Der kleine Nostradamus für Blogger

Auch 2010 wird es wieder heißen: Blogger sind Parasiten. Sie kommentieren nur, was tapfere Printjournalisten unter Einsatz ihres Lebens recherchierten. Unsinn! Im nächsten Jahr werden Blogs endgültig zu Primärmedien. Und zwar so:

Januar

iRights.info deckt auf, dass das Leistungsschutzrecht in einem geheimen Trakt des Bundesjustizministeriums von Springer-Anwälten geschrieben wurde. Springer-Vorstand Mathias Döpfner bezeichnet die Enthüllung daraufhin als feigen Terroranschlag von spätideologisch und radikal-islamistisch verirrten Webkommunisten.

Februar

Auf freitag.de enthüllt Kai Diekmann, er sei der Sohn von taz-Mitgründer Christian Ströbele. Ein Penisvergleich habe das ergeben. Wenig später erklärt Diekmann, es handle sich um eine Satire.

carta.info meldet exklusiv, dass die volle GEZ-Zwangsgebühr künftig auch von Haustieren erhoben werde, die Zugang zu Rundfunkempfangsgeräten haben oder in solchen wohnen.

März

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Carta enthüllt: Die Topstories 2010 (Montage: Carta)

Robert Basic (buzzriders blog) gibt nach dem erfolgreichenlosen Verkauf seines Twitter-accounts @RobGreen (inklusive seiner 5000 Follower) bekannt, dass er darüber nachdenke, nun auch seine Adresse, seine Passwörter, seinen Nachnamen und seine Großmutter zu verkaufen, um das Projekt Buzzriders bekannter zu machen und solide zu finanzieren. In Reaktion darauf verleiht Wirtschaftsminister Rainer Brüderle Robert Basic den Lars Windhorst-Preis der Hypo Real Estate für vorbildliches unternehmerisches Verhalten.

Jens Berger (Spiegelfechter) analysiert, wie der frühere US-Präsident George Bush Georgien mit dem Versprechen, das Kaukasus-Land zum 51. US-Bundesstaat zu machen, in einen aussichtslosen Krieg gegen Russ… Weiterlesen auf Telepolis.

April

Stefan Niggemeier erzählt auf stefan-niggemeier.de, wie er bei einer prominent besetzten Jurysitzung ein Porträt von Stefan Niggemeier begutachten sollte, sich aber nach längerer Bedenkzeit für befangen erklärte. Der Preis für ethischen Qualitätsjournalismus wird daraufhin – ohne Beteiligung Stefan Niggemeiers – von der Jury an Stefan Niggemeier verliehen.

Udo Vetter (lawblog) kündigt an, Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann kostenlos gegen den Springer-Konzern verteidigen zu wollen. Zuvor hatte BILD-Chef Kai Diekmann Pöbel-Torwart Jens Lehmann wegen schwerer Uhrheberrechtsverletzungen abgemahnt. Lehmann soll mit dem rechten Fuß absichtlich nach der Rolex des Bayern-Stürmers Robben getreten haben.

Mai

Albrecht Müller (Nachdenkseiten) belegt anhand seiner früheren Aussagen exklusiv, dass die Reichen die Armen schröpfen, eine machtwahnsinnige Regierung die Bürger belügt und die etablierten Meinungsmacher dazu wieder mal schweigen.

Michael Naumann (Cicero) deckt auf, dass sich die nordrhein-westfälische Ministerpräsidenten-Kandidatin Hannelore Kraft für 150.000 Euro auf Parteikosten eine neue Garderobe zugelegt hat. Doch der Cicero-Scoop erweist sich als Online-Ente. Es war nicht Hannelore Kraft, die sich neu einkleidete, sondern Sarah Palin. Der Vorfall passierte bereits 2008, und nicht erst 2010. Es ging nicht um Euro, sondern um Dollar. Und aufgedeckt hat den Skandal auch nicht Cicero, sondern Politico. Ansonsten stimmt aber alles.

Juni

Julia Seeliger (Zeitrafferin) enttarnt die rechtsradikale Vergangenheit des Schrift“führers“(!) der Piratenpartei Pasewalk-Ost und fragt, ob diese Partei für Grüne überhaupt noch wählbar sei.

Juli

Michael Spreng (Sprengsatz) enthüllt die geheime Foto-Produktion, die Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit Annie Leibovitz realisierte, damit diese einen Teil ihrer Millionen-Schulden abzahlen kann. Die Star-Fotografin hatte den Minister bei der Essensausgabe im Bundeswehrlager Kundus abgelichtet. Da zu Guttenberg auf den Fotos aber zu fröhlich wirke und im Fred Astaire-Look vor einer Gulaschkanone posierte, habe das Ministerium die Fotos unter Verschluss halten wollen.

Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache) zerpflückt die absurde Paid-Content-Strategie des WAZ-Konzerns auf dem Balkan. Nach Knüwers Recherchen sei auf dem ganzen Amselfeld niemand bereit, neun Euro für die Essener Lokalausgabe der WAZ zu bezahlen. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach bezeichnet Knüwer daraufhin als Hohepriester der Nebelkerzen.

August

Sascha Lobo löst mit seinem iPhone-Manifest („Wie Telefonieren heute funktioniert“) und dem gleichzeitigen Wechsel zur Telekom einen Twitterhurrikan aus. Im Mittelpunkt der Kritik: der magentafarbene Irokesenschnitt, der zusammen mit Lobos Schnauzbart – von oben betrachtet – ein T ergibt.

Felix von Leitner (fefe) erklärt, dass er mit Albrecht Müller, dem Macher der Nachdenkseiten, weder verwandt noch verschwägert sei. Zwar arbeite sein Blog mit ähnlichen ästhetischen Mitteln, aber er schreibe seine Kommentare zur „Verräterpartei“ SPD nicht kursiv. Bwahahahaha.

September

Markus Beckedahl enthüllt auf netzpolitik.org, dass Wirtschaftsminister Rainer Brüderle Google Deutschland wegen seiner marktbeherrschenden Stellung zerschlagen und in eine Weinhandlung umwandeln wolle. Wie Beckedahl weiter berichtet, seien ihm aus Mainz 100 Kartons mit Flaschen-Etiketten zugespielt worden, die nach netzpolitik-Recherchen aus dem Tübinger Weingut Gugel stammen.

Marcel Weiß (netzwertig) entlarvt schonungslos, warum Deutschland zu einem Entwicklungsland degeneriert. Keiner der Eingeborenen in dieser primitiven Gegend interessiere sich für die größte und wichtigste Erfindung seit der Industrialisierung: das Internet. Die Technophobie der Deutschen führt sogar dazu, dass Weiß den dritten und letzten Teil seiner gnadenlosen Abrechnung nur in der Deutsch-Schweiz veröffentlichen kann.

Oktober

turi2 twittert in Echtzeit, Gruner & Jahr-Vorstand Bernd Buchholz beabsichtige, die Redaktionen von Brigitte, Stern und Geo zu einer Zentralredaktion zusammen zu legen, um den Qualitätsjournalismus des Hauses endgültig zu sichern. Ein Protestschreiben der Redaktionsbeiräte kontert Geo-Chef Peter-Matthias Gaede im meedia-Interview mit einem Stauffenbergzitat: „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird.“

Frank Schirrmacher (faznet) gründet als letzter der deutschen Großjournalisten ein Videoblog und wird von Matthias Matusseks „Anonymen Bloggern“ zum Ehren-Mitglied ernannt. In seiner Dankesrede erklärt Schirrmacher, sein Kopf komme mit dem Internet nicht mehr mit. Im Informationszeitalter sei er jedoch gezwungen, Dinge zu tun, die er gar nicht tun wolle.

November

BILDblog entlarvt, dass bild.de in einer Meldung über den Goldabbau in Burkina Faso den Namen der Hauptstadt Ouagadougou zunächst ohne das dritte „u“ veröffentlichte. Nach der Enthüllung des Fehlers durch die BILDblog-Redaktion (siehe screenshot) habe bild.de den Text unauffällig und nachträglich durch einen zweiten ausgetauscht, der das dritte „u“ plötzlich enthielt. Da sich bild.de-Chefredakteur Hart für die peinliche Veröffentlichungs-Klitterung nicht bei den Ouagadougourianern entschuldigt, wird der Skandal dem Deutschen Presserat zur Begutachtung vorgelegt.

Thomas Strobl (Weissgarnix) weist nach, dass Niklas Luhmann die Finanzkrise als Paradoxie der Knappheit verstanden hätte, wenn Gunnar Heinsohn nicht auf die verwegene Idee gekommen wäre, die aktuelle Finanzkrise mit Hilfe der Phantomzeit-Theorie ins Jahr 1711 zu verlegen. (Strobl will sein fast fertiges Buch deshalb noch einmal überdenken.)

Dezember

Der Blog Buzzmachine gibt bekannt, dass Jeff Jarvis im nächsten Sommersemester Professor für Link-Ökonomie an der London School of Economics werde. Jarvis’ Vorlesungen sollen als kostenloses Google-App auf dem Google-Handy Nexus One zu lesen sein. Springer-Chef Mathias Döpfner bezeichnet Jarvis deshalb als letzten kommunistischen Sargnagel der deutschen Medienbranche.

In diesem Sinne: Auf ein Neues!