es immer mindestens ein Jahrzehnt, eigentlich viel länger. Das heißt, eine ungeschützte Privatsphäre stieße aufgrund dieser Ungleichzeitigkeit auf nach wie vor gültige Vorurteile. Dass mag in Berlin funktionieren, überall anders hätte man es mit schlimmer – vor allem so glaube ich: zivilgesellschaftlicher – Repression zu tun.

    3. Was ich aber für gültig erachte und was die absolute Stärke des Textes ist: Die im Datenschutz arbeitenden Konservativismen aufzudecken. Vor allem diese Großkotzigkeit mit der man die Jugend “belehren” will, worüber ich mich ja auch schon in Hattingen ausgekotzt hatte.

    Denn 4. Wird dieser Prozess (den ich im Kern durchaus für Wünschenswert erachte) wenn überhaupt durch die heute schon Fakten schaffende Jugend voran gebracht. Ihnen mit “Medienkompetenz”-Belehrungen Steine in den Weg ihrer neuartigen Sozialisation zu werfen, halte ich für reaktionär.

    @Mathias Keine sorge. Nix hat sich geändert. Niemand stellt auf Social Networks seine Daten aus. Alles ist beim alten und Sie können sich getrost wieder hinlegen.

  9. Brett |  18.03.2010 | 12:56 | permalink  

    @christian: Kurz zurückgefunkt…
    “Du lehnst es ab, persönliche Daten als dein Eigentum zu betrachten, verlangst aber Verfügungsgewalt über sie? Woher soll sich dieser Kontroll-Anspruch legitimieren?” – Der Kontrollanspruch leitet sich daraus ab, dass es mich betrifft, unter Umständen in der Weise, dass ich mich mit denFolgen der Offenlegung oder Weitergabe der Daten herumzuschlagen habe. Das ist, wenn du so willst, kein Eigentumszusammenhang, sondern ein politischer Zusammenhang: Bei allem, was mich so direkt oder ähnlich direkt betrifft, möchte ich mindestens gefragt werden. In gewissser Weise ist das Recht auf personenbezogenen Datenschutz schlichtweg ein demokratisches Recht.

    “Du willst das Internet vor dem Staat schützen, gut-gut. Indem du den Staat Regeln aufstellen lässt, wie das Netz (in seinen Datenflüssen) zu funktionieren hat?” In Bezug auf personenbezogene Daten ist mir in Deutschland eine gesetzliche Regelung lieber als eine privatwirtschaftliche. Zu dem damit verbundenen Dilemma hat ja schon Christoph Kappes das Richtige gesagt, d.h. es ist natürlich – wie alles hierzulande, was gesetzlich zu regeln ist – ein umkämpftes Gebiet.

    Ansonsten glaube ich, dass mspro einen wichtigen Hinweis gibt, nämlich dass “die Jugend” den Strukturwandel der Privatheit und damit auch ein grundlegendes anderes Verständnis von Gesellschaft ganz alleine betreibt. Die Zukunft ist am Ende auch immer einfach das, was passiert, nicht das, was man sich ausmalt, wünscht und erdenkt. Meiner Meinung werden wir in der Summe öfffentlicher sein als früher, aber die Menschen werden sich weiterhin gerne in “Höhlen” zurückziehen, wo sie vor der Öffentlichkeit ihre Ruhe haben. Kommune I ist damals ja auch ruckzuck gescheitert, danach kamen die Wohngemeinschaften, wo jeder sein eigenes Zimmer hat. Und wo man auch mal jemanden rausschmeißen kann, der auf einmal anfängt, in der Schublade herumzuwühlen. Die Menschen sind eben so ;)

  10. Christian Heller (plomlompom) |  18.03.2010 | 14:05 | permalink  

    ad mspro:

    1. Die Sache mit der Netzneutralität, guter Punkt. Muss sie nicht ebenso wie der Datenschutz zwangsläufig eine staatlich verordnete sein, bzw. mindestens ebenso sehr wie der Datenschutz? *grübel* Vielleicht fällt mir dazu später mehr ein.

    2. Korrekt, der beschworene Wertewandel vollzieht sich zu langsam, um sich–für die meisten Menschen jedenfalls gilt das–für den eigenen Alltag unreflektiert drauf verlassen zu können. Das verlange ich aber auch gar nicht. Es ist klar, dass es jemand mit dem Outing leichter hat, dessen bestimmendes Umfeld sich in Berlin befindet, als jemand, der auf ein wertkonservatives Bergdorf verdammt ist; entlang einer Logik der gesellschaftlichen Toleranzbildung durch Outing ließe sich daraus aber nicht nur ableiten, dass der Mensch auf dem Bergdorf besser weiter etwas vorsichtiger mit seiner Privatsphäre umgehen sollte; sondern genauso gut, dass der Mensch in Berlin, gerade weil er es sich leisten kann, sogar ethisch verpflichtet sein könnte, offener zu leben; denn sein Outing pusht die Intoleranz zurück, bis irgendwann sich auch das ja doch auch nicht ganz von der Welt abgeschottete Bergdorf langsam seine Toleranzmarker wird verschieben müssen.

    Im Grunde heißt das nur: Wir müssen nicht nur die Defensive, sondern auch die Offensive in unsere Strategiebildung mit einbeziehen. Die Gefahren oder Potentiale der konkreten eigenen Situation abschätzen, und ebenso dafür auf eine Auswahl der dokumentierten Erfahrungen und Lage-Einschätzungen mehr oder weniger vergleichbarer Situationen durch Dritte zugreifen, das muss trotzdem noch letztlich jeder für sich allein tun.

    ad Brett:

    1. Ok, da kannst du natürlich recht haben: Ein politischer Kontrollanspruch muss nicht unbedingt identisch einem Eigentumsverhältnis begriffen werden. Du erhebst Kontrollanspruch über das, was dich betrifft–das Prinzip auch der Demokratie. Wenn man das Ganze aber nicht übers Eigentum denkt, wird es, finde ich, dennoch schwierig, einen allzu starken oder einengenden Kontrollanspruch zu erheben:

    Auch in einer Demokratie habe ich als Einzelner ja nicht die /totale/ und /absolute/ Macht über die Gesetze der Gesellschaft, die mich betreffen; ich muss mich in stärkerem oder geringerem Maße der Mehrheit unterordnen und mit den Selbstbestimmungsräumen vorlieb nehmen, die sie mir im Ergebnis unserer Verhandlungen gestattet. Durch diese teilweise Selbstaufgabe habe ich zugleich auch Anteil an all den Vorzügen der Gesellschaft, die ich für mich allein nicht gestemmt kriegen würde: öffentliche Ordnung und Sicherheit, Sozialversicherungssysteme, Autobahnen. Wo die Grenze zwischen Selbst- und Fremdbestimmung gezogen wird, ist jedenfalls permanent gesellschaftlich-politische Verhandlungssache und nicht nur meine Privatentscheidung–bzw. mir bleibt höchstens die Privatentscheidung, mich aus dieser Gesellschaft zurückzuziehen, schlimmstenfalls absolut, indem ich auswandere.

    Ich denke, mit den Daten ist es ähnlich: Sie sind nicht nur Teil von mir, sondern eines weit über mich hinausreichenden Organismus, auch, wo sie mich betreffen. Sie entstehen oftmals nicht durch meine, sondern durch fremde Initiative (ich bin nicht ihr Autor); und betreffen auch meist nicht nur mich allein, sondern gleichzeitig auch viele Andere (sei es dadurch, dass eine Anormalität nur festgestellt werden kann, wenn sie Teil einer Datenreihe über viele größtenteils ‘Normale’ ist; sei es dadurch, dass es ein legitimes Bedürfnis nach Erfassungsvollständigkeit einer Statistik gibt, wenn etwa die Ausbreitung von Epidemien untersucht werden soll). Insofern bedeutet der Umstand, dass sie mich betreffen, nicht, dass mir eine absolute und totale Kontrolle über sie zusteht. *So* sie (und nicht vielleicht etwas Anderes auf der Durchsetzungsstrecke) als politisches Machtinstrument erkannt werden, bleibt es natürlich trotzdem unter der Prämisse der Demokratie ein nachvollziehbares Anliegen für mich, Einfluss darauf zu haben, wie ebendieses eingesetzt wird. Doch wenn wir Daten nicht mehr als unser persönliches Eigentum betrachten, sondern als eine andere Substanz, die nichtsdestotrotz mächtig ist über unser Leben, müssen wir eine große Vielzahl unserer Begriffe und Metaphern, die vor allem auch im Kampf des Datenschutzes benutzt werden, ausgiebigst überdenken.

    2. “Die Zukunft ist am Ende auch immer einfach das, was passiert, nicht das, was man sich ausmalt, wünscht und erdenkt.” Danke für diesen wunderschönen Satz :-) Im Grunde stimme ich dir zu. Und wenn ich eine Gegen-Utopie zum Diktat des Datenschutzes herbei imaginiere, dann tue ich das hoffentlich in aller Bescheidenheit, ohne einen Anspruch: der Jugend aufzuzeigen, wo sie hin soll; bestenfalls, um denen, die ein Diktat des Datenschutzes einfordern, ein “schaut mal, man kann die Situation und ihre Tendenzen auch genauso gut andersrum bewerten; seid euch nicht zu sicher in euren Bewertungen und den daraus folgenden vermeintlichen Notwendigkeiten” entgegen zu stellen. Und ich hoffe, wenn man die Fragen aus mehr als nur einer Seite heraus, nur einer Defensivlogik etwa, denkt, auch eine größere Auswahl an Handlungsmöglichkeiten entsteht, um Gefahren zu begegnen und Chancen zu stärken.

    Ich für meinen Teil zum Beispiel experimentiere hier und da immer mal wieder mit Post-Privacy, um zu schauen, auf welche unerwarteten Gelegenheiten oder Probleme ich dadurch stoße, und dort, wo es noch vergleichsweise ungefährlich ist, damit zu experimentieren, wie diesen zu begegnen sei; ein Voranreiten und Erkunden des Geländes, auf das wir uns zubewegen; und hierfür muss man sich eine gewisse Ergebnisoffenheit bewahren, der natürlich weder ein defensiver Fatalismus, noch ein aggressiver Optimismus ganz gerecht werden. Aber wenn beide Seiten Vertreter stellen und gelegentlich auch mal ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen austauschen und ins Gespräch miteinander bringen, ist, denke ich, der Mittellinie ganz gut gedient.

  11. vera |  18.03.2010 | 17:04 | permalink  

    @christian
    mit verlaub, die frage ist albern. klinke mich hier aus.

