Trojanischer Transfer

Die "Payback"-Debatte in der Rückschau: Frank Schirrmachers Rolle im digitalen Kulturkampf.

Der folgende Beitrag erscheint im Kontext der Veranstaltung „Leben im Schwarm – Wie das Internet uns verändert„. Ebenfalls zu diesem Aufmacher gehört der Text von Stefan Münker „Das Netz denkt nicht„.

Eigentlich können wir uns glücklich schätzen. Wir erleben mit der Digitalisierung den dritten Entwicklungsschub der Neuzeit. Uns bietet sich – wie nur wenigen Generationen – die Gelegenheit, entscheidende Weichen zu stellen und wichtige Anfänge aktiv mit zu gestalten.

Doch hat sich in dieser Zeit des Aufbruchs eine befremdliche Arbeitsteilung zwischen alter und neuer Welt herausgebildet: Aus den USA kommen die Innovationen – verblüffende Ideen, neue Hard- und Software, Firmen, die sie erfolgreich vermarkten. Europa und vor allem Deutschland hingegen liefern warnende Beipackzettel – bedenkliche Hinweise auf mögliche Gefahren und Nebenwirkungen. Die vergangenen Wochen, die ersten der Zehnerjahre des neuen Jahrhunderts, machten in dieser Hinsicht keine Ausnahme:

Apple präsentierte in San Francisco das iPad und mit ihm unter anderem eine Hoffnung, die Krise der Printmedien zu überwinden. In Deutschland hingegen tobte off- wie online die Debatte um einen Bestseller, dessen Grundthesen schlicht besagen: Die Digitalisierung ist erstens unmenschlich und zweitens bedroht sie unsere Freiheit.

„Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“ – dieser Untertitel, den Frank Schirrmacher seinem Buch gab, summiert das Programm. „Payback“ kombiniert kulturpessimistischen Alarmismus mit Anleitung zur Selbsthilfe gegen behauptete Gefahren. Gleich der erste Satz ist eine so klug kalkulierte Bankrotterklärung, dass ihr ein Platz in der Geschichte des Sachbuchs sicher ist: „Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin.“

Mit diesem und so manch anderen teils intimen, teils koketten Geständnissen vereinnahmt der Autor sein avisiertes Publikum, die breite Schicht eher gebildeter und eher älterer „digital immigrants“. Ihnen, so darf man aus dem Verkaufserfolg schließen, graust es vor den sozialen und kulturellen Konsequenzen der Digitalisierung umso mehr, als sie sich ihnen bislang noch recht weitgehend entzogen haben, dies aber immer weniger können. Im Verein mit einem konzertierten Medienmarketing – vom Vorabdruck im Spiegel über TV-Auftritte bis zu prominenten Rezensionen der Feuilletonkollegen – ging Schirrmachers Kalkül auf. Wieder einmal initiierte der Mitherausgeber der FAZ erfolgreich eine nationale Debatte. Sie verlief bislang in zwei ebenso interessanten wie aufschlussreichen Phasen.

Den Ausgangspunkt bildete die Behauptung einer grundsätzlichen Unmenschlichkeit digitaler Kultur: Wie einst die Taylorisierung die Körper der Menschen zur Anpassung an die Erfordernisse industrieller Maschinen gezwungen habe, so presse nun eine „digitale Taylorisierung“ unser Denken ins Computer-Joch. „Die Kopfschmerzen, die wir empfinden, die Blackouts, unter denen wir leiden, die Nervosität, die uns umgibt, sind Ergebnisse eines epochalen Selbstversuchs, das menschliche Hirn an die Maschinen anzupassen.“ Doch noch Schlimmeres warte auf uns: „Die Informationsexplosion steht unmittelbar vor ihrer nächsten Zündung.“ Und sie, so Schirrmacher, „wird unser Gedächtnis, unsere Aufmerksamkeit und unsere geistigen Fähigkeiten verändern, unser Gehirn physisch verändern, vergleichbar nur den Muskel- und Körperveränderungen der Menschen im Zeitalter der industriellen Revolution.”

An dieser Grundthese ist vielfältige Kritik geübt worden. Das Spektrum reicht von eher pauschalen Verurteilungen – „Was wir daraus lernen können, reicht nicht an ein ‚Computer für Dummies’ heran“ (Christian Schlüter in der Frankfurter Rundschau) – über Erklärungen, die Schirrmachers Befürchtungen psychologisierend entweder als Theoretisierung eigener Probleme verstehen (Christian Stöcker bei Spiegel Online) oder als „Begleitbuch zu den aktuellen Ängsten“ (Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung) bis hin zu medienhistorischen Reflexionen, die zu Recht auf die ebenso lange wie irrige Tradition apokalyptischer Schwarzmalerei bei Aufkommen radikal neuer Technologien und Medien verweisen (Rudolf Maresch im Online-Magazin Telepolis).

