Frank Schirrmachers „Payback“: Der erschöpfte Algorithmenstürmer

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sieht die bildungsbürgerlichen Ideale des 20. Jahrhunderts in schwerer Bedrängnis durch die Informationsströme des Internets, Algorithmen und - natürlich - Google. Hätte er in seinem neuen Buch "Payback" mit der gleichen Energie und intellektuellen Brillianz auch nach den positiven Seiten des Netzes gesucht - sein Buch hätte ein echter Debattenmeilenstein werden können.

Leiden Sie unter chronischen Konzentrationsstörungen? Haben Sie Probleme mit Ihrer Mensch-Computer-Schittstelle? Sind Sie Abends regelmäßig so müde und ausgelaugt, dass Sie nur noch Trash-Sendungen im Fernsehen verkraften können? Dann sind Sie bei Frank Schirrmacher und seinem neuen Buch genau richtig.

Es beginnt mit einem Bekenntnis. Schirrmacher sieht sich durch die Informationsfülle des Internets „aufgefressen“. Er bekennt sich zu Vergesslichkeit, Unkonzentriertheit und dem Gefühl, ständig eine Information zu versäumen. Aber er fühlt sich damit nicht allein. Den Philosophen Daniel Dennett zitierend, sieht er sich als Teil der „leidenden Mehrheit“, die unter der Informationsexplosion in der digitalen Gesellschaft Gefahr läuft, von Computern unterworfen und beherrscht zu werden.

Ansatz und Kern des Buches sind damit gut gewählt. Denn ohne Zweifel gibt es ihn, den Information Overload. Ebenso lohnt sich eine Debatte zum Verhältnis von Mensch zur Informationstechnologie, weil diese unser Leben immer umfassender bestimmt und dabei stets unter dem Deckmantel der Nützlichkeit und des Spielerischen in Erscheinung tritt. Sie kann aber auch Gefahren in sich bergen und zu Fehlentwicklungen führen.

Schirrmacher breitet genau diese Gefahren auf weit über 100 Seiten seines Buches sehr ausführlich aus. Die Lektüre ermüdet aber, weil sie erkennbar einseitig ausgerichtet ist. Wohlweislich fehlt etwa der Hinweis auf Clay Shirky, der in einem berühmt gewordenen Vortrag die These vertreten hat, dass es keine Informationsüberlastung gebe, sondern nur ein Versagen auf der Ebene der Filter („The problem is filter failure, not information overload“). Im Übrigen widerspricht Shirky auch vehement der im Buch angeführten These, dass sich seit dem Aufkommen des Internets unsere Aufmerksamkeitsspanne stetig reduziere.

So betrachtet erinnern Schirrmachers Ausführungen zum Internet recht stark an die Auseinandersetzungen mit dem Maschinenzeitalter im frühen 20. Jahrhundert, als nicht wenige Denker glaubten, der Mensch würde zum Rädchen im Getriebe degradiert und sei so nicht mehr Herr seiner Schöpfung. Hundert Jahre später sind es die Informationsströme des Internets, Algorithmen und natürlich immer wieder Google.

In dieser einseitigen Sicht unterlaufen Schirrmacher auch Fehler, etwa wenn er die Finanz- und Bankenkrise des Jahres 2008 in den Dienst seiner Argumentation stellt. Denn seiner Auffassung nach muss diese Krise im Licht einer Technik- und Algorithmen-Gläubigkeit gesehen werden, einem Zuviel an Vertrauen in Computerprogramme. Das ist blanker Unsinn. Denn weder der von der US-Notenbank in Kauf genommene Zusammenbruch von Lehman Brothers, noch die vorangegangene Blase an den Kredit- und Immobilienmärkten haben ihre Ursachen in Software-Programmen oder dem Internet. Es war menschliche Gier und damit die Ebene der Gefühle, die uns in diese Krise geführt haben, nicht die kühl berechnende Logik von Softwareprogrammen.