  12. Daniel Poli |  18.03.2010 | 18:20 | permalink  

    Zunächst einmal verspricht der Titel des Beitrags eine Verschleierung aufzudecken, die zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient. Leider fehlt im Weiteren eine analytische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Ideologie. Dennoch finden sich Ansätze von Ideologiekritik, die voller Erstaunen gesellschaftliche Widersprüche entlarven: Der moderne Staat bedroht und schützt zugleich die freie Selbstbestimmung und Entfaltung der Persönlichkeit seiner Bürgerinnen und Bürger. Stimmt. Das kennen wir seit sich die bürgerliche Gesellschaft in Form des modernen Staats herausgebildet hat und die Forderungen
    von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit von einer herrschenden Klasse dazu benutzt wurden, ihre Machtposition zu festigen. Gleichzeitig wurden auch Freiräume geschaffen, die weit über die die Logik von Machtsicherung und Verwertungsinteressen hinausgehen. Ich bezeichne diese Entwicklungen mal vorsichtig als „Fortschritt“. Mit der schlichten Folie historischer Unterscheidung, stelle ich fest, dass zu einem spezifischen Zeitpunkt Menschen in ihrer Freiheit zur Selbstbestimmung bei der Entfaltung der Persönlichkeit durch allerlei gesellschaftliche Mechanismen beschränkt wurden und es zu einem anderen Zeitpunkt weniger Einschränkungen gab. Leider sind solche Fortschritte nicht von unbegrenzter Dauer und können je nach historischer Situation auch wieder zurückgenommen werden. Denn der moderne Staat besitzt ein intolerantes Wesen, dessen Interesse durch Machtmonopol gesichert, bestimmte Kontrollfunktionen über seine Staatsbürger und Staatsbürgerinnen ausüben möchte, um sich nicht in einer bloßen Ideenwolke auflösen zu müssen. Mit der erfolgreichen Erfindung und Implementierung des Konzepts von Polizei ist dies auch umfassend möglich geworden und formt die moderne Gesellschaft und ihre Bestandteile als spezifische Subjekte. Um diesem Wesen etwas entgegenzuhalten, braucht es immer wieder politische Kämpfe, die Toleranz und Abwehrrechte gegen den Staat vom Staat einfordern und damit bestehenden Fortschritt sichern und vielleicht erweitern. Hierbei wird der moderne Staat selbst als Akteur notwendig, da nur er Fortschritt auch institutionalisieren kann, ihn also auf eine gewisse Dauer stellt und mit seinem Gewaltmonopol schützt. Der Staat wird also durch Verfassung gebändigt gleichzeitig zum Schützer vor sich selbst. Eines seiner politischen Apparate, so der Text sei die Medienpädagogik. Stimmt. Hier besteht nämlich die Aufgabe, Jugendlichen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung beizubringen. Sie also darin zu schulen, den Schutz gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe ihrer persönlichen Daten zu verstehen und dies auch einfordern zu können. Es geht also darum, dass es auch in Zukunft noch Menschen gibt, die Toleranz und Abwehrrechte gegenüber dem Staat einfordern, um die freie Selbstbestimmung bei der Entfaltung der Persönlichkeit auch weiterhin als Fortschritt und Freiraum nutzen und ausbauen zu können. Denn wer nicht weiß, oder beeinflussen kann, welche Informationen bezüglich seines Verhaltens gespeichert und verarbeitet und vorrätig gehalten werden, der ist gezwungen aus Vorsicht davor sein Verhalten anzupassen und lebt in panoptischer Unfreiheit.

  13. Tarantoga |  18.03.2010 | 21:16 | permalink  

    @plomlompom: Das Entscheidende ist doch, dass Du sagst, Du experimentierst mit post-privacy. Praktisch bedeutet das doch nur, dass Du bewusst Datenspuren legst, auf dass jemand sie findet. Auch Du gibst keinesfalls die Kontrolle über Deine Daten auf, sondern hast lediglich einen etwas “mutigeren”, eben experimentierfreudigen Umgang damit indem Du über einen (kontrollierten) Teil Deiner Daten die Kontrolle aufgibst.
    Im Grunde erfüllst Du damit nur die Forderung der Datenschützer, denen es nämlich vor allem um einen emanzipierten und selbstbestimmten Umgang mit den Daten geht. Dies vor allem durch Datensparsamkeit zu erreichen, ist nur der beste Tip hierfür, den man einem “Anfänger” in den Informationswelten geben kann.

  14. Wolf-Dieter |  18.03.2010 | 21:46 | permalink  

    Der Beitrag befremdet mich.

    – Zitat –
    Ein alarmierender Aufruf, ethisch fordernd wie ein Menschenrechtsartikel – etwas, um Bürgerrechtsbewegungen zu begründen und auf die Straße zu treiben.
    – Zitat Ende –

    Mein Datenschutz bedeutet für mich ein Abwehrrecht gegen den Staat. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung hat das Verfassungsgericht aus dem Abwehrgedanken gegen eine überbordende Staatsmacht hergeleitet. Dass das Grundgesetz, auf dem die Entscheidung fußt, nicht vom Volk erkämpft, sondern uns von den Aliierten aufoktroyiert wurde, ist mir Wurscht, aber so was von!

    – Zitat –
    Der ideologische Kampfbegriff “Geistiges Eigentum” entspricht der Forderung, ein Mensch möge Verfügungsgewalt besitzen über die Daten, die sein Leben generiert.
    – Zitat Ende –

    Ich beanspruche tatsächlich Geistiges Eigentum, wenn gegen Elena protestiere und auf das Prinzip der Datensparsamkeit poche? Das “Geistige Eigentum” ist in der Tat ein Kampfbegriff, aber nicht der Datenschützer, sondern als “Intellectual Property” der Rechteverwertungsmafia. Der Überleitungsbogen zum Datenschutz beweist immerhin intellektuelle Unerschrockenheit.

    – Zitat –
    [...] ist aber allgemein akzeptiert: Wer Verbrechen begeht, den stempeln wir als “Verbrecher” ab – und wer Entscheidungen trifft, soll mit ihren Konsequenzen leben.
    – Zitat Ende –

    Klingt für mich wie “Wer nichts zu verbergen hat …”. Darauf antworte ich gewöhnlich: mein Privatleben geht Sie gar nichts an — nicht meine Küche, nicht mein Esszimmer, nicht meine Pornosammlung. Wer das sehen will, braucht meine explizite Einladung.

    Und schließlich der Hinweis auf den Datenexhibitionismus vieler bei Facebook und Co. Mein Herr, diese Leute dürfen sich outen, wie sie wollen — ich tue es nicht, und daraus leitet sich keinesfalls ein Zweifel an meinem Bedarf an Datenschutz ab.

  15. klare soup |  19.03.2010 | 07:56 | permalink  

    “Als eigentliches Problem kann hier die vermutete Intoleranz der Arbeitgeber e…”…

    Als eigentliches Problem kann hier die vermutete Intoleranz der Arbeitgeber erkannt werden….

  16. Christian Heller (plomlompom) |  19.03.2010 | 09:55 | permalink  

    ad Daniel Poli:

    Vielen Dank für diesen herausfordernden Einwurf.

    1. Ideologiebegriff! Für mich ist eine Ideologie ein notwendigerweise verkürztes (ich sage bewusst nicht: ‘falsches’) Bewusstsein: Anstatt eine Frage ergebnisoffen forschend anzugehen, werden ihre Gegenstände diversen politischen Vorannahmen, Vereinfachungen und Bewertungen unterworfen. Das stabilisiert und vereinfacht Handlungsschemata. Es hat als politische Strategie deshalb sicher seine Vorteile: Wo ich etwa klar in Gut und Böse teilen kann, kann ich unkomplizierter und energischer “Basta!” auf den Tisch hauen.

    Es kann aber auch blind machen gegenüber möglicherweise relevanten Details oder Alternativdeutungen. So können alternative Lösungsansätze unter den Tisch fallen. Wer sich zu sehr auf seine Ideologie als Wissensgrundlage über die Welt versteift, verringert seine Handlungs- und Erkenntnismöglichkeiten; er kann in einer Sackgasse enden und so dem ursprünglichen Anliegen, aus dem die Ideologie sich rechtfertigte, einen Bärendienst erweisen. Daher kann es nicht schaden, allzu sicher sich gebende politische Weltdeutungen regelmäßig mit Ideologiekritik zu überziehen.

    2. Deine Darstellung der verzahnten Geschichte von Staatssouveränität, Subjektformung und individualfreiheitlichem Fortschritt erscheint mir angemessen komplex und nachvollziehbar. Ich widerspreche aber an dem Punkt, wo du dem Staat das Monopol auf die Schaffung und Sicherung von Fortschritts-Institutionen zuschreibst.

    Der Staat war historisch schon immer nur ein Dach und eine Infrastruktur unter vielen, die derlei Institutionalisierungen ermöglichten: Religion/Kirche, putschende verselbständigte Armeen, Wirtschaftsunternehmen können allesamt ähnliche Machtkompetenzeen auf sich vereinen. Sie sind üblicherweise allesamt miteinander verzahnt und sichern sich gegenseitig; das ist aber ein anderes Bild als das des Staates als einzigem obersten Dach, von dem sich die Autorität von allem Anderen herleiten muss. Ein Staat kann z.B. ebenso abhängig sein vom Privateigentum wie das Privateigentum vom Staat.

    Es gibt eine Tendenz, den Staat noch am Ehesten als Durchsetzer etwa der persönlichen Freiheit seiner Subjekte (und damit auch von emanzipativ verstandener Fortschrittlichkeit) zu legitimieren: z.B. indem er durch göttliche Autorität oder demokratisch als Verwalter oder Repräsentation seiner Insassen besonders legitimiert sei. Derartige Konstrukte bedürfen kritischer Betrachtung: “demokratisch legitimiert” kann zum Beispiel ganz Vieles heißen; nicht notwendigerweise eine Bevorteilung der individuellen Freiheit derer, die im Volk aufgehen. Dem stehen gerade auch im Kontext Internetzeitalter viele andere selbstorganisierte politische Körper entgegen, die ebensogut begrifflich Anspruch darauf erheben könnten, für ihre Teilnehmer einzustehen.

    Man kann anzweifeln, ob diese neuen Körper im Vergleich zu einem Staat auch die nötige Macht für die Durchsetzung ihrer Ansprüche vorweisen können. Aber auch die Garantien und Hoheiten vieler Staaten (wenn sie sie überhaupt je hatten, siehe diverse ‘failed states’) schwinden unterm Druck z.B. der Globalisierung; dem steht infrastrukturell in seiner Weltformung weit über die private Profiterzeugung hinausgehendes (auch oft durchaus gesellschaftlich positiv bewertbares) Wirken wie etwa das von Google entgegen. Unter solchen Bedingungen dem Staat ein absolutes Monopol auf Demokratisierung und Institution zuzusprechen, erscheint mir zu kurz gedacht; sich hieran zu binden, macht den Datenschutz für mich in einem Maße staatsgläubig, das der Kritik bedarf.

    3. Du wiederholst das Argument der Kontrolle der Informationen über uns; damit auch, dass wir nur uns dann frei verhalten können, wenn wir kontrollieren, welche Informationen über dieses Verhalten in Umlauf geraten. Dieser Zwangsläufigkeit möchte ich widersprechen.

    Das von dir implizierte kontrollierende System umfasst längst nicht nur den Abschnitt mit dem Speichern und Auswerten von Daten; es umfasst auch diverse andere Annahmen wie etwa solche, was diese Daten über mich aussagen, inwieweit sie mich bestimmen und bewerten, inwieweit mich betreffende Vorteile oder Nachteile und Freiheitseinschränkungen aus ihnen legitimierbar sind; was ich im Text oben ein “System der identitären Einengung” nenne. Ein naheliegender Verteidigungseinsätzung gegenüber Freiheitseinschränkungen, die aus einem solchen resultieren mögen, ist sicher der Datenschutz. Ebenso naheliegend erscheint mir allerdings, im Abschnitt der Vorannahmen und Legitimierung identitärer Einengung anzugreifen; das erscheint mir sogar eine wesentlich fundamentalere Kritik als die Konzentration aufs bloße Werkzeug des Datensammelns.

