Die Zukunft von Paid Content: Hier wäre ein Ansatz.

Die Crowdfunding-Applikation "Kachingle" geht in die Beta-Phase. Carta ist als erste Partner-Site in Deutschland dabei.

Der Paid-Content-Debatte fehlt es derzeit vor allem an einem: Es wird zu wenig gespielt. Es gibt zu wenig und erst recht zu wenig überzeugende Experimente. Es gibt sehr viele Appelle, dass doch endlich für Qualitätsjournalismus gezahlt werden möge. Aber es gibt (abgesehen von Apps) wenig überzeugende Ansätze für digitale Bezahlmodelle.

Stefan Kooths schrieb kürzlich auf Carta: „Im Internet sind bessere Preismodelle für Journalismus möglich als in der Offline-Welt. Man muss nur die richtigen finden!“ Genauso ist es. Das Netz hat die  in Zeitungen einst zusammenfassten Inhalte entbündelt – zum Nutzen der Leser und der Verlinkung. Nun stellt sich die Frage, wie direkte Nutzerbeiträge in solch einer entbündelten Informationswelt eigentlich funktionieren könnten. Einzelzahlungen pro Text? Eher zu teuer. Starre Schranken? Sicher nicht.

Paid Content wird ganz sicher so lange fast undurchsetzbar bleiben, wie es an den richtigen Modellen und Systemen fehlt. Die aber wird man nicht am grünen Tisch und versenkt in Excel-Tabellen finden. So gesehen hat das Hamburger Abendblatt diese Woche einen wirklich dankswerten Beitrag zur Debatte geleistet.

Hier ist Cartas jüngster Beitrag zu der Debatte (neben der Kaffeekasse): Vor einiger Zeit haben wir hier schon kurz über Kachingle diskutiert. Kachingle ist ein „Crowdfunding„-System für journalistische Inhalte (siehe auch den Beitrag hier). Es erlaubt, einen festen monatlichen (Spenden-)Abonnementsbetrag auf eine ausgewählte Anzahl von Publikationen zu verteilen. Kachingle ist eine Art freiwilliges Sammelabo für Publikationen, die man mag und unterstützen möchte. Ökonomisch setzt Kachingle dabei auf „mental transaction costs„: Die Bezahlung erfolgt „reibungslos“ im Hintergrund. Zugleich liegt es in der Handes Nutzers, wieviel Vergütung an wen fließt.

Seit heute ist Carta die erste Kachingle-Site in Deutschland. Man kann bei Kachingle Mitglied werden, dort monatlich beispielsweise ein 5-Dollar-Abo einrichten – und dieses Geld dann auf seine Lieblingsblogs und -publikationen verteilen (die natürlich auch erstmal Kachingle-Sites werden müssten). Kachingle nimmt für die Verteilung der Gelder einen Kostenbeitrag von 20 Prozent. Insgesamt ist das System stark um Transparenz bemüht. Auf der Carta-Homepage und auf den Artikelseiten befinden sich jetzt kleine Kachingle-Banner. Dort kann man sehen, wie viele Kachingle-Unterstützter Carta schon hat.

Kaschingle: Das Abo als Crowdfunding-Applikation

Kachingle: Das Abo als Crowdfunding-Applikation

Zugegeben: Kachingle ist stark gewöhnungsbedürftig. Die Mitglieder heißen „Kachingler“. Man „kachingled“ eine Site. Das gesamte System hat eine erhebliche öffentliche Komponente (es ist beidseitig sichtbar, wer wen unterstützt). Layout ist nicht die Stärke des Angebots. Die deutschsprachigen FAQ sind noch stark überarbeitungsbedürftig.

Hinter Kachingle steht kein Konzern, sondern die Beraterin und Unternehmerin Cynthia Typaldos, die auch schon einmal ein Webmanifest geschrieben und ein Webangebot erfolgreich geründet hat. Ich kenne Cynthias Typaldos nicht. Aber da Steve Outing sie empfiehlt, habe ich einigen Grund, ihr Projekt ebenfalls zu unterstützen.

Kachingle kommt aus dem Silicon Valley und hat ein Büro in Paris. In Europa, so glaubt Gründerin Typaldos, wird die Bereitschaft, mit neuen Modellen Journalismus zu unterstützen mindestens so groß sein wie in den USA. Daher zielt Kachingle insbesondere auch auf  die großen europäischen Märkte Frankreich und Deutschland.

Eine erhebliche Stärke von Kachingle könnte sich auch zu einem Problem entwickeln: Der Spendencharakter. Ich vermute, die Nutzer schätzen auch klare Ansagen, Beträge und Verbindlichkeit. Zudem sollte einfacher zu erkennen sein, wie man Sites auch anonym unterstützt. Aber das alles sind Feinheiten, Beta-Phänomene.

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"Chief Kachinglerin" und Beraterin Cynthia Typaldos: Bezahlmodelle für das alte Europa

Letztlich scheint Kachingle ein prüfenswerter Ansatz. Deshalb ist Carta bei diesem Experiment dabei. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn sich auch andere Publikationen und Leser bei Kachingle anmelden würden – und das System gemeinsam ausprobieren.

Viel ist dabei nicht zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Ich glaube, der Kachingle-Deal ist fair und einer der bisher interessantesten Beiträge zur Paid Content-Debatte überhaupt. Ich freue mich auf die Diskussion zu dem System. Ich glaube, es ist wohl noch nicht die letztendliche Lösung, aber es geht in die richtige Richtung.

Zu Kachingle gibt es auch eine kürzlich gehaltende Slideshow:

Disclosure: Nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Carta erhält keine Provisionen von Kachingle oder ähnliches.