Auf dem Sprung zur digitalen Selbstbestimmung

Von Informationen überflutet werden wir nur, wenn wir keine Strategien entwickeln, die uns Selbstbestimmung in der digitalen Welt ermöglichen. Essay.

Es ist zu einfach, der digitalen Welt oder gar den digitalen Supermächten die Schuld daran zu geben, dass wir mit Informationen überflutet werden. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn wir sind schließlich keine Subjekte, mit denen etwas “gemacht wird”, wir sind immer noch Menschen, die sich durch alle Zeiten hindurch ständig an neue Herausforderungen anpassen mussten. Ob es die Einführung von Dampfmaschinen, die Erfindung von Automobilen oder “die moderne Datenverarbeitung” der 70er und 80er Jahre war, immer musste der Mensch auch geistig seinem eigenen Fortschritt folgen.

Im 19. Jahrhundert wurde – auch von Ärzten – vermutet, dass kein Mensch Eisenbahnfahrten mit mehr als 30 Stundenkilometern überleben könne, man ging davon aus, dass es wenigstens zu Geistesstörungen kommen würde. Wenige Jahre später überlebten es die Bahnreisenden dennoch, ihre Köpfe bei der doppelten Geschwindigkeit aus den offenen Fenstern der Züge herauszuhalten. Die Lebensumstände des Menschen haben sich immer schon und in unterschiedlich starkem Ausmaß geändert, immer schon war der Mensch darauf angewiesen, sich den geänderten Bedingungen anzupassen. Blicken wir uns um: Bisher hat die Anpassung noch immer funktioniert.

Der Mensch hat sich in seinem Aussehen und seinen existenziellen Bedürfnissen in den letzten tausend Jahren nicht wesentlich verändert, aber die Anforderungen, die die Umwelt stellt, haben sich dramatisch verändert. Früher waren es die Werkzeuge, die er in seinen Händen hielt, heute ist mittels Computerunterstützung so manches “Hand”werk zu einem “Digital”werk geworden. Diese dramatischen Veränderungen gleichen einem neuen Evolutionsschritt, vor dem wir stehen.

Beim einem solchen digitalen Evolutionsschritt geht es natürlich nicht um die Veränderung vererbbarer Merkmale, sondern um Verhaltensänderungen, die durch eine sich rasant entwickelnde – in diesem Falle – digitale Umwelt ausgelöst werden. Sie bestehen zum Beispiel darin, dass man sein Handy oder Smartphone immer bei sich haben “muss”, um sich nicht von der Kommunikation abgeschnitten zu fühlen und keinen Zugriff mehr auf die Informationen im Internet zu haben; besonders dann wenn man diese Informationen beruflich oder privat nutzen muss. Solche neuentwickelten Muster werden nicht in den Genen, sondern im Verhalten der Menschen kodiert. Ich nenne solche Muster Fixierungscode.

Die Leistungsfähigkeit und die kreativen Möglichkeiten des Menschen werden durch die Möglichkeiten der Computer und des Internets enorm erweitert, indem der Zugriff auf Informationen und Wissen in beinahe unbegrenztem Maße verfügbar ist. Aus genau diesem Grund muss der Mensch die Kontrolle über sich und die Technik behalten. Dazu gehört auch, sich nicht bedingungs- und gedankenlos der Technik auszuliefern. Wem heutzutage sein Handy oder der Laptop abhanden kommt, mag geradezu einen virtuellen Amputationsschmerz verspüren. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass man die Auswirkungen eines solchen Verlustes in Zukunft als “psychischen Amputationsschmerz” einstufen wird, denn der Verlust des Gerätes, der darauf befindlichen Daten und der Kommunikationsfähigkeit trifft den digitalen Menschen besonders hart, weil er damit den Zugang zu „seiner Welt“ verliert.

Es mag uns beunruhigen oder nicht, aber wie in allen Zeiten rasanten Fortschritts stehen wir auch in unserer Zeit ganz neuen Anforderungen gegenüber. Die vordigitalen Verhaltensmuster reichen im digitalen Zeitalter nicht mehr aus. Die Informationen, die das Internet bietet, sind ein ungeheurer Wissenszuwachs – doch das unüberschaubare Informationsangebot macht es auch erforderlich, neue (Datenverarbeitungs-)Strukturen und Strategien zu entwickeln. Resignation oder die Angst vor „zu schnellem Eisenbahnfahren“ bringt uns an dieser Stelle nicht weiter.

Der Mensch soll sich nicht in der Maschine auflösen, sondern die Maschinen sinnvoll und verantwortungsbewusst in sein Leben integrieren, um es zu bereichern. Es geht dabei nicht darum, Informationen möglichst schnell zu erlangen. Die Information als solche bietet keinen Vorteil, solange der Mensch, der diese Information für sich erschließt, nicht auch mit der weiteren Informationsverarbeitung umgehen kann.

Es geht auch nicht darum, möglichst viele Informationen aufzunehmen. Es geht darum, Ideen zu entwickeln, die uns in unserer Entwicklung weiterbringen. Wir können schöpferisch tätig werden, wir müssen es aber nicht. Das ist ein wichtiger Bestandteil der digitalen Selbstbestimmung, die schon damit beginnt, ob man überhaupt am digitalen Leben teilhaben will oder nicht. Wenn wir aber unsere Selbstbestimmung auch in der digitalen Welt in Anspruch nehmen wollen, braucht es dafür Strategien.

Der Tisch ist für alle gedeckt, alle möglichen und unmöglichen, wichtigen wie unwichtigen Informationen liegen für uns bereit. Wir haben die freie Wahl, uns das zu nehmen, was uns voranbringt. Es liegt an jedem Einzelnen, wie weit er sich mit welchen Strategien und Zielsetzungen in die digitale Welt hineinwagt. Die digitale Selbstbestimmung wird in naher Zukunft wohl das wichtigste Sicherheitssystem zum Schutz unserer Persönlichkeit sein.

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Von Ibrahim Evsan ist gerade als Buch erschienen: Der Fixierungscode: Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen. (Zabert-Sandmann, 2009)

Ulrike Langer hat vor kurzem ein Interview mit ihm geführt.