    Datenschutz mag hier als Ansatz praktikabler und wirkungsvoller anmuten, vor allem, wenn man auf seine Durchsetzungsfähigkeit z.B. über einen starken Staat glaubt. Ich glaube aber: Wer sich auf diesen Ansatz versteift, verbaut sich einen Blick aufs Gesamtproblem und auf vielleicht lohnenswertere Angriffsziele als das bloße Instrument Datensammeln; vor allem auch, da Daten-Explosion und Post-Privacy, wie ich an anderer Stelle im Text zu zeigen versuche, durchaus eigene Potentiale der Emanzipation und des Empowerment mit sich bringen kann. Diesen würde sich ein Forcieren staatsautoritäterer Datenflussrestriktion entgegen stellen.

    ad Tarantoga:

    Ok, einem “Anfänger” in Post-Privacy-Dingen zu Datensparsamkeit als Anfangskonfiguration zu raten, erscheint erstmal ein rationaler Ratschlag.

    Man muss aber auch aufpassen, damit keine falschen Sicherheiten zu versprechen. Ich halte fortschreitenden Kontrollverlust in diesen Dingen für schwerlich aufhaltbar; wer sich also in der Sicherheit wiegt, mit gesetzlicher und pädagogischer Verordnung von Datensparsamkeit könne man das Problem schon aufhalten, unterschätzt die Dynamik. (Man mag mir dafür Vorherbestimmtheitsglauben vorwerfen.) Insofern erscheint mir auch der Glaube an die Totalverweigerung gefährlich, denn: Man muss sich in einem gewissen Maß der Welt aussetzen, um zu lernen, mit ihren Herausforderungen umzugehen.

    Und dieses Sich-Aussetzen in vorsichtigen Dosen versuche ich, indem ich hier und da mit Post-Privacy experimentiere. So lerne ich im Kleinen Strategien des Umgangs kennen, unerwartete mögliche Gefahrenfelder, aber auch unerwartete Möglichkeitsbereiche. So kann ich dann auch informierter abwägen, wo sich die Investition in Geheimhaltung (mit all den Schwierigkeiten, die das impliziert: aufpassen, wem man was an welcher Stelle sagt; der sich immer wieder aufdrängende Glaube, sich rechtfertigen zu müssen, warum man dieses öffentlich macht, jenes aber nicht) lohnt und wo nicht; und wo sich die Investition in Offenheit lohnt und wo sie eher Ärger bereitet. Ich predige also keineswegs für ein sofortiges sorgloses Stürzen in totale Entprivatisierung; nur dafür, sich in den neuen informationellen Gegebenheiten zu orientieren und dabei bald notwendige Erfahrungen zu sammeln, anstatt blind auf den Status Quo oder die Versprechen der Datensparsamkeit zu vertrauen.

    ad Wolf Dieter:

    1. Gut, es ist nicht nur eine Frage der Legitimation des Grundgesetzes selbst. Aber wenn man eine Legitimation *über* das Grundgesetz anerkennt, muss man das Grundgesetz selbst als legitimierende Instanz anerkennen; und damit läuft man Gefahr, auch alles an Staat anzuerkennen, was aus dem Grundgesetz herrührt. Das mündet in einem Staatsvertrauen, das ich doch zumindest bewusst reflektiert sehen möchte, statt schulterzuckend als quasi-natürlich anerkannt.

    2. Danke für die “intellektuelle Unerschrockenheit” ;-)

    3. *Wenn* wir akzeptieren, dass die Anhäufung unserer Vergangenheit uns definiert und uns vorherbestimmt, was sich in eben diesen Begriffsmustern zu “Verbrechen begehen -> Verbrechen” und “Entscheidung -> Konsequenz” spiegelt. Ich sage ja nicht, dass wir sie akzeptieren müssen. Ich möchte aufzeigen, dass diese Logik überhaupt erst Voraussetzung dafür ist, uns von unseren Daten einschränken zu lassen.

  17. Christian Heller (plomlompom) |  19.03.2010 | 10:02 | permalink  

    s/Verteidigungseinsätzung/Verteidigungsansatz/ im obigen Kommentar, ich müsste doch nochmal gelegentlich Sachen überlesen, bevor ich sie poste;-)

  18. Christoph Kappes |  19.03.2010 | 11:59 | permalink  

    Lieber Herr Heller,
    Sie schreiben: “selbstorganisierte politische Körper” und bezweifeln, “ob …neue(..) Körper im Vergleich zu einem Staat auch die nötige Macht für die Durchsetzung ihrer Ansprüche vorweisen können.”
    Ich sage noch einmal: Der Unterschied zwischen einem “politischen” (bzw. einem wirtschaftlichen) “Körper” ist dessen Unfähigkeit – rechtmässiges Verhalten vorausgesetzt – Zwang gegenüber dem Individuum auszuüben, insbesondere körperlichen Zwang.
    Bei allem Verständnis für Post-Privacy-Thesen: Das ist ein fundamentaler Unterschied. Google können Sie Nicht-Nutzen, wenn Sie es nicht wollen. Wenn Sie aber Zwangsgeld nicht zahlen, bekommen Sie Zwangshaft. Oder man öffnet nach richterlichem Beschluss (oder ggf auch ohne) Ihre Wohnung etc.

  19. Eisenmann |  19.03.2010 | 19:51 | permalink  

    Die Schwulenbewegung ist m.E. noch als ein Kind der 68er Kulturrevolution anzusehen. Mit einem Prinzip allgemeiner Toleranz gegenüber Minderheiten im Rücken. Aber heute braucht man nur eine Weile durch die Fußgängerzone gehen, um aus Gesprächsfetzen mitzukriegen, dass das Wort “schwul” für vieles Negative herhalten muss.
    Ebenso gibt es trotz 15 Jahren Internetpornographie in vielen Staaten Gesetzesverschärfungen gegen selbige. Wo man doch meinen müsste, dass man sich daran gewöhnt haben könnte?
    Aus der Arbeitswelt die im vergangenen Jahrzehnt dauernd zu lesende Formel “Benehmen ist wieder in”, bezogen auf das Wissen, wie man eine Forelle korrekt zerlegt, was man als konstruierten Abgrenzungsapparat (denn die Forellenzerlegungsregeln könnten objektiv auch anders lauten) gegen jene verstehen kann, die sich eben “nicht benehmen können”, eventuell zu interpretieren als – bewussten oder unbewussten – Angriff auf das Toleranzprinzip selber.

    Solcherart Phänomene lassen an der Auffassung zweifeln, dass “Toleranz”, etwas stabiles, einmalig erarbeitbares ist. Weitergedacht, was ist, wenn es Toleranz auf individueller, psychologischer Basis gar nicht gibt? Sondern der vermeintlich tolerant gewordene Einzelne spricht und handelt in Wirklichkeit tolerant aufgrund eines diffusen Eindrucks von Stärke der anderen Seite, z.B. einer in den Medien übertragenen Schwulenparade, letztendlich nicht aus ureigener Überzeugung, sondern im Rahmen einer unbewussten Anpassungsstrategie an eine subjektiv als herrschend empfundene Kultur?
    (oder plakativ, über eine kognitive Korrelationskette, z.B. Fernsehen ist toll, weil jezt 30 Kanäle statt 3 wie mein öder Nachbar, da kann ich öfter A-Team und Fußball sehen, hab gehört beim Fernsehen arbeiten mehr Schwule, deswegen sind Schwule ok)
    Gleichzeitig schwingt aber die ureigene Überzeugung (unnatürlich, eklig, gegen Gottes Weltordnung, etc.) immer dagegen und sobald sich der Eindruck des Neuen, Mächtigen und Unberechenbaren auflöst, kann sie wieder die Oberhand gewinnen. Der klassische linke Begriff re-aktionär kommt dabei in den Sinn, als möglicher Mechanismus aber innerhalb eines einzelnen Gehirns.

    Heute im Internetzeitalter ist es erstmals möglich uns 24/7 mit gleichgesinnten Meinungen zu umgeben, der erholsame Weg des geringsten Widerstandes für unsere Überzeugungen, welche sich dadurch wiederum selbst verstärken. Internet also nicht in der Rolle des verbindenden, sondern des die Gesellschaft teilenden Mediums.
    Diffuse Eindrücke können jetzt abgelöst werden durch handfeste Daten, die App, die mir anzeigt, wie viele Homosexuelle sich im Radius von 100km um mich herum befinden, auf zwei Nachkommastellen genau. Deutlich weniger als 10%? Dann brauch ich mir ja keine Sorgen machen, trotz Parade!

    Allein aus der Möglichkeit, dass sich dies so verhält würde ich im Zweifel kurz und bündig folgern, dass wir den Frank-Rieger-Datenschutz sehr brauchen, einfach, weil man sich auf diese “Toleranz” nicht verlassen kann. Wir wissen einfach noch zu wenig über den Menschen, wie verschieden wir in Wirklichkeit sind und wieviel Toleranz jeder einzelne von uns braucht.

  20. Leseempfehlungen für’s Wochenende: Schnarre & Kurz (+1) : netzpolitik.org |  19.03.2010 | 21:55 | permalink  

    [...] Christian Hellers “Die Ideologie Datenschutz” bei Carta habe ich doch glatt übersehen. Schwere Kost, aber es ist ja [...]

  21. Tarantoga |  19.03.2010 | 22:06 | permalink  

    @plomlompom: Du schreibst:”Ich halte fortschreitenden Kontrollverlust in diesen Dingen für schwerlich aufhaltbar;”
    Diese Einschätzung ist wohl leider realistisch, aber zwingend ist das keineswegs. Eine Welt, in der es als Ausfluss der Menschenwürde angesehen wird, es nicht hinnehmen zu müssen, anhand der eigenen Spuren von Algorithmen und Statistiken bewertet zu werden und über das Gefunden werden selbst entscheiden zu können, ist prinzipiell vorstellbar. Denn es geht beim Datenschutz letztlich nicht um das Einsperren von Daten (das wäre in der Tat völlig vergebens) sondern um die Verwendung der Daten in transparenten gesellschaftlichen und institutionellen Prozessen.
    Der Staat hat an sich gute Erfahrung damit Informationen in dieser Weise bewusst zu ignorieren, selbst wenn er sie prinzipiell da wären, Beweisverwertungsverbote wären hier ein Beispiel. Das Datenschutzanliegen ist daher nicht nur auf eine Erziehung der Nutzer gerichtet, sondern Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Institutionalisierung von Prinzipien zum Umgang mit persönlichen Daten. Wenn es die Datenschutzbewegung schafft, zum einen einen transparenten Umgang mit persönlichen Daten zu erzwingen (insbesondere auch von Privatunternehmen) und zudem klare Regeln für die Verwendung geschaffen werden, dann macht es das letztlich für das Individuum nur leichter und risikoloser mit den eigenen Datenspuren zu experimentieren. Auch wenn ich persönlich gleichfalls der Ansicht bin, dass man selbst ohne Staat auskommen sollte, derartiger Schutz ist der Kern des Sinns des Staates.
    Wenn es also Personalchefs schaffen müssen offensichtliche Eigenschaften wie das Geschlecht, das Alter oder eventuelle Behinderungen zu ignorieren, warum sollten sie nicht auch Partyfotos auf Facebook ignorieren müssen?

  22. Datenschützer müssen agiler werden : Aboona |  19.03.2010 | 22:49 | permalink  

    [...] Kommentare zu neutralisieren. Gegenüber dem Ansinnen der Netzwerkapologeten, dass der Datenschutz eine überholte Ideologie ist und Datenschützer dementsprechend obsolet sind, erklärt Morozov kategorisch: [...]