Doch Schirrmacher kann nicht anders. Er hat ein festes Bild im Kopf und sieht die bildungsbürgerlichen Ideale des 20. Jahrhunderts in schwerer Bedrängnis. Kein Wunder, dass den Menschen die Köpfe rauchen, wenn im Internet alles gratis zu haben ist: „Die scheinbare Kostenlosigkeit der Informationen im Netz beeinflusst auch die Ökonomie unseres Denkens. Wir springen darauf schnell, als könne es uns jemand wegnehmen oder zuvorkommen“ (Zitat S. 168). Hier begegnet uns zwischen den Zeilen der sichtlich empörte Zeitungsmacher, dessen traditionelles Geschäftsmodell Risse bekommen hat und der deshalb im Internet weniger die Chancen, als mehr die Risiken sieht, weil sie sein Geschäft bedrohen.

Das ist bedauerlich. Denn hätte Schirrmacher mit gleicher Energie und intellektueller Brillianz auch die positiven Seiten im Netz gesucht, sein Buch hätte ein Meilenstein und Debattenwegweiser werden können. Warum geht er nicht auf die Wikipedia ein? Denn sie ist, ihren aktuellen Schwächen zum Trotz, ein leuchtendes Beispiel für menschliches Engagement und das emanzipatorische Potenzial des Internets. Statt dessen immer wieder Google. Google etwa als „Machtmaschine“, wo der Pagerank über die „Existenz von Menschen, Dingen und Gedanken“ entscheidet.

Schirrmachers Empfehlungen am Ende des Buches können da nicht mehr überraschen: Mehr Selbstkontrolle, mehr Achtsamkeit, Entschleunigung und natürlich der Kampf gegen eine Algorithmisierung unseres Lebens. Stellenweise muss man ihm hier Recht geben, denn Social Networks wie Twitter und Facebook können ohne Zweifel süchtig machen. Ihre Statusmeldungen und der unaufhörliche Strom an Updates geben tatsächlich vor, hier passiere das „wahre“ Leben und nur hier sei man am Puls der Zeit. Das gilt es zu relativieren, ohne deswegen aber gleich das Kind mit dem Bad auszuschütten, denn die alten, analogen Zeiten kommen nicht mehr zurück.

Bei aller auch berechtigten Kritik hätte Schirrmacher vielleicht besser auf das Größere, Ganze schauen sollen. Denn das 21. Jahrhundert wird eine Zeit der Überversorgung nicht nur mit digitalen Informationen. Der Mensch schafft sich immer mehr Handlungsoptionen, seine Lebenserwartung nimmt immer noch weiter zu, parallel dazu steigt in vielen Teilen der Welt der Lebensstandard auf kaum je für möglich gehaltene Werte.

Freilich belasten uns in diesem Kontext der Klimawandel und das Ende der fossilen Brennstoffe (Peak Oil). Doch dafür werden sich Lösungen finden und wir nähern uns damit einer Überflussgesellschaft in globalem Maßstab. Vielfach wird das noch nicht gesehen, denn die meisten Menschen betrachten die Welt noch durch die Brille des Industriezeitalters und seiner Knappheiten.

Eine Ironie ist, dass genau hierfür Schirrmachers Buch eine Lösung anbietet: „Wir sind blind für das, was wir nicht erwarten„, schreibt er und belegt es mit einem Experiment aus der Augenkunde.  Schade nur, dass er diese Empfehlung selbst so wenig anwendet und das Informationszeitalter nur konservativ, kritisch sehen kann. Eine große Debatte dürfte das Buch deshalb nicht auslösen. Denn die Skeptiker erfahren darin nur, was sie schon immer ahnten, während der digitalen Elite der Text nicht weit genug gehen wird. In den USA wird die Skepsis Schirrmachers wohl nur als Beleg dafür gesehen werden, dass Deutschland den Anschluss an das Internetzeitalter verloren hat.

paybackFrank Schirrmacher: Payback – Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, Karl Blessing, 240 Seiten, Euro 17,95. Hier bei Amazon zu bestellen.