Abendblatt.de: Die Paid-Content-Schranke hat eine Google-Hintertür

Die Bezahlschranke von Abendblatt.de ist nicht nur strategisch unausgereift und schlecht begründet - sie hat auch eine ziemlich große, heimliche "Hintertür".

„Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt“, schreibt der stellvertretende Abendblatt-Chefredakteur Matthias Iken über die neue Paid-Content-Schranke seines Angebots (siehe auch Nieggemeier hier).

Vielleicht funktioniert die Schranke aber auch anders als Iken in seinem Text erläutert. Den Kommentaren zu seinem Text ist zu entnehmen, dass die neue Bezahlschranke eine große Google-Hintertür hat:

Schlagzeile + Abendblatt googeln und man hat den Text.

Funktioniert tatsächlich.

Auf der Storman-Übersichtsseite soll beispielsweise für den Text „Bargteheide will Gewerbesteuer anheben“ bezahlt werden:

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Googelt man „Bargteheide will Gewerbesteuer anheben Abendblatt„, landet man – zack – mit dem ersten Treffer auf diesem Text:

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Wahrscheinlich ist diese „Hintertür“ kein Zufall: Die Hintertür ist, wie der Verlag bestätigt, ein Feature: Die Leser, die „vorne“ bei abendblatt.de reinkommen, sollen ein Abo lösen. Zugleich soll der Traffic über Google nicht abgeschnitten werden. Es handele sich um den bewußten Einsatz eines „Der erste Klick ist entgeltfrei“-Modells (vgl. hier [via]).

Doch: Im Ergebnis hat man damit weder eine effektive Schranke noch einen fairen Umgang mit dem regelmäßigen Leser (solange man „vorne“ die Hintertür verheimlicht). Preismodelle sollten im Netz wohl besser nicht auf Verheimlichung basieren.

Nachtrag (siehe Kommentar 5 von Hans): Bei der offenen Google-Hintertür handelt es sich offenbar um ein ganz bewußt eingebautes Feature der Bezahlschranke. Der Fehler des Verlags war es zu glauben, dass dies nicht auffällt und dies ein akzeptabler Preisdifferenzierungsmechanismus sei.

Nachtrag 2: DWDL hat beim Verlag nachgefragt: „Wie ein Springer-Sprecher gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de bestätigte, ist der Zugriff auf einzelne Artikel der Angebote über Suchmaschinen wie zum Beispiel Google ohne jede Barriere möglich. Erst sobald sich der Nutzer innerhalb des Angebots bewegt oder wenn er es direkt ansteuert, greift die Schranke. Ensprechend lassen sich alle Artikel kostenfrei lesen, wenn man die Überschrift in das Suchfeld der Suchmaschine eingibt. So bekommt das Portal eine Hintertür und der Status als zahlender Leser bringt keinen inhaltlichen Mehrwert, sondern macht die Lektüre lediglich komfortabler.“