  23. Rückbau der Netzsperren, neuer JMStV-Entwurf und Datenschutz als Idelogie : netzpolitik.org |  20.03.2010 | 03:41 | permalink  

    [...] Christian Hellers Aufsatz “Die Ideologie Datenschutz” bei Carta dürfte bei Datenschützern der alten Schule auf eher wenig Zustimmung treffen. Ich halte [...]

  24. Volker Birk |  20.03.2010 | 06:57 | permalink  

    Schade. Mit dieser Dummheit spielst Du denen in die Hände, die Macht über andere über ihre Daten gewinnen wollen.

    Denn die werden Deine Nachricht ganz anders verstehen (wollen), als sie gemeint ist: nämlich dass Datenschutz grundsätzlich überflüssig ist.

    Datenschutz ist der Schutz von Menschen vor Daten, die andere über sie sammeln. Dabei ist es wesentlich, dass andere diese Daten haben, aber nicht alle. Nicht Wissen ist Macht, sondern mehr wissen als andere.

    Wo die Öffentlichkeit beginnt und wo die Privatheit endet, kann man also tatsächlich diskutieren. Was Du hier machst, wird aber keinesfalls diese Diskussion anregen: Du schadest nur.

    Schade, dass man Dich nicht davon abhalten kann. Politisch ist das blanke Idiotie.

    Viele Grüsse,
    VB.

  25. Soup von egeck |  20.03.2010 | 12:05 | permalink  

    “Brins “Transparent Society” geht aber noch weiter: Sie erhebt Transparenz zum…”…

    Brins “Transparent Society” geht aber noch weiter: Sie erhebt Transparenz zum gesellschaftlichen Grundprinzip. Macht, Gesetzgebung, Eigentum usw. würden nur legitimiert, soweit sie transparent – also ihre Innereien und Hintergründe öffentlich nachvollz…

  26. die ennomane » Blog Archive » Das Ende der Rolle |  20.03.2010 | 13:49 | permalink  

    [...] dem Artikel “Die Ideologie Datenschutz” behandelt Christian Heller die Frage, ob eine totale Transparenz aller Daten nicht auch [...]

  27. bits and pieces |  20.03.2010 | 15:12 | permalink  

    “Ein solcher Schutz [der Privatsphäre] durch Unsichtbarkeit schützt aber nicht…”…

    Ein solcher Schutz [der Privatsphäre] durch Unsichtbarkeit schützt aber nicht nur das Individuum vor der Intoleranz der Welt, sondern auch die Intoleranz der Welt vor dem Individuum….

  28. Ein neues Kapitel in der Datenschutz-Debatte |  20.03.2010 | 20:28 | permalink  

    [...] sehr lesenswerten Artikel über das in Deutschland die Internetdebatten oft dominierende Thema Datenschutz auf Carta [...]

  29. ominoko |  21.03.2010 | 12:00 | permalink  

    Christian, Du sprichst im Abschnitt über identitäre Einengung eigentlich alles an, was die völlige Öffnung so gefährlich macht bzw. die Privatheit so schützenswert. Erschreckend ist, dass Du am Ende im Stil von Mark Zuckerberg oder Google-Chef argumentierst.

    Wie bereits erwähnt, ziehen Menschen sich seit jeher in Höhlen, Hütten oder Häusern zurück ohne eine äußere Kraft, die ihnen die Verteidigung ihrer Privatheit aufgezwungen hätte. Diese Freiwilligkeit zeigt in ihrer Konsequenz, dass es ein menschliches Grundbedürfnis nach Privatheit gibt und selbst jene, die in sozialen Netzwerken unfreiwillig intimste Daten preisgaben, taten dies in überwiegender Zahl im Glauben, sich in einem von ihnen kontrollierten Raum zu bewegen. Die Software war schließlich so gestrickt, dass Freunde explizit eingeladen werden mussten bzw. anfragen mussten um eingeladen zu werden. Die Profiteure eines “Auslaufmodell Privatsphäre” ignorieren diese Tatsache schlichtweg.

    Tatsächlich spielen der Facebook-Gründer Zuckerberg und Konsorten das Bedürfnis des Menschen nach sozialer Integration gegen das Bedürfnis nach Privatheit aus. Es ist nicht verwunderlich, dass Zuckerberg zu den ersten gehört, die öffentlichkeitswirksam das Ende der Privatsphäre verkünden und dass die Google-Chefs sogleich auf den gleichen Zug aufspringen. Es sind die üblichen kapitalistisch orientierten Akteure die versuchen die Maßstäbe zu setzen, indem sie jetzt schon das von ihnen geschaffene Ende der Privatheit verkünden. Diese Leute benötigen neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen um ihre wirtschaftliche Expansion und die private Gier zu befriedigen und eine nach heutigen Maßstäben massenhafte Verletzung der Intimsphäre gesellschaftlich zu legitimieren indem sie dem Voyeurismus zuarbeiten. Dabei zeigen gerade die Reaktionen auf Datenschutzverletzungen bei Facebook, StudiVZ wie auch bei Google (Buzz), dass die Privatsphäre kein Auslaufmodell ist und es mehr als genug Gründe gibt, nicht ständig im online wie offline verfolgbar zu sein.

    Am Ende des Abschnitts schreibst Du, dass die Gesellschaft ihre Maßstäbe neu “konfigurieren muss”. Schon das Wort “muss” deutet doch an, dass Du eigentlich nicht von einem freiwilligen sondern erzwungenen Wandel redest. Ich finde sehr naiv zu glauben, nur weil alle irgendetwas tun, resultiert daraus, dass alle toleranter werden oder werden müssen. Gerade im Land der Kapitalisten herrscht beim Thema Fortpflanzung eine ideologisch bedingte Frigidität, die jeglichen evolutionären Ursprung verleugnet und das obwohl “es” _fast alle_ tun.

    Wir bewegen uns zudem in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der knallhart ausgesiebt wird, wer oder was zu viel kostet, zu viele Risiken birgt oder anders irgendwie gefährdend für den wirtschaftlichen Erfolg ist. Das führt dazu, dass sich manch einer im Dienste einer Firma wie ein A*loch verhält und trotzdem nicht von sich behaupten würde ein schlechter Mensch zu sein. Er beruft sich schließlich auf den Zwang Geld verdienen und der Firma dienlich sein zu müssen und und und … und bereinigt so sein Gewissen indem er die Verantwortung auf das unpersönliche Konstrukt Firma schiebt. Demnach werden Personalchefs nicht eben mal jemanden einstellen, dessen Datenprofil Labilität, Selbstzweifel oder andere Attribute offenbart obwohl das zutiefst menschliche Eigenschaften sind die quasi allüberall anzutreffen und gesellschaftlich akzeptiert sind.

    Zu hoffen, dass ein “gesellschaftlicher” Wandel die täglich gelebte Heuchelei besiegt ist also ziemlich verträumt.

  30. die ennomane » Blog Archive » Links der Woche |  21.03.2010 | 12:02 | permalink  

    [...] Christian Heller: Die Ideologie Datenschutz [...]

  31. crazsam |  21.03.2010 | 13:11 | permalink  

    ist immer schön, wenn sich die leute gedanken machen!
    wieso lassen wir dennoch alles mit uns machen ohne uns zu wehren?

    wir sind doch gar nicht so allein, wie jeder einzelne zu glauben scheind!!

  32. ominoko |  21.03.2010 | 13:22 | permalink  

    @ Christoph Kappes

    Auch die These “Google muss man nicht nutzen” oder “kann man umgehen”, halte ich für gefährlich. Tatsächlich zeigt Google AdSense, welches seit Jahren in Hundertenmillionen von Seiten vom Benutzer unbemerkt eingebunden ist und Daten sammelt, dass der Einzelne heute schon einiges an KnowHow und Eigeninitiative aufbringen muss, um Google irgendwie zu umgehen. Die Vielfalt an Google-Angeboten und deren schnelle Verbreitung macht das aber zunehmend schwieriger wenn nicht sogar schon unmöglich.

    Die Frage ob der Staat oder ein Privatunternehmen mir ggf. mehr schaden kann suggeriert, dass Daten bei Privatunternehmen weniger schwerwiegende Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen bedeuten können als Daten beim Staat.
    Das finde ich insgesamt ein wenig kurzsichtig.

    In den meisten AGBs und Privacy Statements von Firmen steht heute ungefähr:

    1. Die Unternehmen sind verpflichtet auf Basis von vorhandenen Gesetzen Daten an Behörden heraus zu geben, wodurch die Daten also nachwievor von der Privatwirtschaft an den Staat übermittelt werden können.

    2. Die Änderungen der AGBs und Privacy Statements sind meistens nicht ausgeschlossen, wodurch prinzipiell auch jegliche Verschlechterung in Sachen Privatsphäre denkbar ist.

  33. Christoph Kappes |  21.03.2010 | 19:02 | permalink  

    @ominoko: Mein obiger Satz “Google muss man nicht nutzen” ist verkürzend gemeint. Über Analytics werden (noch) ohne Opt-In Daten für Nutzerprofile gesammelt. Völlig berechtigter Einwand, steht auch hier auf Carta in meinem “Google-Bashing..:”