Diese Kritikpunkte – intellektuelle Oberflächlichkeit, Hypostasierung subjektiver Befindlichkeiten, Spekulation auf die Ängste des Publikum, Gegenwartsverfallenheit bzw. Mangel an historischem Horizont – treffen zweifellos zu. Doch übersehen wird in der Debatte fast ausnahmslos, dass Schirrmachers Analyse die aktuellen Geschehnisse ziemlich exakt charakterisiert. Walter Benjamin hat beschrieben, wie radikal der Prozess der Industrialisierung – das Leben in der Großstadt, die Durchsetzung der neuen Medien Fotografie und Film – menschliche Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen veränderte. Eine historisch neue Kultur entstand – die industrielle – und mit ihr ein neuer Typus, der industrielle Mensch. Geprägt von der Erfahrung der tayloristischen Zerlegung von Arbeitsabläufen unterschied er sich mental nachhaltig vom agrarisch-handwerklichen Typus.

Vergleichbares erleben wir nun mit der rasanten Invasion von „digitaler“ Hard- und Software sowie Breitbandvernetzung in den Alltag. Ein wiederum neuer Typus entsteht, der digitale Mensch. Es stimmt also, dass sich „durch die Computerisierung des Lebens sanft und unwiderstehlich unser eigenes Menschenbild zu verändern beginnt“. Der „Umbau des Denk- und Erinnerungsapparats“, den Schirrmacher so fürchtet, vollzieht sich tatsächlich. Die Menschheit verändert sich nachhaltiger als einst im Prozess der Industrialisierung – nur dass das eben nicht zu fürchten ist.

Doch auch solche Furcht ist kulturhistorisch vertraut. Mit neuen Technologien pflegen neue Berufe zu entstehen und neue Schichten aufzusteigen. Dergleichen Wandel hat noch immer bei denen, die bis dahin dominierten, berechtigte wie unberechtigte Verlustängste geweckt. Verhaltens- und Denkweisen, Werte und Gesetze, Kunst und Kommunikation wandeln sich. Aber es ist nicht die Welt, die untergeht, sondern stets nur eine bestimmte Welt – einst die vorindustrielle, nun die industrielle. Bei den Privilegierten der alten Kultur weckt das Wehmut. Viele andere erfahren den Wandel als Befreiung von überkommenen Zwängen. Die Industrialisierung zerstörte Traditionen und gewohnte Freiräume. Aber sie bot gleichzeitig neue Freiheiten – politische, soziale, kulturelle –, wie sie die Menschheit zuvor nicht kannte. Für die Digitalisierung gilt dasselbe.

Die zweite Phase der „Payback“-Debatte betraf denn auch genau diese Frage – die Grundthese Schirrmachers, dass die Digitalisierung unsere Freiheit bedrohe. Auslöser war ein Videointerview, das Alexander Kluge Ende Januar mit Schirrmacher führte. Das Gespräch kreiste um die Bedeutung von Algorithmen in der digitalen Kultur, ihre Rolle bei der Auswahl und Aufbereitung von Informationen. Schirrmacher bekräftigte dabei seine „Payback“-These, dass die zunehmend algorithmisch organisierte Sammlung, Filterung und Bereitstellung von Informationen und damit die Steuerung menschlicher Aufmerksamkeit eine bedrohliche „Veränderung in der Geschichte des Denkens“ bedeute: „Wir werden das selbständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen.“

Die Tradition dieser Angstvorstellung von der heraufziehenden Maschinenherrschaft, beschworen seit zwei Jahrhunderten in unzähligen Dystopien und populären Sachbüchern, Romanen und Filmen, ist Frank Schirrmacher selbstredend bekannt. Seine Warnung jedoch, insistiert er, hat eine neue Qualität. Denn diesmal gehe es nicht mehr um die simple Unterwerfung unserer Körper unter die Rhythmen der Maschinen. Die physische Bedrohung sei mit der Digitalisierung einer psychischen gewichen: Mit der steigenden Fähigkeit der Algorithmen, statistisch basierte Vorhersagen individueller Verhaltensweisen und subjektiver Geschmacks- und Kaufentscheidungen („predictive search“) zu treffen, drohe die Abschaffung unseres freien Willens: „Die größte Gefahr ist, dass die Welt der Vorhersagen eine Welt der Vorherbestimmung wird.“

Ausdrücklich betont Schirrmacher dabei, dass die digital ermächtigte Hirnforschung wie auch die moderne Psychologie einen freien Willen, wie ihn der gesunde Menschenverstand begreift, ohnehin für eine Illusion halten. Doch gerade den Verlust dieser Illusion hält er für verderblich: Die Frage des freien Willens sei „keine akademische Frage. In einer vorausberechneten und vorhergesagten Welt wird sie zu einer Alltagsfrage der Menschen. Dabei ist es völlig egal, ob es einen freien Willen gibt oder nicht, wichtig ist, dass wir an ihn glauben.“

