Gelernter/Schirrmacher: Im Haus der algorithmischen Institutionen

Die Diskussion mit Frank Schirrmacher und David Gelernter auf der DLD zeigte: Es geht nicht darum, ob wir algorithmische Institutionen bekommen, sondern wie wir sie aufbauen.

Das Panel “Informavore” auf der diesjährigen DLD ließ viele Zuhörer eher ratlos zurück – und doch halte ich das Aufeinandertreffen von Frank Schirrmacher und David Gelernter für einen ganz entscheidenden Moment, um zu verstehen, worum es in der durch “Payback” angestoßenen Algorithmen-Debatte eigentlich geht – und wie sie weitergeführt werden könnte.

Frank Schirrmacher führt darin aus, dass es ihm letztlich um die Frage gehe, wie das Verhältnis von Informationen und Nutzern in Zukunft organisiert sein werde, wie Aufmerksamkeit in Zukunft organisiert wird: “Ist es nicht die größere Veränderung in der Geschichte des Denkens, wenn diese Aufmerksamkeit nun von Algorithmen und Maschinen organisiert wird?”


DLD-Panel Informavore (Video): Welche Institutionen bauen wir eigentlich gerade?

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Hier kann man einhaken und sagen: Gesellschaftliche Gefäße, die Informationen organisieren, kann man gut mit dem Begriff der “Institution” beschreiben. Die Gesellschaft gibt sich Institutionen wie Universitäten, Parteien, Zeitungen, etc., um die Verteilung von Informationen möglichst effizient zu organisieren, wie die Institutionenökonomik herausgearbeitet hat.

Frank Schirrmacher interessiert also letzlich, was passiert, wenn wir unsere Institutionen (teil-)automatisieren, wenn die Institutionen plötzlich anfangen zu rechnen. Was passiert, wenn die Institutionen nicht mehr allein menschlich kontrolliert werden und ihre Werte letzlich von Algorithmen verwaltet werden? Schirrmacher sorgt sich also um einen Kontroll- und Werteverlust durch Technisierung.

Passenderweise saß Schirrmacher dabei nun mit David Gelernter einem Mann gegenüber, der einmal in einem Manifest über Institutionen im Netz geschrieben hat:

Institutions Afloat In The Cybersphere

Your car, your school, your company and yourself are all one-track vehicles moving forward through time, and they will each leave a stream-shaped cyberbody (like an aircraft’s contrail) behind them as they go. These vapor-trails of crystallized experience will represent our first concrete answer to a hard question: what is a company, a university, any sort of ongoing organization or institution, if its staff and customers and owners can all change, its buildings be bulldozed, its site relocated — what’s left? What is it? The answer: a lifestream in cyberspace.

Auch David Gelernter braucht auf dem Panel etwas, bis er auf seinen eigentlichen Punkt kommt. Bei Minute 9’30 aber platzt es auch ihm heraus: “The Web makes markets, not ideas. One of the most important markets it can make, is the market in ideas. The ultimate value of the web is competition: We want the ideas to compete, so that we know which are good.”

Hiermit hat man dann fast schon einen archetypischen Gegensatz zwischen zwei Positionen, wie Institutionen aufgebaut sein sollen. Für Frank Schirrmacher sollten Institutionen vor allem von Werten angetrieben und durch Menschen organisiert sein. Für David Gelernter stellt ein freier Markt eine fast schon ideale Institution dar, um die besten Informationen auszuwählen. Dass dieser Markt noch nicht befriedigend funktioniere, sei vor allem ein Problem schlechter Algorithmen.

Beim Zusammentreffen von Schirrmacher und Gelernter wird deutlich: Man kann Algorithmen als etwas sehen, was Institutionen gefährdet – oder als etwas, was Institutionen schafft. Letztlich haben dabei beide Seiten Recht: Algorithmen sorgen gerade für beides. Es ist wichtig, das erste zu thematisieren ohne das zweite aus dem Blick zu verlieren.

Die Institutionenökonomik hat herausgearbeitet, dass sich Institutionen verändern müssen, wenn sich die Kosten der Informationsorganisation ändern. Wenn es leichter wird, Informationen zu organisieren – und genau dafür sorgen Algorithmen gerade –, dann müssen sich die Institutionen notwendigerweise mit verändern. Dies ist, wenn man so will, eine Art Grundgesetz der Institutionengeschichte. Allein deshalb werden Algorithmen das Institutionengefüge ganz erheblich verändern.

Die Frage im Zusammenhang von Institutionen und Algorithmen ist also nicht die nach dem ob, sondern dem wie. Frank Schirrmacher hat – gerade aus einer konservativen Positition heraus – richtig angemahnt, dass man diesen Wandel der Institutionen kritisch beäugen muss. Gelernters “free market in ideas” und Algorithmen sind nicht zwingend neutral; häufig dienen sie Interessen und exekutieren bestimmte Wertvorstellungen. Dabei sind, hier liegt Gelernter richtig, Algorithmen ein sehr mächtiger Baustoff für neue Institutionen. Neue (teil)algorithmische Institutionen lösen klassische Institutionen auch deshalb ab, weil sie aus Nutzersicht bessere Lösungen bieten. Niemand will zurück in eine Zeit, als es Suchmaschinen noch nicht gab.

Der nächste Schritt der Debatte muss daher lauten: Welche Institutionen bauen wir eigentlich gerade? Welche Werte stecken im Code? Könnte er auch anders aussehen? Wie “liest” man algorithmisch Institutionen? Welches ist die Rolle von Individuen und Elite in den neuen algorithmischen Institutionen? Sind Algorithmen, die auf einem ganz anderen Kontinent entwickelt werden, imperialistisch?

Frank Schirrmacher hat am Samstag im FAZ-Leitartikel Google als “eine Akademie der Aufklärung” bezeichnet und gefordert: “Die Informatiker müssen aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden. Sie müssen die Scripts erklären, nach denen wir handeln und bewertet werden.”

Man kann dies als Appell zu einer Wissenschaft der algorithmischen Institutionen lesen, als Wissenschaft der neuen gesellschaftlichen Informationsverarbeitungsmechanismen. David Gelernter nennt den derzeitigen Umbruch “a tremendously exciting and hopeful time”. Tatsächlich bieten Algorithmen als Kulturtechniken im warsten Sinne des Wortes die Chance auf sehr spannende neue Institutionen. Man muss nur wissen, wie sie gebaut sind – und kritisch mit ihnen umgehen.