  34. Brett |  22.03.2010 | 00:39 | permalink  

    Es gibt überwältigende Argumente für den Schutz des Privaten. Ich zähle mich auch eher zu den Privat-Bedürftigen.
    Aber vielleicht sollte man auch die Kritik des Privatmenschentums schreiben und bedenken? Hinter dem Lob des Privatleben steckt auch eine gewaltige und fürchterliche “Kultur der Einsamkeit” (Peter Weiss/”Abschied von den Eltern”). Als wenn da hinter den verschlossenen Türen alles zum Besten stünde und die Menschen da froh und glücklich wären. Ich würde sogar vermuten, dass Gesellschaften mit viel Privatheit und wenig Öffentlichkeit keine glücklichen Gesellschaften sein können. Sie sind tendenziell pychotisch und generieren unzählige Psychopathien.
    Der “kleinfamiliale Binnenraum” ist auch der Ort, wo sich die Gesellschaft auflöst in Atome und jeder allein gelassen wird mit seinen Sorgen, Nöten, seiner Einsamkeit, seinen Komplexen, seiner Armut, seinen schlagenden Eltern, seinen schlagenden Gatten, seinen Krankheiten, seiner Verzweiflung, seinen Pillen, seinem Selbstmord. Die Perversion des vielleicht sogar im Ursprung natürlichen Bedürfnisses nach Privatheit ist an allen Ecken und Enden zu erleben. Spätestens im Alter erwischt es alle und wird immer grausamer und grotesker.
    Wir sind nach 200 Jahren Verbürgerung immer noch eine Ansammlung von Menschen, die sich meistens erst einmal fremd, anders und bedrohlich finden.
    Da gibt es einen tonnenschweren Druck, dass man nicht ausspricht, worunter man leidet. Immer und überall wird das Private ausgespart oder es wird nach Draußen nur eine geschaupielerte private Persönlichkeit kommuniziert, aber drinnen, hinterm Vorhang, tobt die Einsamkeit, der Ehekrieg, der finanzielle Zusammenbruch. “Ich bin okay”, sagen alle, und schön ist es dann drinnen in der Höhle, wo man nicht mehr schauspielern muss, aber glücklicher ist man deswegen auch noch nicht.
    Psychologen brauchen zig Stunden und müssen mühselig Vertrauen aufbauen, damit einer sich endlich, endlich nach Jahren zu sagen getraut, was ihn so fertig macht. Die jetzt gerade aktuell aufplatzenden Missbrauchsfälle sind alle gediehen auf dem Boden der Privatheit, der von außen nicht sichtbaren Innenräume (kann man wörtlich und metaphorisch verstehen).
    Vielleicht ist es eben doch kein Zufall, dass sie jetzt herauskommen, auch die Geschichten von vor 40, 50 Jahren, da sie auch im Internet öffentlich erzählt werden können (wenn auch meist anonym). Das Gegenteil von Privatheit ist ja nicht unbedingt, dass alle die Hosen herunter lassen müssen. Das Gegenteil ist Öffentlichkeit, und zwar gerade für die Bereiche der Gesellschaft, wo Macht auf Verschwiegenheit und Unglück auf nicht aussprechen dürfen beruhen.
    Ich kenne einen Fall aus dem Jahr 2009, wo eine Lehrerin von einer katholischen Privat(!)schule entlassen wurde, weil ihr Mann fremd gegangen ist und sich dann von ihr hat scheiden lassen. Für sich schon ein Skandal, aber noch mehr ein Skandal, wie die Kirche der Lehrerin aufgezwungen hat, diese Geschichte ja niemanden zu erzählen. Es soll ja nicht öffentlich werden – “eine Sache des Datenschutzes, verstehen Sie? Dann unterschreiben Sie bitte hier die Stilschweigevereinbarung.” Auch das könnte man fordern: “Es ist keinem Unternehmen und keiner Behörde erlaubt, über Kündigungsgründe Stillhaltevereinbarungen zu verlangen.”
    In diesem Zusammenhang sei auch an den Fall Koch/Weimar in Hessen erinnert, wo sich die CDU von den “eigenen” Steuerfahnder verfolgt fühlte und diese Leute dann abserviert wurden. Auch dergleichen lässt einen darüber sinnieren, welche enormen Möglichkeiten der Staat immer noch hat, seine Geschäfte vor der Bevölkerung zu verstecken. Politisch gesprochen: Welche Akten müssten eigentlich prinzipiell im Internet frei für jeden einsehbar zugänglich sein? Vielleicht nicht alle, aber jedenfalls sollte nicht die Regierung darüber entscheiden, was sie vor den Leuten verstecken darf und was nicht.
    Und natürlich ist die Quelle von Intoleranz (@eisenmann) oft auch einfach Unvertrautheit. Nachdem Schwule etc. noch bis vor wenigen Jahren sich verstecken mussten in ihrer Privatheit, dauert es eben eine Weile, bis das Empfinden für die Normalität des 3., 4., 5., … Geschlechts wirklich angekommen ist. Wenn man da hinkommen will, dann wird das aber genau nur gehen über Entprivatisierung. Es muss gewöhnlich werden.
    Ich glaube aber, dass diese Thematik der “Öffentlichen Privatheit” nichts oder nur wenig mit dem Datenschutz zu tun hat. Wenn ich meine Privatangelegenheiten veröffentliche, muss es noch lange nicht gestattet sein, dass alle möglichen machtförmigen Instanzen die Daten sammeln und auswerten dürfen. Ich richte mich ja an Menschen, nicht an Institutionen oder Datenmaschinen.
    Langer Rede, kurzer Sinn: Schutz für Privatbereiche schön und gut – aber wir brauchen dringend in vielen bereichen mehr Öffentlichkeit und mehr Gesellschaft, die sich selbst kennt und begegnet, statt mehr Abschottung und “Kultur der Einsamkeit”.

  35. links for 2010-03-21 - Nerdcore |  22.03.2010 | 07:05 | permalink  

    [...] Die Ideologie Datenschutz — CARTA Datenschutz ist nicht gleich dem Kampf um digitale Freiheitsrechte. Er dient bestimmten Vorstellungen von Staatsrecht, “geistigem Eigentum”, Menschenbild und Status Quo. Ihm entgegen lassen sich Daten-Explosion und Erosion des Privaten nicht nur als Gefahr, sondern auch als emanzipative Chance begreifen. (tags: Privacy digitalage internet) [...]

  36. Linkwertig: Twitter, 123people, Google Analytics, Datenschutz » netzwertig.com |  22.03.2010 | 09:01 | permalink  

    [...] » Die Ideologie Datenschutz [...]

  37. Sepp |  22.03.2010 | 10:43 | permalink  

    Das ist der dümmste Artikel, der mir über Datenschutz jemals untergekommen ist. Glückwunsch! Die “milde” Belästigung durch Telefonkeiler, ja, nee, ist klar …
    Man muß vermutlich 25 sein, um die Hoffnung zu haben, “internalisierte Machtstrukturen [dadurch] auf[zu]schütteln”, daß man Privatheit und Datenschutz abbaut. Intolerante Arbeitgeber, die Stellenbewerber aufgrund gewisser im Netz über sie kursierender Daten nicht anstellen, werden nicht dadurch zu Gutmenschen, weil plötzlich alle Welt ungeniert anfängt, sich, ihre ganze Familie und ihre Sexualgewohnheiten ins Netz zu stellen. Der Vergleich mit dem Schwulen-Outing ist grotesk: Kein Schwuler wird genötigt, sich zu outen. Aber mangels Datenschutz werden viele Menschen zwangsgeoutet und zwangsgespeichert, sie haben keine Wahl. Ihr neues Menschenbild können Sie behalten, Herr Heller!

  38. Die Ideologie Datenschutz – Der Schockwellenreiter |  22.03.2010 | 13:24 | permalink  

    [...] Hier weiterlesen … [Peter van I. per Email.] [...]

  39. Christian Heller (plomlompom) |  22.03.2010 | 17:03 | permalink  

    *ad Christoph Kappes:*

    Natürlich reitet mich da etwas meine Weltdisruptions-Euphorie, wenn ich gleich Internetkörper und Staaten gegeneinander stelle. Im Kern kommt man aber, denke ich, nicht daran vorbei, die Trennlinie zwischen “das ist ein Staat, der hat reale Macht” und “das ist kein Staat, das hat nur ein bissel Marktmacht oder einige Facebook-Fans und ansonsten keine Auswirkung” aufzuweichen.

    Google hat derzeit eine außerordentliche infrastrukturelle Macht in den Kulturräumen des Internet, pflügt ganze Marktbereiche von heute auf morgen disruptiv um und wird offenbar gerade auch vielerorts in der Politik als Feindbild empfunden oder aufgebaut; Kommunikationskörper wie die Blogosphäre und Twittersphäre entfalten vielerorts (vielleicht nicht unbedingt vorreiterrollenmäßig in Deutschland) eine reale Diskursmacht, die auch in gewissem Maß Druck auf politisch-demokratische Prozesse erreicht; und nicht zuletzt hat Privatwirtschaft oft genug Macht entfaltet, die über ein reines “wir verdrängen mal einen Konkurrenten vom Markt” oder “wir ärgern euch, indem wir den Zuckergehalt in eurem Lieblingsgetränk verändern” hinausgeht. Hier wird Regionen Kapital und Arbeitsmarkt entzogen oder zuerkannt; hier werden die Werkzeuge geformt, mit denen wir unserer Welt begegnen; hier wird gelobbyt oder geschmiergeldet.

    Kurzum: Wir kommen nicht daran vorbei, Macht als zwischen Staat, Nicht-mehr-ganz-so-sehr-Staat und Vielleicht-gar-nicht-Staat verästelt zu betrachten.

    Und in einer solchen Situation find ich’s ganz interessant, zu beobachten, welche Begriffe, ideologischen Werkzeuge usw. von welchen Machtkonzentrationen aufgefahren und gegen wen instrumentalisiert werden; und wer sich darin mit wem verbündet. Ein “Datenschutz” zum Beispiel, der sich staatsgläubig gibt, der wählt klar eine Seite, und sollte sich durchaus dessen bewusst sein, was das in Fragen z.B. der Netzfreiheitlichkeit noch so implizieren kann.

    *ad Eisenmann:*

    Solide Kritik am Vertrauen ins Toleranzprinzip.

    Sicher darf man es sich da mit seinen Hoffnungen nicht zu einfach machen; kulturelle Kämpfe werden hier nicht einfach gewonnen mit einem lässig dahingesagten “tretet einfach ein bissel selbstbewusster auf, dann regelt sich das schon alles von allein”. Wenn man Pech hat, erreicht man auf diese Weise gerade mal das individuelle Märtyrertum.

    Wie du selbst aufzeigst, ist die gesellschaftliche Toleranz ein Hin und Her von verschiedenen Einflüssen und Wirkungszusammenhängen. Ich glaube aber, dass ein selbstbewusstes In-die-Welt-Tragen von Andersheit hier eines von vielen relevanten Werkzeugen ist; und dass dagegen eine “Don’t Ask, Don’t Tell”-Policy [*], wie sie die Daten-Scham nahelegt, hier oftmals eher kontraproduktiv, mindestens isolierend, schlimmstenfalls Intoleranz-reproduzierend wirken kann. Ich finde demnach: Wer für eine möglichst große Freiheit des individuellen Lebensstils eintritt, muss hier genau und kontextabhängig zwischen Mitteln und ihren Wirkungen abwägen, anstatt pauschal das eine hoch zu halten und das andere für unverantwortlich zu erklären. [Dieser Satz lässt sich für und gegen mein Verknalltsein in die Post-Privacy auslegen :-) ]

    [*] Der Arbeitgeber US-Militär beweist seine Toleranz gegenüber Schwulen: Es erlaubt ihnen, in seinen Reihen zu dienen. Unter einer Voraussetzung allerdings: Dass sie ihr Schwulsein vor ihren Kollegen, ihren Vorgesetzten, der Welt geheimhalten. Die amerikanische Schwulenbewegung ist, gelinde gesagt, nicht so ganz zufrieden damit, und arbeitet am Sturz dieses Systems. Siehe auch: http://en.wikipedia.org/wiki/Don't_ask,_don't_tell

    *ad Tarantoga:*

    Das erscheint mir eine sehr lohnenswerte Differenzierung: Soll “Datenschutz” uns letzten Endes davor schützen, dass A) Daten über uns im unkontrollierten Umlauf sind, oder aber B) davor, dass Daten zur Legitimation eines bestimmten Zwanges oder Drucks gegen uns taugen? Sicher dürfte der Unterschied manchem belanglos und akademisch erscheinen. Ich glaube aber, dass sehr viel Macht in ihm steckt. Lässt sich B auch bewerkstelligen, ohne sich auf A zu konzentrieren?

    Ich glaube, es zeugt von einer gewissen Erwachsenheit, nicht immer gleich aus einem beschränkten Eindruck Kurzschlüsse über andere Menschen zu ziehen. Je mehr wir persönlich über uns umgebende Menschen lernen, desto mehr lernen wir auch: Wir müssen unsere Daten über sei in ihrer Gewichtung abwägen; können nicht einfach darauf vertrauen, dass sie uns vollständig erklären, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben und wie der tickt und wie man ihm begegnen sollte. Unser geistiges Modell dieses Menschen hat seine Grenzen, vor allem auch, was das Berechenbar-Machen dieser Person betrifft; darin, dass unsere Daten unzureichend sind, um die Person in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen; und darin, dass das Handeln einer Person nicht nur aus einem ihr inneren Kern heraus geformt wird, sondern vor allem auch von ihren Kontexten.

