Axolotl Roadmap

Ein satirischer Wegweiser durch die Bestseller der kommenden sieben Jahre.

Sie werden es nicht glauben, aber Charlotte Roches’ „Feuchtgebiete“ und Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ waren erst der Anfang. In unserer Glaskugel erkennen wir bereits die nächsten Debütantinnen. Sie schreiben härter und authentischer als alles bisher Dagewesene. Das Feuilleton ist hingerissen.

1. „Kabul Snuff“ (Von Antigone Angermeier, 16)

Die 14jährige Violet, von ihren Freiern „pretty baby“ genannt, schuftet in den verwanzten Bordellen der afghanischen Taliban rund um die Uhr. Von ihrer durchgeknallten Hippiemutter im Alter von sieben Jahren verstoßen, vom alkoholkranken Vater an die Drogenbarone der Nordallianz verkauft, lebt sie das hündische Leben einer Sklavin. Einziger Kontakt zur Außenwelt ist ihr geliebtes iPad. Um die Realität ertragen zu können, schnupft Violet rohen afghanischen Rübenzucker. Durch dauernde Selbsterniedrigung emanzipiert, steigt sie schließlich zur Mätresse des gehirnamputierten Opiumhändlers Helmand auf, der als Kind mit Schlingensief-Filmen gefoltert wurde…

„Ein deutsches Romandebüt mit einer solchen Kraft hat es lange nicht gegeben.“

„Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade… Antigone Angermeier schreibt ein Deutsch, das es noch nie gab: suggestiv wie Sowjetpropaganda, himmlisch rhythmisch, zu Hause in der Hoch- und Straßensprache und so verführerisch individuell, dass ab morgen bestimmt hundert andere deutsche Schriftsteller den Angermeier-Sound nachmachen und dabei natürlich absolut scheitern werden.“

Maxim Biller 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

2. „Ultra Light Sado“ (Von Berenice Beerendonk, 14)

Die 12jährige Mathilda gerät in die Hände einer sadistischen Profikiller-Taskforce der Mittenwalder Gebirgsschützen, wird mit roher Schweineleber gestopft, muss bis zum Erbrechen Almdudler saufen und KSK-Fesselrituale ertragen. Am Ende stecken ihr Kameraden Leuchtraketen in den Arsch…

„Beerendonks literarisches Debüt sticht aus der braven Nachwuchsliteratur der letzten Jahre schon allein durch sein bemerkenswertes Rhythmusgefühl heraus… An „Ultra Light Sado“ werden sich wohl alle deutschsprachigen Romandebüts dieses Jahres messen lassen müssen.“

Nadine Lange 2012 im Berliner Tagesspiegel

3. „The History of A.“ (Von Chlothilde Chlein, 12)

Die 10-jährige Alice vegetiert, vollgepumpt mit Drogen, in einem zwei Quadratmeter großen Berliner Kellertheater vor sich hin. Nur ihr weißes Kaninchen „Bunny Roadkill“ und eine dreibeinige zahnlose Grinsekatze bewahren sie vor dem Wahnsinnigwerden. Ihr links-dekadenter, psychopathisch veranlagter Großvater Carl zwingt sie, „im Kellerland“ verkrüppelte Grottenolme zu züchten…

„The History of A.“ kann man als großen Coming-of-age-Roman der Zehnerjahre lesen…. Chlothilde Chlein zielt mit ihrem Buch mitten in den Kern unserer Konsenskultur.“

Mara Delius 2013 in der FAZ

4. „Black Tarantula“ (Von Denise Demirkhan, 10)

Die 8-Jährige Lisbeth Salamander hat bereits eine eklige Blut & Schleim-Odyssee durch den brutalen Kindereinzelhandel der Frankfurter Kaiserstraße hinter sich, als ihr endlich gelingt, sich aus der Obhut ihres perversen Vormunds zu befreien. Doch dann wird sie zum Opfer einer gnadenlosen Content-Mafia, die Lisbeths fotografisches Gedächtnis dazu missbraucht, Tag und Nacht Raubkopien indischer Liebesfilme herzustellen…

„Ein Kugelblitz in Prosaform und Prosasprache… packend im disharmonischen Gesamtklang…, das Grundgeräusch unserer Gegenwart… So ein Debüt gibt es wirklich selten.“

Ursula März 2014 in der Zeit

5. „Blood and Guts in Boarding School“ (Von Eileen Eiermann, 8)

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Ein Literaturwunderkind. Die Feuilletons sind begeistert. (Foto: T. Hawk, cc-by-nc)

Die 6-jährige Helen liegt nach einer missglückten Intimrasur durch Jesuiten-Pater Canisius im Krankenhaus. Ans Bett gefesselt und von ihrer Rabenmutter mit gestampften Viagra-Pillen zugedröhnt, denkt sie über ihre zerstörte Kindheit nach: über Weißkohlhämorrhoiden, Internetverkehr, Content-Experimente und ausgefallene Copy & Paste-Praktiken…

„Diese so extreme wie repräsentative Opfergeschichte umgibt ein soziokulturelles Panorama des zweites Millenniumsjahrzehnts, wie es nur eine wirklich kluge, wirklich beschädigte und wirklich junge Frau eröffnen kann. Ihre Stegreif-Analysen erinnern an die Feldstudien von Rainald Goetz, ihre Theoriefragmente sind von blitzender Spontaneität, und die Cut-up-Technik, die Eiermann aus dem Film mitbringt, setzt in guter Underground-Tradition kritisches Potenzial frei – sei es durch die entlarvende Unmittelbarkeit der Dialoge, sei es durch aberwitzige Situationskomik.“

Dorothea Dieckmann 2015 in der Neuen Zürcher Zeitung

6. „Mexiko Accident“ (Von Fortunata Forlorn, 6)

Als Chihuahua verkleidet reist die 4-jährige Dolores im Handgepäck des pädophilen Zwerges Humbert Humbert zwischen den Latrinen eines Ölfrachters durch die Karibik. In der Spelunke „Mountain Grove“ gerät sie an bisexuelle Pilzkiffer und erlebt die Höllenfahrt eines Psilobycin-Rausches…

»Von einer großen Suchbewegung getrieben, voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken.«

Tobias Rapp 2016 im Spiegel

7. „Pussycat Fever“ (Von Genoveva G., 4)

Die 2-jährige Fanny, als missbrauchtes Waisenkind von einer schizophrenen Kupplerin mit Ketamin und Lebertran aufgezogen, lebt im Fixermilieu zwischen Hamburger Hauptbahnhof und Reeperbahn. Eines Tages blickt sie in den Darkroom ihres Puppenhauses und macht eine grausige Entdeckung…

„Reaktionsschnelle, sperrangelweit offene, kämpferische, halluzinogene Ultrasensibilität.“

„Da rattert es kluge, authentische und rasante Sätze. Bang, macht es. Und wieder hat den Leser ein Blitz von hellem Jetzt getroffen. Sätze, die durch das trübe Tröpfeln der Gegenwart wie ein Sturzbach herabrauschen.“

„Jedes neue, richtig gute Debüt lässt sich nur schwer einordnen. Diese Bücher scheinen zu flirren, die Worte und Sätze überkreuzen sich, so dass im Kopf ein Brummen entsteht, und gerade das macht sie aus. ‚Pussycat Fever’ erzeugt dieses Brummen.“

Peter Michalzik 2017 in der Frankfurter Rundschau

P.S. Dieser Text ist ein Crossposting des Onlinemagazins Magda (Die kursiv gesetzten Zitate stammen aus den Besprechungen des Romans Axolotl Roadkill).