Die FAZ: das neue Zentralorgan der Nerds?

Kommt jetzt der "binary turn"? Eine Spurensuche zur Nerdisierung der FAZ.

Vor einiger Zeit hatte ich – eher im Scherz – die altehrwürdige Frankfurter Allgemeine Zeitung in ein paar Tweets als „Nerd-Zentralorgan“ bezeichnet. Anlass waren Frank Schirrmachers ganzseitige Verteidigung der Nerds kurz vor der Bundestagswahl, die Publikationsoffensive im Umfeld der iPad-Enthüllung oder die Öffnung der FAZ als Plattform für bekennende Nerds, wie etwa beim Artikel von Frank Rieger (Chaos Computer Club). Nachdem das Wort vom „Zentralorgan“ immer mal wieder aufgegriffen wurde, habe ich darüber nochmal ein wenig nachgedacht und ein paar Gedanken zum „binary turn“ der FAZ notiert.

Klar ist eines: Frank Schirrmacher ist die treibende Kraft hinter diesem Prozess, da genügt ein Blick in seinen Leitartikel vom 23. Januar, in dem er vehement nach mehr digitaler Intelligenz in und für Deuschland ruft (ein Schelm ist, wer schon bei diesem Datum die Nerd-Alarmglocken läuten hört). Man könnte hinter dieser Neuausrichtung des FAZ-Feuilletons auf Debatten und Gegenstände digitaler Kultur zunächst einmal eine flankierende Berichterstattung zu seinem jüngsten Buchprojekt Payback vermuten, doch das wäre viel zu vordergründig und würde Herrn Schirrmachers Gespür für Themen nicht gerecht.

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FAZ: Binary Turn? (Foto: otzfeld, cc-by-nc-sa)

Inhaltlich ist dieser Schwenk – der immerhin ein wenig wegführt von den Gen-, Bio- und Nano-Technologie-Debatten der letzten Jahre – absolut zu begrüßen, denn in der Tat hat der öffentliche Diskurs in Deutschland zu Fragen der Digitalisierung und ihrer sozialen Folgen erheblichen Nachholbedarf. Einen besonderen Twist bekommt diese Nerdisierung allerdings durch die immer mal wieder durchbrechende Arroganz und Ablehung der Online-Kultur – die sich an ganz unterschiedlichen Stellen des Blattes zeigt, aktuell zum Beispiel an der mindestens schlagseitigen Position im Fall Hegemann.

Schaut man etwas genauer hin, dann finden sich einige Hinweise darauf, dass die FAZ schon sehr viel länger ein Ort für Nerds ist – eine kleine Spurensuche.

Beweisstück 1: Das Feuilleton vom 27. Juni 2000

Über mehrere Seiten hinweg hatte die FAZ einen Auszug aus dem Code des menschlichen Genoms ausgedrückt, der manchem als „ungelesenster Artikel der deutschen Mediengeschichte“ gilt. Eröffnet wurde damit eine Publikationsinitiative unter dem Banner der von John Brockman initiierten „Third Culture“-Debatte, die auf die Verschränkung des intellektuellen Diskurses zwischen Natur- und Geisteswissenschaften abzielte. Die „digitale Wende“ wurde diesmal „nur“ mit einigen Schirrmacher-Texten eröffnet. Doch wer weiß: vielleicht folgt demnächst ja noch eine Doppelseite im Binärcode.

Beweisstück 2: Der tägliche Blogeintrag auf Seite eins

Als große publizistische Zäsur wurde im Rahmen des Relaunchs vom 5. Oktober 2007 ein farbiges Foto auf die traditionsreiche Seite eins montiert. Seitdem entwickelt sich dieses Aufmacherfoto mehr und mehr zum täglichen Blogeintrag. Natürlich kommentieren die Bildauswahl und der Begleittext ein zentrales Thema des Weltgeschehens – doch stilistisch finden sich hier häufig Elemente von Verkürzung, Verweis und Kommentar, die charakteristisch für die im Blattinnern häufig kritisierte Blogosphäre sind.

Und vielleicht ist es nur eine persönliche Wahrnehmung, aber haben die Bildunterschriften in letzter Zeit nicht immer mal wieder die magische 140-Zeichen-Grenze unterschritten? Doch selbst wenn nicht – viele Bildkommentare funktionieren exakt so wie ein typischer Twitpic-Post: das Bild illustriert ein Thema, eine Idee und der Text setzt Verweise auf die Stellen zum Weiterlesen im Blatt. Andersherum formuliert: genau so könnte die „Seite eins“ der FAZ auch twittern.

Beweisstück 3: Die Nerds sind nicht nur im Feuilleton

Nicht so sehr ein konkretes Beweisstück, eher eine Sammlung von Indizien zur These – blickt man nur flüchtig auf verschiedene Ressorts, dann finden sich überraschend viele Beispiele für „nerdige“ Berichterstattung: die überraschend blumig zur Schau getragene Detailversessenheit der „Technik und Motor“-Redaktion oder die nicht selten hochgradig verschlüsselten Berichte aus der Feinschmeckerwelt. Das Ins-Blatt-Schmuggeln von Material aus Entenhausen durch die bekennenden Donaldisten Patrick Bahners und Andreas Platthaus zählt ebenso dazu wie die kenntnisreiche „Netzwirtschaft“ immer Dienstags im Wirtschaftsteil – all dies sind kleine Hinweise auf die Verankerung der FAZ in der sprichwörtlichen Nerd-Kultur. Nimmt man FAZ.net noch hinzu, dann sollte an dieser Stelle noch die Inkorporierung von Don Alphonso und Michael Seemann erwähnt werden.

Doch was ist das Resultat dieser sicher lückenhaften und ausbaufähigen „Beweisführung“? Gibt es überhaupt eines? Ausgangspunkt der Überlegungen war ja die eher scherzhafte Bezeichnung der FAZ als „Nerd-Zentralorgan“, eine flüchtige Blattkritik hat immerhin einige Hinweise auf Elemente der zuletzt viel zitierten „Nerd-Kultur“ geliefert. Na und?

Um es noch einmal klar zu sagen: die Forderung nach mehr „digitaler Intelligenz“ oder besser: der verstärkten Diskussion „digitaler Themen“ in der deutschen Öffentlichkeit ist unbedingt zu unterstützen – Schirrmachers Payback und den Thesen von der Informationsüberlastung zum Trotz. Allerdings sollte der Begriff des „Nerds“ oder der „Nerd-Kultur“ etwas präziser ausbuchstabiert werden, als dies bisher geschieht – denn sonst wandelt die FAZ auf einem schmalen Grat und macht sich angreifbar. Wo das hinführen kann, hat vor kurzem Thomas Knüwer gezeigt, der einen Artikel von Frank Schirrmacher zerlegt hat.

An solchen Beispielen zeigt sich auch die Brüchigkeit der Konstruktion einer „Nerd-FAZ“, die zwar die Chance erkannt hat, den Ton für einen neuen gesellschaftlichen Diskurs anzuschlagen, sich dabei aber noch ein genaueres Bild von der Situation an der digitalen Kulturfront machen müsste.