    Ein bisschen Hoffnung setze ich in ein solches Erwachsenwerden unserer Kultur und ihrer Menschenbilder; also, dass daraus ein Abschwächen der Macht der Daten über uns erfolgt. Und als politische Frage lässt sich daraus herleiten: Wie kann man diese Macht destabilisieren? Eine Sympathie für den Datenschutz sollte uns da nicht gegenüber alternativen Lösungsansätzen (wie z.B. eine Ethik des bewussten Ignorierens, wie du sie in ja sogar verrechtlichter Form beschreibst) blind machen.

    *ad Volker Birk:*

    “Datenschutz ist der Schutz von Menschen vor Daten, die andere über sie sammeln. Dabei ist es wesentlich, dass andere diese Daten haben, aber nicht alle. Nicht Wissen ist Macht, sondern mehr wissen als andere.” Dieses Zitat aus deinem Kommentar geht durchaus in meine Denkrichtung, und auch die von David Brin.

    Man kann daraus folgenden Schluss ziehen: Ich kann in bestimmten Fällen ein Machtungleichgewicht gegen mich, das daraus resultiert, dass bestimmten Leuten Daten über mich zur Verfügung stehen, aber nicht allen, dadurch angehen, dass ich diese Daten allen zur Verfügung stelle. So wird es dann ein Argument für ein Mehr an Transparenz, vorbei am Datenschutz.

    Ich bitte auch zu bedenken: Wer Daten über mich sammelt, gleichzeitig aber die Unzugänglichkeit meiner Daten gegenüber Dritten stärken möchte, der stützt damit vielleicht eben ein solches Machtungleichgewicht gegen mich. Insofern erscheint es mir Datenmacht-ethisch dubios, wenn Datenschutz sein Vertrauen gegenüber verschiedenen Datensammel-Akteuren (Staat, Privatwirtschaft) unterschiedlich verteilt. Darf der Staat mehr über mich wissen, als die Privatwirtschaft?

    Was den Rest deines Kommentares anbetrifft: Hältst du mein lautes Nachgrübeln und Abwägen wirklich für so gefährlich gegenüber … ja was eigentlich? Mir scheint, es gibt argumentativ und rhetorisch recht mächtige Streiter pro Datenschutz in der Debatte, die sicher nicht durch mein halbgares Rumtheoretisieren dort oben in die Büsche vertrieben werden.

    *ad ominoko:*

    Ich find immer Vorsicht angebracht, wenn man naturalistisch mit “menschlichen Grundbedürfnissen” und dergleichen zu argumentieren beginnt.

    Der moderne Begriff der “Privatsphäre” ist ein historisch recht junger, vor allem insoweit er Richtung “informationelle Selbstbestimmung” zeigt. “Privacy” als informationelles Persönlichkeitsrecht im juristischen Jargon kommt Ende des 19. Jahrhunderts auf, als ein US-Bundesrichter sich darüber mokiert, dass moderne Massenmedien das Leben von Privatpersonen ausbreiten. Dass man sich davor nicht so viele begriffliche Gedanken gemacht hat, heißt natürlich nicht, dass davor David Brins “Transparent Society” weltweiter Standard war; ebenso wenig darf man aber annehmen, dass es früher ein gesellschaftlich akzeptiertes Recht auf individuelle informationelle Privatsphäre gab, das erst jetzt plötzlich angetastet wird. Die gemeinschaftliche soziale Überwachung und Kontrolle etwa in einer Dorf- oder Familiengemeinschaft sah anders aus.

    Stattdessen ist “Privatsphäre” ein begriffliches, rechtliches, kulturelles Konstrukt, auf das sich die Gesellschaft geeinigt hat. Wir können uns die Voraussetzungen dieser Einigung anschauen, was sie ermöglicht und was sie wünschenswert gemacht hat. Wir können uns auch anschauen, wie sich diese Voraussetzungen jetzt verändern, und ob wir dieser Veränderung Gutes oder Schlechtes abgewinnen können.

    Mag sein, dass Mark Zuckerberg und Eric Schmidt sehr für den Tod der Privatsphäre argumentieren, weil das ihnen in Form von Profiten entgegen käme. Aber dieser Vorwurf der Profitgier reicht nicht, um “Privatsphäre” unangreifbar zu machen.

    Dass Menschen dagegen damit rechnen, dass “Privatsphäre” die Norm sei und “Öffentlichkeit” die Ausnahme; dass dieses Vertrauen ihr Handeln bestimmt und ein überraschendes Umstellen der Defaults entgegen dieser Norm also eine Unverantwortlichkeit ihren Interessen gegenüber darstellt; das ist schon eher ein brauchbares Argument in Verteidigung von “Datenschutz” und “Privatsphäre”. Es verabsolutiert diese Begriffe aber keineswegs. Je nachdem, wieviel Bedeutung diesem Argument beigemessen wird, unterfüttert es auch die Gegenseite der Medaille: Wenn wir “Datenschutz” als Dienstleister gegenüber den gesellschaftlichen Erwartungen verstehen, so muss er auch seine Rolle überdenken, so sich diese ändern. Beginnen in einer bestimmten Sphäre mehr und mehr Menschen, ihre Grund-Annahmen bezüglich “privat” und “öffentlich” zu verändern, so muss sich das auch in der dortigen Rolle des Datenschutzes widerspiegeln. (Ich glaube, dass da sowohl die Datensammel-Kapitalisten als auch die Datenschützer ihrerseits jeweils sich etwas ideologisch auf das eine oder andere Extrem versteifen, die einen etwas konservativer bremsen, die anderen etwas draufgängerischer vorauspressen. Man kann ruhig beiden Seiten gegenüber wachsam sein; ich beobachte von mir, dass ich derzeit eher zur draufgängerischeren neige.)

    Wie auch Kommentator “Eisenmann” weiter oben übst du berechtigte Kritik an einem verabsolutierten Vertrauen ins Toleranzprinzip der Gesellschaft. Kurzgefasst (und längergefasst in meiner Antwort auf “Eisenmann” weiter oben) möchte ich darauf nochmal entgegnen: Sich ganz auf die Post-Privacy als Toleranzverwirklicher zu verlassen, ist vermutlich naiv; weniger naiv ist es aber wohl, sich ihrer als eines möglichen und vermutlich sogar notwendigen Werkzeugs im Kampf um Toleranzverwirklichung zu versichern; und kontraproduktiv dürfte es sein, sich auf den “Datenschutz” als Heilmittel zu verlassen.

    *ad Brett:*

    Das kommt auch sehr nahe der feministischen Kritik am Privaten: Das Private ist ein isolierender Raum, hier wird die Frau an Heim und Herd gebannt, hier reproduziert sich männliche Gewalt gegen die Isolierten unsanktioniert selbst von einer sich demokratisch gebenden Öffentlichkeit, die im Raum des Privaten Repression weiterhin gewähren lässt. Die Grenzziehung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit ist eben nicht immer nur eine, die die Freiheit von Individuen und anderes Wünschenswertes verteidigen; oft kann sie sich auch direkt dagegen richten.

    *ad Sepp:*

    Natürlich wurden Schwule gegen ihren Willen fremd-geoutet; von anderen Schwulen etwa, die fanden, dass das zur Toleranzbildung der Gesellschaft notwendig sei. Über die Ethik eines solchen Vorgehens kann man sich natürlich streiten; populär-skandalös sind zuweilen Outings konservativer Politiker/Meinungsköpfe, die öffentlich gegen Homosexuelle hetzen, privat aber selber gleichgeschlechtliche Sexualkontakte unterhalten. Ein *solches* Outing ist für das Individuum sicher höchst gefährlich; dass es jedoch in ‘the big picture’ eine gesellschaftliche Tendenz pro mehr Schwulentoleranz abbildet oder vorantreibt, erscheint mir nicht allzu abwegig.

  40. Kurt |  22.03.2010 | 20:21 | permalink  

    Ich teile im groben die Kritik an der aktuellen Datenschutzdebatte, die mit BVerfG doch etwas zum Held auserkoren hat, dass zum selben Typ konstrukt gehört wie der Staat gegen den verteidigt wird.

    Was ich nicht teile ist das Verständnis von Daten/Eigentum/Wissen, was alles sehr nah beieinander zu liegen scheint. Ich würde mich meinen Vorredner/innen anschließen. Persönliche Daten als Teil der Identität sind etwas wesentlich anderes Wissen, das als geistiges Eigentum ökonimisch verwertet werden soll. Ich hab auch in den aktuellen Debatten noch niemanden gehört, der oder die sich über Google beschwert, weil die Gegenleistung für den Austausch Daten->Dienstleitung zu gering seien.
    Ich frage mich auch ob in der Post-Privacy Gesellschaft in der man sich für kein peinliches Partyfoto, keine Enthüllung über irgendetwas was mal als privat galt denn sowas wie eine Identität noch existieren kann. Die Beschäftigung mit der Frage: Was weiß wer über mich, wer bin ich in meinen Augen und wer bin ich in den Augen von dem mir gegenüber dient ja auch der Bildung der Persönlichkeit. Muss man keinen Gedanken daran verschwenden, weil alles erlaubt ist, ist es doch all zu einfach in die Beliebigkeit abzurutschen. Das im Best-Case. Im Worst-Case wird es unmöglich überhaupt noch eine eigene Identität herauszubilden, wenn je nach Situation dieses oder jenes gerade stärker als mein aktuelles Ich angenommen wird, als das was ich letzte Woche gemacht habe.

    Der zweite Punkt:
    Keine Information ohne Interpretation. Selbst wenn alles über mich bekannt ist, eine Interpretation wird es immer geben. Und das Ergebnis dieser Interpretation hab ich dann im zweifelsfall nicht in der Hand, sondern der mir gegenüber (siehe den Punkt oben). Viel fieser wird es aber wenn die Interpretation nicht von einem Menschen sondern von einem Algorithmus getroffen wird. Der, egal wie viele Daten er zur Verfügung hat, am Ende doch ein Bewertung anhand von Menschen erdachter Parameter vornimmt. Wie stelle ich micht, ausser natürlich in der total Beliebigkeit in der mich nicht schert was ich gestern gemacht habe, gegen ein Bild von mir, dass vorgibt objektiv zu sein?

    Und zu letzt:
    Wird nicht die eine Machtstruktur hier nur durch eine andere ersetzt. Die Flut an Daten bleibt eine Flut, zu deren Bewältigung irgendwelche Mittel eingesetzt werden müssen. Für den oder die einzelne bedeutet das erstmal Wissen darüber zu haben wie man überhaupt mit Daten umgeht (Medienkompetenz) darüber hinaus die Möglichkeit das auch zu tun. Also entweder Zeit oder irgendein Werkzeug (oder irgendeinen anderen Menschen) der die Daten verarbeitet und Interpretiert..
    Selbst wenn jede dieser Interpretation wieder anderen zugänglich gemacht wird, muss die Fülle der entstehenden Interpretation auch wieder zusammengeführt werden um am Ende zu irgendeinem Punkt zu kommen. Und diejenigen, die die besten (technischen) Möglichkeiten haben um vielleicht die größten Datenmengen zur Entscheidung hinzuzuziehen haben irgendeinen Vorteil.
    Also müsste man doch irgendwie dafür sorgen, dass alle zum Umgang mit den Daten die gleichen Mittel zur Verfügung haben, oder nicht?

  41. Christian Heller (@plomlompom): Post-Privacy « Jean-Pol Martins Weblog |  22.03.2010 | 20:59 | permalink  

    [...] Hier sein Blogeintrag: Die Ideologie Datenschutz [...]

