Von der Industrierepublik zur digitalen Exzellenz: Gunter Dueck über eine Übergangsmisere

Das Konzept des IBM-Managers Gunter Dueck lässt sich in 5 Wörtern zusammenfassen: Jeder muss und kann studieren! Ein Buch über MINT-Akademiker, Traumberufe der Wissensgesellschaft und die deutsche Bildungsmisere.

Zimperlich ist er nicht, wenn es um die Zukunft geht, denn damit kennt er sich aus: Prof. Dr. Gunter Dueck, Cheftechnologe der deutschen IBM, hat ein neues Buch geschrieben und das hat es in sich. Darin stehen Sätze wie: „Deutschland als Land muss sich einen neuen Job suchen“, oder „Das Neue steht [in unserer Gesellschaft] die ganze Zeit am Pranger, das Leben durcheinanderzubringen“.

Dabei ist Gunter Dueck kein Panikmacher und auch kein Misanthrop. Er sieht nur klar, welche Veränderungen vor uns liegen und beschreibt diese in aller Deutlichkeit in „Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen“ (Erschienen am 26. Januar 2010).

Nach Gunter Dueck befinden wir uns mitten in einem epochalen Wandel, der – ausgelöst durch die Computer-Technologie und das Internet – in unserem Land jetzt gerade den tertiären Sektor (also die Dienstleistungen) rationalisiert bzw. automatisiert und uns in der Folge in ein Zeitalter des quartären Sektors führt, in die Wissensgesellschaft. Sein Buch beschreibt anschaulich und mit vielen Beispielen aus der Praxis belegt, wie sich der Niedergang der Dienstleistungsgesellschaft vollzieht. Das überhaupt ist eine Stärke dieses Buches: Es bleibt nicht abstrakt, sondern bewegt sich immer entlang konkreter Fälle, mitten aus dem Leben gegriffen. Noch kaum irgendwo sonst wurden die aktuellen Veränderungen im tertiären Sektor so plastisch geschildert und in ihrem größeren Kontext erklärt als hier.

Gunter Dueck hält sich dabei aber nicht länger als nötig auf und beschreibt mit ähnlicher Detailfreude die Zukunft und ihre Chancen. Die sieht er vor allem in technischen Bereichen wie der Solartechnik, Windkraft, Nanotechnologie oder Oberflächenphysik. Für ihn liegen die „Traumberufe der Wissensgesellschaft“ eindeutig auf diesen Feldern und natürlich sieht er deshalb, wenig verwunderlich, einen großen Mangel an MINT-Akademikern (Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker) in Deutschland. Dass für unsere Zukunft auch soziale Berufe, Kunst oder Tourismus wichtig sein könnten, muss man sich jedoch selber denken und darf dazu im Buch des Mathematikers keine breiten Ausführungen erwarten.

Seine Vision setzt eben darauf, dass der Wohlstand in Deutschland auch weiterhin ganz überwiegend mit Spitzentechnologie (und deren Export) geschaffen wird. Dafür sieht er uns als Gesellschaft hochgebildeter Individuen, die nahezu alle nicht nur Abitur, sondern auch ein Studium absolviert haben werden.

Das ist ein kühnes Bild, in dessen Folge im Buch die Diskussion des Bildungssektors provozierend und sehr herausfordernd gerät. „Jeder muss und kann studieren!“ Unbescheiden fordert Gunter Dueck hier ein massives Umdenken und prangert schonungslos an, dass Deutschland sein Bildungswesen derzeit „industrialisiere“ und der breiten Bevölkerung damit nur „Standardbildung statt Premiumbildung“ anbiete. Was hart klingt, wird durch sehr treffende Schilderungen des Wandels in diversen Berufsfeldern praxisnah unterlegt.

Damit gelingt es ihm zu zeigen, dass wir einerseits zwar ganz selbstverständlich immer höhere Anforderungen etwa an die Betreuung in Kindergärten oder die Beratung bei den Banken stellen, die entsprechenden Berufsbilder aber wie vor Jahrzehnten noch auf einen mittleren Bildungsabschluss ausgelegt sind.

Für Gunter Dueck geht hier eine Schere auf, weil der Staat die Bildung zunehmend standardisiere statt sie aufzuwerten, während nicht zuletzt auch der weltweite Wettbewerb stetig höhere Anforderungen an viele Berufsfeldern stellt. Allerdings macht sein Buch keine Aussagen darüber, wie das finanziert werden soll. Denn eine bessere Bildung auf breiter Ebene kostet zunächst einmal viel Geld und die sich abzeichnende Wissensgesellschaft des quartären Sektors ist bei weitem noch nicht produktiv genug, um einen solchen Umbau schon aus Steuergeldern tragen zu können.

Immerhin legt das Buch die Finger in die richtigen Wunden: Ein nicht unerheblicher Teil der heutigen Übergangsmisere ist dem von Gunter Dueck treffend geschilderten Verhalten des Staates geschuldet, der mit massiven Subventionen alte Strukturen endlos am Leben erhält und darüber dann zu wenig Geld für die Förderung von Zukünftigem hat.

Zudem werden seiner Auffassung nach in Sachen Zukunft vom Staat die falschen Dinge gefördert: Einzelinnovationen, die der Markt sehr gut selbst schaffen könnte, werden gerne von der Politik bedacht, während diese sich bei der viel wichtigeren Infrastruktur zurückhalte oder endlos verzettele. Dies betrifft besonders das Internet, das nach Gunter Dueck massiv gefördert werden müsste, einerseits durch überall verfügbare breitbandige Netzanschlüsse und andererseits durch ein standardisiertes Bezahlsystem.

Dem kann man kaum widersprechen. Tatsächlich ist das Internet heute ein wirtschaftlich relativ brachliegender Raum, in dem sich nicht nur der Mediensektor schwer tut, weil viele Angebote sich durch Werbung allein nicht ausreichend finanzieren können. Den Ansätzen zum Paid Content fehlt eindeutig ein Standard, der Bezahlvorgänge einfach, sicher und universell möglich macht. Für Gunter Dueck muss dieser vom Staat geschaffen werden und darf nicht dem Wettbewerb zwischen Apple, Google oder Facebook überlassen bleiben.

Leider befasst sich die Politik in Deutschland kaum mit solchen Fragen und auf die Kardinalfrage, wie man dem Politikbetrieb diese Sicht auf das Internet nahe bringen könnte, hat auch Gunter Dueck noch keine Antwort. Dennoch ist ihm mit „Aufbrechen!“ ein sehr gutes Buch gelungen, in dem er ein anschauliches Panorama des Wandels unserer Gesellschaft zeichnet und mit vielen Vorschlägen Wege in die Zukunft weist. Wer sich für die größeren Zusammenhänge rund um die Informationsgesellschaft interessiert, sollte dieses Buch gelesen haben.

dueck_aufbrechenGunter Dueck: AUFBRECHEN! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen, Eichborn Verlag, Frankfurt a.M., 224 Seiten, 19,95 Euro. Hier bei Amazon bestellen und damit Carta unterstützen.
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