Komplizen: Die Medien und der Terror

Ohne die mediale Aufmerksamkeitsverstärkung wäre auch der Terror machtlos. Angemessene Berichterstattung wäre auch im Sinne der Terrorbekämpfung angebracht.

Ein Gedankenexperiment zur Terrrorismus-Bekämpfung: Was wäre gewesen, wenn die Medien angemessen über das verhinderte Selbstmordattentat über dem Himmel von Detroit berichtet hätten? Soll heißen, ohne die Nachricht vom Beinahe-Flugzeugabsturz aufzubauschen, ohne neuerlich unser aller Angst vor Al Qaida zu schüren – in einer kleinen Notiz, beiläufig sozusagen? Kaum ein Politiker würde sich mit Nacktscannern profilieren wollen. Und, um noch eins draufzusetzen: Wäre Al Qaida nicht bald machtlos, wenn selbst „gelungene“ Selbstmordattentate nur noch wenig oder keine Medienaufmerksamkeit auf sich lenkten? Die Medien ignorieren ja tagtäglich auch tausend andere Gewalttaten und Kriege auf dieser Welt.

Das ist natürlich ein absurdes Gedankenspiel, aber es zeigt, dass die Medien, ob sie wollen oder nicht, zu Komplizen des Terrornetzwerks geworden sind. Es ist an der Zeit, ihre Rolle genauer unter die Lupe zu nehmen, wenn nicht im Balanceakt zwischen mehr Freiheit und mehr Sicherheit die Freiheit unter die Räder kommen soll.

Dies ist selbstverständlich kein Plädoyer für Nachrichtensperren oder Zensur. Im Gegenteil, es ist der Vorschlag, eine bestehende Nachrichtensperre aufzuheben: Die Medien und der Journalismus selbst sollten viel häufiger zum Gegenstand von medialer Berichterstattung werden. Entsprechende Mittel vorausgesetzt, wäre die Medienforschung längst in der Lage, zeitnah Medienresonanz-Analysen zu erstellen – und so zu zeigen, dass ein Großteil des Terrors gar nicht von Al Qaida ausgeht, sondern von willigen und gedankenlosen Helfershelfern, die dem Terrornetzwerk stets verlässlich zu unverdienter medialer Aufmerksamkeit verhelfen.

Der Schweizer Ökononom Bruno Frey hat in seinem Buch „Dealing With Terrorism: Stick Or Carrot?“ schon vor sechs Jahren darauf hingewiesen, dass Terroristen und Journalisten „ein rationales Interesse an einem spektakulären terroristischen Anschlag teilen“. Beide seien „an der Nachricht interessiert“, und beide „wollen den Vorfall so lange in den Schlagzeilen halten wie möglich“. Terroristen gingen deshalb mit den Medien eine Win-win-Beziehung ein. Diese sichtbar zu machen – und verantwortungsbewusst darüber aufzuklären, wie gering letztlich die Risiken für Fluggäste sind, Attentats-Opfer zu werden, wäre wirksamere Terrorbekämpfung als alle Nacktscanner und Flughafen-Kontrollen dieser Welt.

Stephan Ruß-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sie erscheint in einer speziellen Version mit freundlicher Genehmigung des Autors auch auf Carta.