Wenn Träume platzen: Das Apple iPad

Es hätte der ganz große Wurf werden sollen, der Tablet-Computer von Apple. Statt dessen ist das iPad nur ein hübsches Gadget, das weder dem Internet im Allgemeinen noch dem Mediensektor im Speziellen eine klare Richtung weist.

Die Erwartungen hätten größer nicht sein können und selbst ein James Bond, mit der Lizenz zum Töten, wäre daran gescheitert. Apple hat soeben seinen lang erwarteten Tablet Computer präsentiert, den iPad. Noch während die Vorstellung in San Francisco lief, sackte Apples Aktienkurs leicht ab und erholte sich erst wieder, nachdem die Preise für den iPad bekannt gegeben wurden: 499 USD (für die Einstiegsversion) sind für die Edelmarke mit dem Apfellogo ein Kampfpreis und so etwas wie das Eingeständnis, dass der ganz große Wurf nicht gelungen ist.

Steve Jobs hat mit dem iPad eindeutig den schon lang im Markt gehegten Erwartungen nach einem Tablet Device nachgegeben, ohne jedoch die richtige Antwort auf zwei entscheidende Fragen geben zu können: Auf der einen Seite steht die Frage, wie ein optimaler Tablet Computer auszusehen hat, auf der anderen geht es um nichts weniger als die Zukunft des Internet.

Das (oder der?) iPad ist zweifellos ein sehr schönes Gerät geworden und wird die Fans der Marke in Scharen zum Kauf animieren. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass dem iPad die Formvollendung des iPhone abgeht: Während das iPhone wirklich ein Geniestreich war, weil sein Formfaktor und das Bedienkonzept absolut überzeugen können, stellen sich beim iPad schon von Beginn an Fragen: Warum muss der Bildschirm im 4:3-Format sein, wenn doch  Filme und Videos fast nur noch 16:9 veröffentlicht werden? Warum unterläuft dem Perfektionisten Steve Jobs der Lapsus, dass der Browser seines neuen Vorzeigeproduktes offensichtlich kein Flash darstellen kann?

Wie sich die vielen Applikationen aus dem App Store optisch auf der im Vergleich zum iPhone deutlich größeren Bildschirmfläche des iPad präsentieren werden, bleibt abzuwarten. So harmonisch ausbalanciert das iPhone war (und ist), so sehr fehlt dem iPad sichtlich der letzte Schliff und jene meisterhafte Beherrschung bis ins Detail, die sonst so typisch für die Produkte dieser Marke ist. Der iPad ist kein ausgereiftes Produkt und wurde zu früh auf den Markt geworfen.

Das zeigt sich auch beim Content, den Inhalten aus dem Internet. Denn das Internet steht in seiner Entwicklung an einer Wegscheide: Hier das offene und universelle Netz, das im Wesentlichen über Browser erschlossen wird, dort ein reguliertes und reglementiertes Netz von Applikationen, mit ihrer exklusiven Bindung an ganz bestimmte Geräte bzw. Softwarestandards.

Steve Jobs ist sich dessen wohl bewusst und hat mit dem iPad jede Festlegung vermieden. So verfügt das Gerät über einen Browser, mit dem sich alle Inhalte aus dem Internet darstellen lassen (so sie nicht in Flash programmiert sind). Daneben aber stehen die altbekannten Insellösungen iTunes und der App Store. Diese beiden bekommen auf dem iPad noch einen dritten Gesellen dazu, einen Markt und Reader für E-Books, genannt iBooks.

Die im Mediensektor vielfach erwarteten Lösungen für Zeitungen und Zeitschriften fehlen: Den Verlagen bleibt nur der schon bekannte Weg über Applikationen im App Store. Damit lassen sich zwar Paid Content Konzepte sehr gut umsetzen, zugleich aber macht sich jeder Anbieter, der diesen Weg beschreitet, vollkommen von Apple abhängig. Steve Jobs sieht dem offenbar gelassen entgegen, denn das erste Promotionvideo zum iPad spricht mit einem Lächeln vom “Gold Rush” und den unbegrenzten Möglichkeiten, die im Konzept der Applikationen liegen.

Das wirkt fast, als wollte er den Medienhäusern und Verlagen sagen: Seht zu wo ihr im Medienwandel bleibt, wir sind inzwischen ein 50 Mrd. USD-Unternehmen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Verlage sollten sich deshalb sehr gut überlegen, ob und wie sie mit Apple kooperieren wollen. Am besten wäre es, sie suchten ihren Weg in die Zukunft direkt im Netz und nicht auf der Ebene von Applikationen oder in iTunes. Diesen Ansatz vertritt übrigens auch Jeff Jarvis, der vor wenigen Tagen erst in München bekräftigte, dass die Zukunft des Internet im Browser liegt.

Dies kann, gerade auch vor dem Hintergrund der in Europa immer lauter werdenden Begehrlichkeiten von staatlicher Seite nach Eingriffen und Regulierung im Internet (DeutschlandFrankreichItalien), nicht laut genug betont werden. Den Regierungen käme vermutlich ein “Applikationen-Internet” mit Zugangsbeschränkungen und Überwachungsmaßnahmen gerade recht. Den Prinzipien der Demokratie und freier Märkte liefe dies aber vollkommen zuwider.

Das Internet muss neutral und offen bleiben. Es braucht keine “Sowohl-als-auch-Geräte” und auch keine “Schauen-wir-mal-wohin-der-Hase-läuft-Strategie”. Das iPad könnte Apple deshalb Sympathien kosten, weil sein Grundkonzept (einmal mehr) kein klares Bekenntnis zu offenen Standards und einem offenen Internet darstellt.

Gut möglich ist aber auch, dass sich viele Konsumenten um so grundsätzliche Fragen gar keine Gedanken machen und bedenkenlos die Produkte aus dem Hause Apple kaufen werden. Denn eines beherrscht man bei Apple wie kaum irgendwo sonst: Das Marketing. Und da treffen sich auch wieder Steve Jobs und James Bond: Beide verkaufen sich und ihre Sache glänzend, egal ob mit oder ohne Lizenz zum Töten.