“Payback”: Auf Holzwegen ins Informationszeitalter

Wer einen Waldspaziergang macht, kann sich von den vielen Tannennadeln überfordert fühlen – oder sich erholen. Frank Schirrmachers Buch über die Gefahren des Informationszeitalters aktualisiert eine Klage, die schon die alten Ägypter kannten.

1962 verlor die Nasa ihre erste interplanetarische Raumsonde Mariner 1, da im Programmcode der Raketensteuerung ein Querstrich fehlte. Knapp fünf Minuten nach dem Start wurde die Selbstzerstörung der Trägerrakete ausgelöst. In “Payback”, dem neuen Buch des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher, passiert das im zweiten Satz. “Ich dirigiere meinen Datenverkehr”, heißt es da, “meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds…” Aber was sich nach schottischem Textilgewebe anhört, heißt in Wirklichkeit “Tweets” und bezeichnet das, was dabei rauskommt, wenn man twittert. Der Versuch, sich nach einer Eloge vom “Aufstieg der Nerds”, die im September zu lesen war, dem digitalen Mainstream insgesamt als Auskenner anzuempfehlen, ist damit schon schiefgegangen.

Schirrmacher hat eine Art Skript für ein intellektuelles B-Movie vorgelegt, in dem sich gehirnfressende Maschinensysteme, verbunden über das Internet, über unser Bewusstsein und unsere Aufmerksamkeit hermachen. Da das entsprechende Grusel-Oevre nicht neu ist – in den sechziger Jahren hieß es wahlweise “Reizüberflutung” oder “Managerkrankheit”, später “Information Overload” oder “Trödelfaktor” -, bedient Schirrmacher sich eines rhetorischen Tricks. Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Tannennadeln überfordert sehen und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und einfach erholt wieder nach Haus kommen.

Weshalb er sein Buch nach dem Kundenbindungssystem “Payback” betitelt hat, läßt Schirrmacher offen. “Die Frage ist nur, ob wir selbst überhaupt noch imstande sind, zu unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig?” Kein Lebewesen ist von der Natur dazu besser ausgestattet als wir. “Was not tut”, schrieb Lewis Mumford 1970 in seinem Standardwerk “Mythos der Maschine”, “ist eine Technologie, die so mannigfaltig, so vielseitig, so flexibel ist und auf menschliche Bedürfnisse so schnell reagiert, daß sie jedem legitimen menschlichen Zweck dienen kann. Das wahre Multimedium ist der menschliche Organismus selbst.”

Gebetsmühlenhaft beteuert Schirrmacher, kein Kulturpessimist sein zu wollen, aber auch das ist nur Rhetorik. Bereits fünf Jahre vor dem gescheiterten Start von Mariner I war das Buch “Die geheimen Verführer” erschienen, in dem Vance Packard über Techniken berichtete, mit denen Werber Konsumenten zu manipulieren versuchten. Der Bestseller prägte ein Menschenbild, in dem sich Mediennutzer als Opfer sehen sollen. Mit der Erfindung der Fernbedienung, die dem Zuschauer die Bildregie in die eigenen Hände legte, und der des vernetzten Computers änderte sich das.

Nun möchte Schirrmacher uns neuerlich eingemeinden in das Gefühl, mühsam und informationsbeladen zu sein. Als Beleg angeführt wird beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2003, wonach “auf allen bekannten Datenträgern … 5 Exabyte Informationen gespeichert” wurden. Das jungsmäßige Auftrumpfen mit großen Zahlen liefert aber keinen Erkenntnisgewinn – es geht bloß um Daten und nicht um Wissen.

So ist es mit vielen der fleißig aufgehäufelten Factoids in dem Buch. Manches ist schlicht Quatsch, etwa dass die beiden Google-Gründer “den ersten Server der Welt” gebaut haben. Und manchmal ist es ein Geplapper, das sich so hektisch hingesagt liest, als habe der Autor Angst, verstanden zu werden: “Bilder von Golden Retrievern, die in Zeitlupe durch Springbrunnen laufen, Menschen, die winken und lächeln und überall Spielzeug. So, das sagen übereinstimmend alle, die Google vor dem Börsengang besucht haben, muß es gewesen sein, als im antiken Griechenland das Denken und im zwölften Jahrhundert in Europa die ersten Kathedralen gebaut wurden.”

Geht man zurück bis an den Anfang der Informationsaufzeichnung, findet man bereits im alten Ägypten ein etwas klareres Bild für die Zumutungen der Digitalisierung: Die höchste hieroglyphisch darstellbare Zahl zeigt einen Mann, der zu Boden gesunken ist und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

Dieser Beitrag erscheint als Crossposting von Peter Glasers Blog Glaserei. Ebenfalls zum Thema bei Carta: Matthias Schwenks ‘Payback’-Rezension. Einen Auszug aus ‘Payback’ finden Sie in Frank Schirrmachers Beitrag “Algorithmen im Alltag“.