Nun verneint die von Schirrmacher dämonisierte „Predictive search“-Technologie freie Willensentscheidungen ebenso sehr oder ebenso wenig wie die altbekannte Praxis der Demoskopie die Freiheit der Wahlentscheidung vernichtet. Doch sieht man von der intellektuell unscharfen Dramatisierung ab, so weist Schirrmachers Argumentation für die Selbstillusionierung und gegen die Verwandlung der „Welt in Formeln, Systematiken und Algorithmen“ auf die ideologische Schwachstelle seines Denkens: Die Mathematisierung handwerklicher und ökonomischer Praktiken, auch von Kunst und Kommunikation steht am Anfang der westlichen Neuzeit. Die Herstellung mathematischer Berechenbarkeit trieb alle Modernisierungsprozesse von der Renaissance über die Aufklärung bis in die digitale Gegenwart. Indem er Mathematisierung als schädliche Desillusionierung begreift, stellt Schirrmacher sich allen anderslautenden Lippenbekenntnissen zum Trotz in die – durchaus ehrwürdige, wenn auch unfruchtbare – Tradition romantischer Anti-Aufklärung.

Was jedoch jenseits aller Mystifikationen realiter geschieht, wenn nun Algorithmen mediale Deutungsmacht gewinnen, hat unter anderem Robin Meyer-Lucht auf Carta analysiert: nicht die Abschaffung von Freiheit durch Maschinenherrschaft, sondern schlicht die Ablösung einer Sorte von Kontrolle durch eine andere. In der industriellen Epoche sammelten, filterten und verteilten massenmediale Institutionen alles wesentliche Wissen. Im Bereich aktueller Information waren (und sind) das die Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern.

Dass deren Praktiken mit individueller Freiheit wenig zu tun haben, kann jeder bezeugen, der – wie der Autor dieser Zeilen – einschlägige Erfahrungen sammeln konnte. Wenn nun algorithmisch organisierte Organisationen wie Google den etablierten Verlagen und Sendern mit einigem Erfolg Konkurrenz machen, vollzieht sich der Übergang von analogen zu digitalen Filterungsprozessen; nicht mehr und nicht weniger. Die Frage einer damit verbundenen Einschränkung oder Ausweitung individueller Freiheit – der Information, des Denkens – ist von diesem institutionellen Wandel kategorial unabhängig und nach wie vor nur durch detaillierte Einsicht in die jeweiligen Prozesse und damit am guten Ende politisch zu lösen.

Dieses letzte Moment – die Klage darüber, dass algorithmisch organisierte Märkte das Selektionsmonopol der Institutionen in Frage stellen, die „Wissen unterrichten, produzieren, drucken und verbreiten“– deutet auf die zweite, nun biographische Schwachstelle von Schirrmachers Position. Sein Erwachsenen- und Berufsleben prägten kulturelle Praktiken, deren Gültigkeit die Digitalisierung in Frage stellt. Folgerichtig vermag er deren Krise, die neue Instabilität, den schnellen Fluss der Dinge, primär als Bedrohung und nur am Rande als Chance wahrzunehmen. Sein hohes Maß an Selbstreflexion beweist sich genau an diesem Punkt, als Selbstverdacht: Es sei noch unklar, hält er fest, ob sich hinter dem Siegeszug der Algorithmen „eine der nächsten großen Kränkungen des Menschen verbirgt oder nur die Kränkung unserer Generation, die schlichtweg überfordert ist.“

Zwar liest sich „Payback“ auf weiten Strecken intelligenter als das Gros der Beiträge zu der heftigen Debatte, die der Bestseller im Feuilleton wie in den Blogs entfesselte. Seine große Schwäche besteht jedoch in genau dem Umstand, der seinen populären Erfolg ausmacht: dass die zentralen Positionen in so hohem Maße den Erfahrungen und (Vor-)Urteilen von Schirrmachers Schicht und Generation verhaftet bleiben. Die digitale Revolution geht, wie er selbst sagt, primär von den USA aus. Den deutschen Mangel an digital informierter Intellektualität, den er in Interviews und auf Podien zu Recht beklagt, belegt so einmal mehr der anti-aufklärerische Kulturpessimismus seines Bestsellers.

Dessen bleibende Wirkung dürfte denn auch vor allem in dem Kulturtransfer bestehen, den Schirrmacher gewissermaßen nebenbei besorgt. Bedeutend ist „Payback“ als ein trojanisches Geschenk: In der Verkleidung kulturpessimistischer Jeremiaden schmuggelt das Buch Vordenker der Digitalisierung in Kreise, die sich sonst niemals auf W. Daniel Hillis oder Daniel Dennett, George Dyson oder Bruce Sterling, Stephen Baker oder Jeff Hawkins und ihre bahnbrechenden Theorien eingelassen hätten.

Gegen wie mit Schirrmacher bleibt damit die Hoffnung, dass dank der „Payback“-Debatte neue, positivere Gedanken in den recht inzestuös-negativen deutschen Ideen-Pool einfließen. Denn: „Menschen können ‚geweckt’ werden, sie reagieren, wenn sie mit einer anderen Perspektive konfrontiert werden. Sie sind bereit, ihre eigenen Annahmen infrage zu stellen und neu zu denken.“

Gundolf S. Freyermuth hat diesen Text für die März-Ausgabe des Rotary Magazins geschrieben. Carta präsentiert den Text hier in einer leicht überarbeiteten Fassung erstmals online.