  42. ominoko |  23.03.2010 | 02:24 | permalink  

    @Christian Heller

    Ich will mal aufgreifen, was du zu Tarantoga geschrieben hast:

    “Das erscheint mir eine sehr lohnenswerte Differenzierung: Soll “Datenschutz” uns letzten Endes davor schützen, dass A) Daten über uns im unkontrollierten Umlauf sind, oder aber B) davor, dass Daten zur Legitimation eines bestimmten Zwanges oder Drucks gegen uns taugen?”

    Ich denke, da geht es den meisten Datenschützern um beides, weil A) die Voraussetzung für B) ist. Man kann und darf beides nicht getrennt betrachten und schon gar nicht darf man es gegeneinander stellen. Im Gegenteil: Auch das im Grundgesetz angesiedelte Fernmeldegeheimnis versucht Punkt A) rechtlich zu regeln gerade um B) zu verhindern.

    Wie Karl sagt:
    Informationen und Daten unterliegen einer Interpretation. Man kann schwerlich erreichen bestimmte Interpretationen zur Ausübung von Druck und Zwang zu verbieten.

    Stichwort Antidiskriminierungsgesetz. Kein Arbeitgeber darf sagen, dass er jemanden nicht einstellt, weil ihm das Foto nicht passt. Als Stewardess wird trotzdem niemand mit unterdurchschnittlicher Attraktivität eingestellt. Betrachte das im Zuge der Bewerbung “veröffentlichte” Foto also doch einfach einmal durch die Post-Privacy-Brille.

    Das Foto gibt Informationen über eine Bewerberin preis und die Bewerberin glaubt gut auszusehen, weil sie bisher keine gesellschaftliche Ablehnung bzgl. ihres Äußeren erfahren hat. Der Arbeitgeber bzw. Personalchef empfindet sie aber als zu pummelig oder sonstwie unpassend. Er darf keine Ablehnung mit dieser Begründung schreiben. Tatsächlich ist aber die Information auf dem Foto der ausschlaggebende Punkt!

    Natürlich kannst du jetzt einwenden, dass laut dem Anti-Dings-Gesetz gar kein Foto mehr der Bewerbung beigelegt werden muss. Toll. Das Gros aller Stewardess-Bewerberinnen schickt aber ein Foto mit, weil es wegen dem situationsbedingten Abhängigkeitsverhältnis (“bitte stell mich ein, ich brauch das Geld”) bereits einen Nachteil befürchtet. Bei Stewardessen wahrscheinlich sogar zu recht.

    Na gut. Dann trifft der Personalchef die Entscheidung eben just aufgrund des fehlenden Fotos, weil er stillschweigend unterstellt, ein fehlendes Foto bedeutet mangelnde Attraktivität oder mangelndes Selbstbewusstsein. Ich könnte jetzt noch in die Informationstheorie abschweifen, bezüglich der inkonsistenten Haltung der Gesellschaft könnte ein Anderer vielleicht auch noch ein bisschen Chaostheorie ins Spiel bringen. Aber was solls. Am Ende verwirrt es.

    Eine annähernd faire Auswahl aus Bewerbersicht bestünde jedenfalls nur, wenn der Personalchef aus lauter gleichfarbigen Umschlägen blind einen Umschlag auswählen müsste. Das ist natürlich ein Idealfall. Aber die Tendenz ist: je weniger Daten, desto wahrscheinlicher in einer Abhängigkeitssituation nicht benachteiligt zu sein.

  43. Jean-Pol Martin |  23.03.2010 | 07:24 | permalink  

    Angesichts einer Entwicklung, die kaum aufzuhalten ist (unsere Daten sind nun einmal für jeden verfügbar) sollte der Einzelne sich bereits jetzt auf die von Christian Heller anskizzierte Post-Privacy-Zeit einstellen. Welche Chancen bietet die Möglichkeit, das jeder Interessente sich sehr rasch ein umfassendes Bild über meine Persönlichkeit verschaffen kann? Was bedeutet es für meine Selbstpräsentation im Netz? Vielleicht wird es mich sogar zwingen, tatsächlich mein Leben und dessen Darstellung nach außen zu optimieren, indem ich beispielsweise interessantere Aktivitäten durchführe, damit ich im Netz ebenfalls Spannenderes bieten kann. Wer sich das aufgrund seiner beruflich gesicherter Situation leisten kann, erhält die Chance, sich besonders explorativ zu verhalten und neue Felder anzugehen, vorausgesetzt, dass er sich von der Big-Brother-Furcht befreit hat. No risk, no fun! Und es ist durchaus möglich, dass diese Flut von personenbezogenen, non-correcten Informationen, tatsächlich die Institutionen und Unternehmen zu mehr Toleranz zwingen. Wenn es sich herausstellt, dass eine Ministerin in ihrer Jugend in Pornofilmen zu sehen war (ist nur ein konstruiertes Beispiel:-), ein linker Politiker früher Jung-Nazi und ein Bankmanager als Student mal einen kleinen Einbruch durchgeführt hat, dann wird es Normalität werden und niemanden interessieren. Die Welt verändert sich rasant und unsere Identitäten damit auch.
    Ein kleiner Vorschlag zum Abschluss: wir sollten uns wie Neuronen verhalten:
    http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Neuron

  44. Tharben |  23.03.2010 | 09:50 | permalink  

    In einer perfekten Welt, in der jeder die Schwächen des anderen toleriert, in der alle Menschen harmonisch und friedliche zusammenleben, in der es keine Geschäftemacherei und keine Konkurrenz gibt – in einer zutiefst friedlichen Blümchenwelt. Also da könnte Datenschutz in der Tat kein Thema mehr sein.

    Wir leben aber in einer Welt des Erfolgsdrucks, der Konkurrenz, in der man aufgrund seiner Vorlieben Repressionen fürchten muss, kleine Fehler und Schwächen werden bestraft, vom Konkurrenten ausgenutzt usw. In dieser Welt ist Datenschutz nun mal ein unverzichtbares Gut.

  45. Identität im Netz remodulieren. « Jean-Pol Martins Weblog |  23.03.2010 | 10:44 | permalink  

    [...] Vortrag auf dem Politcamp 2010 in Berlin. [...]

  46. Maik Riecken |  23.03.2010 | 11:47 | permalink  

    Ich möchte an dieser Stelle auf einen Blogeintrag von Kristian Köhntopp verweisen, vor allem auf den Anfang:

    http://blog.koehntopp.de/archives/2800-Persona-was-Julia-Seeliger-mit-Marcel-DAvis-verbindet.html

    Tenor:
    “Wir alle hinterlassen Spuren. Das ist so. Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Spuren uns gehören.”

    Kristian ist jemand, der sich mit Datenbanken und der technischen Verknüpfbarkeit von Daten durch seine eigene berufliche Praxis auskennt. Das scheint mir gelegentlich bei Menschen, die sich zum Thema “Umgang mit Daten” äußern, weniger der Fall zu sein, sodass sich geisteswissenschaftlich enorm spannende Diskussionen wie diese hier ergeben, die ich für mich allerdings nie von den “Niederungen der Informationstechnologie” trennen kann.

    Ein Maschine kann – dank moderner linguistischer Ansätze – heute wahrscheinlich ziemlich präzise Menschen und ihr Bild im Netz interpretieren – Datenflut überfordert höchstens uns Menschen, die Rechenleistung heutiger Cluster dürfte sie trotz expansivem Wachstums nicht überfordern, sondern allenfalls evolutionieren und wenn nicht, ordert Tante Google eben ein paar tausend Container mit Hardware mehr. Welche Datenflut kann ein Bilderkennungsalgorithmus, wie ihn Google noch zurückhält, durchforsten? Dagegen ist die Gesamtheit der von einem Nutzer in Twitter/Facebook & Co. abgesetzten Äußerungen vermutlich ein Schiss.

    Daher sehe ich die Aussage kritisch, dass die bloße Masse an neuen, privaten Informationen jemals für Schutz/Diffusität/Diversität – welcher Art auch immer – sorgen wird, denn genau wie jeder Web2.0-Nutzer heute schon intelligente Oberflächen zum Bewerten und Strukturieren der Informationen nutzt, kann das auch jeder andere tun und muss es auch, bis wir ein Interface für unser Gehirn entwickelt haben, um Informationsverarbeitungsprozesse outzusourcen.

    Der resultierende Anspruch aus Kristians Forderung ist enorm(!) und fordert den wissenden und nicht den Oberflächen benutzenden Menschen.

    Ich weiß nicht, wie frei ich wirklich bin, wenn ich an eine Oberfläche gebunden wäre, deren Funktionen ich durch Nutzung/Nichtnutzung evolutionär herausgearbeitet, die ich aber nicht gestaltet oder erfunden habe.

    Nochwas anderes:
    Erkennen wir eigentlich immer noch an, dass Jugend bedeutet, seine Identität zu bestimmen, abzugrenzen, in Relationen zu setzen, zu formen?

    Heute geht der gesellschaftliche Wandel von einer Jugend aus, die (in Teilen) das Netz genau dazu(?) nutzt?

  47. CTRL-Verlust |  23.03.2010 | 17:31 | permalink  

    Identität im Zeitalter ihrer technischen Ignorierbarkeit…

    Der Kontrollverlust zieht viel weiter, als nur vor Haustüren der großen Verlage und der Contentindustrie. Er umweht ebenso eisig das Individuum und die schützenswerten Residuen seiner Identität. Die Debatte um den Datenschutz muss deswegen mit einer ne…

  48. Ralf Bendrath |  23.03.2010 | 17:41 | permalink  

    Nur im Paradies hatten wir keinen Anlass, etwas zu verbergen.

  49. PolitCamp 2010 « Tobias Hößl's Blog |  23.03.2010 | 18:07 | permalink  

    [...] Ich möchte die Thesen hier gar nicht alle wiederholen – Christian hat sie auch online veröffentlicht. Man muss wohl nicht allen Thesen zustimmen, aber es lohnt sich, einmal diese völlig konträre [...]

  50. So Dinge « H I E R |  23.03.2010 | 19:22 | permalink  

    [...] eine halbe Magisterarbeit vollgeschriebenen, aber weggeworfernen Text und schließlich einen @Plomlompom um diesen Umstand zu beheben. Jedenfalls ist er fertig, der [...]

  51. F.A.Z.-Community |  24.03.2010 | 12:00 | permalink  

    [...] Christian Heller diese beiden Diskurse: Datenschutz und Urherberschutz auf eine Ebene hebt, hat also seine [...]

  52. PL018: Ideologie Datenschutz (Mitschnitt PolitCamp 2010) « politfunk.de |  25.03.2010 | 11:18 | permalink  

    [...] Christian Hellers Artikel auf CARTA.info zum Thema [...]

  53. Jean-Pol Martin |  25.03.2010 | 14:26 | permalink  

    @Maik Riecken
    Danke für den sehr interessanten Link, den ich in meinem Blog geparkt habe:
    http://jeanpol.wordpress.com/2010/03/23/identitat-im-netz-remodulieren/

  54. Protokoll vom 27. März 2010beiTrackback |  27.03.2010 | 17:47 | permalink  

    [...] Soziale Netzwerke… …wurden von der Stiftung Warentest ausprobiert …schaffen laut Christian Heller vielleicht einen neuen Identitätsbegriff [...]

  55. TRB 173: Datenschutz, Identität, Palmöl, ChatroulettebeiTrackback |  27.03.2010 | 21:00 | permalink  

    [...] Linktipps 12:42 Stiftung Warentest testet soziale Netzwerke 16:38 Christian Heller über Datenschutz als Ideologie 21:46 Michael Fengler erklärt die Kritik am Palmöl-Video von Greenpeace 32:48 Prof. Wolfgang [...]

