Bildungsstreik analog statt digital: Studenten sind nicht über das Web zu mobilisieren

Der Bildungsstreik an deutschen Universitäten greift weiter um sich, in immer mehr Städten werden Hörsäle besetzt. Nur im Internet tut sich überraschend wenig. Verstehen die "Digital Natives" das Social Web nicht?

Twitternde Politiker haben es gut: Die Medien nehmen sich ihrer an und es fehlt nicht an wohlfeilen Ratschlägen für den (politisch) korrekten Dialog im Web. Was aber ist mit den Studenten? Zumal wenn diese gerade einen Bildungsstreik auf die Beine stellen wollen: Wo sind da die nützlichen Handreichungen?

Nötig wären sie, die Handreichungen zum Twittern bzw. für den Einsatz des Social Web generell, und das gleich aus zwei Gründen: Zum Einen weil die Protestaktionen an deutschen Unis diese Woche deutlich zunehmen, zum Anderen weil die Studenten ganz offensichtlich das Social Web noch nicht richtig für ihre Zwecke einzusetzen verstehen.

„Aktuelle Meldung: in 34 europäischen Städten sind Unis besetzt! #unsereuni #unibrennt #lmubrennt #fb“

Waren Anfang dieser Woche nur an 10 deutschen Universitäten Hörsäle besetzt, sprang seither der Funke in kurzer Zeit auf etliche weitere Standorte über. Parallel dazu nahm aber auch der Druck der Gegenseite zu. In Tübingen wurde die Räumung vollzogen, in Berlin sollte die Polizei die Besetzung der Humboldt Universität verhindern (was aber nicht gelang). Schon letzte Woche wurden die Besetzungen in Marburg und Münster von der Polizei beendet.

Dabei hätten sich die Studenten mancherorts durchaus behaupten können, wären sie nur zahlreicher gewesen. Ein paar Dutzend Besetzer nur sind für die Polizei natürlich kein Problem. Das wissen auch die Studenten:

„Insgesamt müssen wir einfach mehr werden, wenn der Druck so groß bleiben soll!! #unibrennt #unsereuni“

Wirft man einen Blick auf die diversen Twitter-Accounts der Protestbewegung, kann der mangelnde Mobilisierungsgrad nicht verwundern: Twitter wird kaum genutzt. Durch die Bank haben diese Accounts frappierend wenig Follower, gemessen an der Zahl der immatrikulierten Studenten. Ein Beispiel: In Marburg studieren rund 21.000 Studenten, aber nur knapp über 200 folgen dem Account „marburgstreikt„.

Obwohl die Studenten von heute oft als „Digital Natives“ gesehen und ihnen daher eine hohe Medienkompetenz im Umgang mit dem Internet zugeschrieben wird, zeigen die aktuellen Vorgänge rund um den Bildungsstreik im Grunde fast das Gegenteil. Die Studenten koordinieren sich ganz überwiegend offline und führen Blogs, Twitter und Fanseiten auf StudiVZ bzw. Facebook nur nebenher.

In Heidelberg, wo die deutschen Uni-Besetzungen ihren Anfang nahmen, feilten die Studenten fast die ganze erste Nacht an einem Pressetext für die lokale Zeitung. Auf die Idee, dass man möglichst rasch ein digitales Netzwerk mit so vielen Studenten der Uni wie möglich aufbauen könnte, kam offenbar niemand.

Selbst die nach dem Vorbild der Wiener Uni-Besetzer vielfach übernommenen Livestreams aus den besetzten Hörsälen haben meist nur wenig Zuschauer: Werte zwischen 50 und 100 sind üblich, während den Vorgängen im Wiener Audimax nicht selten zehnmal mehr Interessierte über das Internet folgen.

„Die Rheinpfalz (Pfälzer Tageblatt) heute: 200 Studenten besetzen Uni-Hörsaal“

Das Schielen auf die Presse zeigt, dass die Studenten sich noch nicht in der Lage sehen, die Öffentlichkeit über das Internet direkt anzusprechen und sich dazu die erforderliche Reichweite selbst aufzubauen.

Gelegenheit dazu hätte man seit den Bildungsstreiks im Sommer genug gehabt. Etwa in dem man die teilweise wirklich desaströsen Zustände an den Universitäten dokumentiert. Überfüllte Hörsäle oder marode Bausubstanz lassen sich fotografieren (oder filmen) und im Internet veröffentlichen. Wer wollte die Studenten daran hindern? Damit hätte man auch versuchen können, die öffentliche Meinung in das eigene Lager zu ziehen.

Es ist schon kurios zu sehen, dass das „Mitmach-Web“ der letzten Jahre eine Fülle sehr guter und kostenloser Dienste hervorgebracht hat, die heute von den Studenten so gut wie nicht genutzt werden. Egal ob es um die Proteste selbst oder ihre Ursachen geht, man findet dazu kaum Fotos auf Flickr und noch weniger Videos auf YouTube.

Dass Twitter so wenig genutzt wird, erstaunt auch deshalb, weil dieses Medium seit den Demonstrationen im Iran eigentlich einer sehr breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Es gibt heute kein besseres Tool im Internet für die rasche Verbreitung von Nachrichten, den Aufbau von Netzwerken und das Zielen auf Solidaritätseffekte innerhalb einer größeren Öffentlichkeit, als (das kostenlose!) Twitter. Die deutschen Studenten aber lassen es ganz überwiegend links liegen. Dazu passt die vor ein paar Tagen in die Weiten des Internets hinein getwitterte Frage:

„Weiß jemand was von Paderborn?“

Wenig wahrscheinlich ist, dass der Fragende eine befriedigende Antwort bekommen hat, denn der Tübinger Account hat bis heute keine 200 Follower (die Tübinger Universität aber 23.000 Studenten). So gesehen darf man gespannt sein, ob Deutschland wirklich noch einen „heißen Herbst“ erleben wird.

Schließt man vom geringen digitalen Aktivierungsgrad der deutschen Studenten auf ihre Haltung zu den Erfolgschancen der Proteste, sieht es nicht gut aus. Aber vielleicht wendet sich das Blatt ja noch. Immerhin verbreitet sich die Protestwelle inzwischen in immer mehr Ländern. Da werden doch die Deutschen nicht klein beigeben?