  56. Thorstena » Technoider Determinismus |  27.03.2010 | 23:25 | permalink  

    [...] und damit eine Datenschutz-Debatte anzuzetteln. Christian Heller war mit seinem Text “Die Ideologie Datenschutz” so frei und hat darüber hinaus die Chuzpe, dafür Urheberrechte mit Datenschutz in einen [...]

  57. Nachrichten aus der Netzwelt #13 | Internet Gesellschaft |  28.03.2010 | 08:56 | permalink  

    [...] “Die Ideologie Datenschutz” von Christian Heller und “Die falsche Frage” von Daniel Erk (via [...]

  58. Maurice Morell |  28.03.2010 | 11:19 | permalink  

    Ich bin erschrocken über das hier vorherrschende Menschenbild. All diese Argumentationen fussen auf ANGST. Arg verkürzt und dennoch stimmig mein Weg: No risk, no fun. Ich habe die Wahl. In jedem Lebensbereich.

  59. Post-Privacy oder Hoffen auf die Ignoranz | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 |  29.03.2010 | 11:02 | permalink  

    [...] lässt sich als Bedrohung oder als Chance begreifen”, schreibt er in einem Artikel auf carta.info. Er argumentiert klar für die Chance, bezeichnet die deutsche Datenschutzbewegung als [...]

  60. C.P.Seibt |  30.03.2010 | 11:04 | permalink  

    Faszinierend, auch die Kommentare.
    Sollte das Abendland untergehen, dann doch brillant.

  61. Ein Schuh für Schäuble » Scheiß Websperren | |  30.03.2010 | 15:43 | permalink  

    [...] Die Ideologie des Datenschutzes [...]

  62. Bibliothekarisch.de » Blog Archive » links for 2010-03-30 |  31.03.2010 | 08:09 | permalink  

    [...] Die Ideologie Datenschutz — CARTA RT @meineverlag: RT @carta_: Die Ideologie Datenschutz von @plomlompom — Meistdiskutiert auf Carta http://bit.ly/cZUV6m #postprivacy (tags: twitter_automatisch postprivacy) [...]

  63. OH |  05.04.2010 | 12:24 | permalink  

    @Maurice Morell:

    “Ich bin erschrocken über das hier vorherrschende Menschenbild. All diese Argumentationen fussen auf ANGST. Arg verkürzt und dennoch stimmig mein Weg: No risk, no fun. Ich habe die Wahl. In jedem Lebensbereich.”

    Und ich bin erschrocken über Dein Demokratieverständnis. Weil Du das so siehst muss das jeder so sehen? Und wenn nicht, dann ist Dir das auch egal und Du machst einfach? Das “hier vorherrschende Menschenbild” deckt sich in weiten Teilen z.B. mit dem des Grundgesetzes, aus dem die Verfassungsrichter ja durchaus ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung herauslesen. Und das ist was zählt – NICHT “Dein Weg”.

  64. Werning.com/Blog » Links aus KW 11 |  05.04.2010 | 19:03 | permalink  

    [...] Die Ideologie Datenschutz Web 4.0 – Dynamische Nutzerprofile in Echtzeit Check your username or vanity url at Social Networks Social Media Planner Viele Deutsche scheuen Leben im Sozialismus nicht [...]

  65. Breitband - Privatsphäre = geistiges Eigentum = Absurd? |  10.04.2010 | 17:33 | permalink  

    [...] Die meisten User scheint das jedoch kaum zu scheren – die Facebook-Zahlen wachsen weiterhin. Ist Privatsphäre für sie, für uns überhaupt noch relevant? Darüber haben wir vor der Sendung gesprochen mit Frank Rieger, Sprecher des Chaos-Computer Clubs und überzeugter Datenschützer – und mit dem jungen Publizisten Christian Heller, der jüngst mit einer steilen These aufgefallen ist: [...]

  66. Gehört Dein Leben Dir oder ins Web? | Cologne Commons |  23.04.2010 | 18:53 | permalink  

    [...] gut findet. Unlängst veröffentlichte Christian Heller in einem längeren Artikel die These, dass „der Schutz von Privatsphäre ein ähnlich absurdes Konstrukt sei, wie der Schutz von geistigem Eigentum.“ Zugrunde liegt die Behauptung, dass wir Informationen [...]

  67. Die Grenze zwischen Privat und Öffentlich neu ziehen « Dotcom-Blog |  15.05.2010 | 23:06 | permalink  

    [...] Daten aussprechen. @plomlompom schrieb dazu bei Carta einen nachdenklichen Artikel mit dem Titel “Die Ideologie Datenschutz”. Hier einige in diesem Zusammenhang wichtige Argumente: Genauso wie “Geistiges Eigentum” ist [...]

  68. Von komplexen Systemen | Spreeblick |  17.05.2010 | 12:01 | permalink  

    [...] einzelnen Projektes die Frage. Es geht vielmehr darum, ob der Staat modern sein darf.Man muss nicht Christian Heller sein, um zu sehen, dass die „Ideologie Datenschutz“ da zur Gefahr wird, wo sie ob [...]

  69. Zurück in die Irre |  24.05.2010 | 20:45 | permalink  

    [...] das anzeigt, was bereits mit welchem Ergebnis ausprobiert wurde, aber “Nein” zu einer Diktatur der Vergangenheit über die Zukunft. Auf die Rede von Dekadenz und Fortschritt zu verzichten, heißt nicht Utopien auszuschließen, [...]

  70. Datenrechte & Menschenschutz — Adrians Blog |  07.06.2010 | 22:54 | permalink  

    [...] Heller: „Die Ideologie Datenschutz“ auf carta: Christian nähert sich Frank Riegers Datenschutzposition aus der Sicht seiner [...]

  71. Glasklare schöne neue Welt – Das Ende der Privatheit « Out of Privacy |  17.06.2010 | 22:08 | permalink  

  72. i heart digital life » Die politischen Dimensionen der Daten und Informtionen |  20.07.2010 | 19:23 | permalink  

    [...] sich um Datenschutz und den Begriff des Datenmissbrauchs drehen. Beide lehnen – wie auch schon Christian Heller – die Idee, dass Daten unbedingt geschützt werden müssen, ab. Sie werben für eine Kultur der [...]

  73. Die politischen Dimensionen der Daten und Informationen « meta . ©® . com |  21.07.2010 | 16:23 | permalink  

    [...] um Datenschutz und den Begriff des Datenmissbrauchs drehen. Beide hinterfragen – wie auch schon Christian Heller – die Idee, dass Daten unbedingt geschützt werden müssen. Sie werben für eine Kultur der [...]

  74. Identität im Zeitalter ihrer technischen Ignorierbarkeit | ctrl+verlust |  26.11.2010 | 13:26 | permalink  

    [...] Christian Heller diese beiden Diskurse: Datenschutz und Urherberschutz auf eine Ebene hebt, hat also seine [...]

  75. Identity 2.0 – Teil III: In der Stadt « eVideo 2.0 an der HTW Berlin |  06.12.2010 | 22:12 | permalink  

    [...] Berliner Silikon-Intellektuellen (#, #, #), die die “Post-Privatheit” ausrufen, tun das mit denselben Argumenten wie die [...]

  76. Prost Privacy | hildesheimbloggtnachberlin |  24.05.2011 | 09:58 | permalink  

  77. Die Dotcommunisten |  20.09.2011 | 07:44 | permalink  

    [...] am Datenschutz. Die Gruppe entzweit aber, wie weit diese gehen sollte. Philosophen wie Seemann oder Heller zielen auf ein neues Menschenbild ab, das nicht mehr auf dem Recht des Individuums auf Privatssphäre fußt, sondern auf dem Recht der [...]

  78. C. G. |  09.10.2011 | 10:17 | permalink  

    Ich finde es in der Tat richtig und wichtig, die überkommenen Ideen von Datenschutz zu überdenken, halte diese radikale Argumentation aber für wenig überzeugend und teilweise widersprüchlich.

    Zunächst zur Behauptung, die Rasterfahndung mache Diskriminierung „gerechter“, weil nachvollziehbarer. Das ist im Ansatz nicht falsch. Das Problem ist jedoch Folgendes: Unterstellen wir, dass nachweisbar 1 % der Deutschen kriminell wären und 2 % der Ausländer. Zweifellos ein signifikanter Unterschied. Das Problem liegt jedoch nicht bei diesen 1 oder 2 %, sondern bei den 98 % der nicht kriminellen Ausländer, der ganz überwiegenden Mehrheit, die nach dieser Logik nun mit Recht diskriminiert werden, weil sie ja mit höherer Wahrscheinlichkeit kriminell sind. Die Gefahr der Datenverarbeitung, die durch die Rasterfahndung besonders deutlich wird, liegt gerade darin, dass Menschen nicht mehr als Individuen betrachtet werden – als ein nicht krimineller Mensch gleich welcher Nationalität –, sondern nur noch als Mitglied einer Gruppe – Ausländer.

    Vor allem aber widerspricht es den darauf folgenden Ausführungen, man solle die Toleranz der Welt durch Offenbarung von Daten herausfordern. Das hieße nun, dass einerseits Schwule sich outen sollen. Andererseits dürften Schwule zu einem signifikant höheren Anteil HIV-positiv sein, was Krankenversicherungen dazu bewegen wird, keinen Vertrag mehr mit ihnen abzuschließen, sofern sie nicht dazu verpflichtet sind. Nach der Logik der „gerechten Diskriminierung“ wäre das auch legitim. Letztlich wird dadurch nicht Toleranz durchgesetzt, sondern eine vermeintlich legitime, weil statistisch gestützte Diskriminierung.

    Zum Thema Gleichheit durch Transparenz: Auch diese Idee ist nicht ganz falsch. Allerdings wird das so nicht funktionieren. Ein Staat oder ein Unternehmen folgen nicht den gleichen Logiken wie ein Mensch. Sie haben einen Bedarf nach Geheimnissen, nicht aber nach Privatsphäre. M.E. ist es daher zu einfach, alle Akteure mit allen Informationen gleich zu behandeln und zu sagen, die Veröffentlichung von Informationen über meine sexuellen Vorlieben kann mit der Veröffentlichung der Protokolle aus Google-Meetings ausgeglichen werden.

    Außerdem bestehen gerade was Datenverarbeitung angeht strukturelle Ungleichheiten, die durch größere Offenheit noch weiter vertieft würden. Die Möglichkeiten, Informationen zu verarbeiten, sind vollkommen unterschiedlich. Google und Co verfügen über Algorithmen, mit denen sie aus den Rohdaten Schlüsse ziehen können. Wer einmal versucht hat, sich durch Wikileaks-Protokolle zu wühlen, weiß, wie schwierig das für einen Menschen ist. Vielleicht würden entsprechende Programme auf den Markt kommen, Journalisten würden, wie bei Wikileaks, dem Normalbürger die Arbeit abnehmen, aber das sind neue Abhängigkeiten und wahrscheinlich wäre Google immer noch einen Schritt voraus.

  79. Unzweifelhafte und zweifelhafte Erfolgsfaktoren von Facebook: Isolationsfurcht als Klammer!? — CARTA |  14.05.2012 | 10:12 | permalink  

    [...] an unbekannte Dritte, sind lange Bestandteil (zum Beispiel Cloud-Computing) nicht nur in der publizistischen Auseinandersetzung mit dem Medienwandel und bedeuten einen im Vorfeld (zumindest angenommenen) erfolgten Abwägungsprozess zwischen [...]

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