Trainer Baade: „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, ob ich der Punk bin“

Die Einschüchterungsmaßnahmen gegen Sportblogger sollen den Status Quo einer Medienlandschaft erhalten, in der das Machtkartell von Verbänden, Clubs und Medien entscheidet, was dem Publikum serviert wird. Aus Angst vor Anwaltspost sind deutsche Sportblogger ziemlich zahm.

Vor einem Jahr formulierte der Spiegel in einem langen Artikel folgende Einschätzung: „Blogs bleiben ein Nischenprodukt. Mal lustig, mal interessant. Sehr oft mit nichts als sich selbst beschäftigt. Aber insgesamt ohne große Bedeutung. Man spricht nicht darüber.“ Das Urteil war voreilig. Denn wenig später bot ein gewisser Theo Zwanziger seinen Stuhl als DFB-Präsident an, falls er in einem Rechtsstreit um einen Blogkommentar unterliegen würde. Der Kommentator Jens Weinreich hatte ihm vorgeworfen, er sei ein „unglaublicher Demagoge“.

Die Auseinandersetzung Zwanziger vs. Weinreich erzeugte querbeet eine Menge Beachtung. Weshalb sich im September auch kaum noch jemand wunderte, wie groß das Reservoir an Relevanz inzwischen ist. Da berichtete Kai Pahl alias dogfood von allesaussersport unter der Überschrift „Wie Jako anderen Leuten das letzte Hemd auszieht“ in einem ausführlichen Beitrag über den skandalösen Fall einer Sportbekleidungsfirma und ihrer Rechtsanwaltskanzlei, die einen Sportblogger mit exorbitanten Forderungen in die Knie zwingen wollte.

Innerhalb weniger Stunden begann ein Sturm der Entrüstung, der insgesamt mehr als 800 Kommentatoren auf die Palme brachte. Bei Twitter schaffte es das Stichwort #jako bis in die obersten Ränge. Über hundert Blogs schrieben über die Angelegenheit. Und so zogen sie nach: das Handelsblatt, die Süddeutsche Zeitung, die taz und, ja, auch Spiegel Online. Selbst der Bayerische Rundfunk ging in einem umfangreichen Bericht über den Stellenwert der Blogosphäre in der Sendung „Zündfunk“ auf den Vorgang ein.

Die Sache hätte vermutlich noch mehr Wirkung erzielt, wenn der betroffene Blogger Frank Baade, der die Kunstfigur „Trainer Baade“ geschaffen hat und unter diesem Namen die besten Sportglossen in ganz Deutschland schreibt, sich nicht aus der Auseinandersetzung herausgehalten hätte. Der kreative Kopf, der Wortschöpfungen wie „Schlurchmarke“ oder „Popelsblogger“ erfunden hat, schwieg jedoch lieber. „Ich bin wie wahrscheinlich 98 Prozent der Bevölkerung juristischer Laie. Und ich hatte kein Interesse daran, Schritte zu begehen, die ich nachher bereuen würde. Meine Trainer Baade-Seite ist keine Plattform für eine juristische Auseinandersetzung“, sagte er jetzt in seinem ersten ausführlichen Interview – ein Gespräch, das er und ich für den zweiwöchentlich erscheinenden Podcast der deutschen Fußballblogger geführt haben. Bei American Arena gibt es eine kurze Einstimmung, bei probek.net die Komplett-Fassung.

JAKO hat inzwischen eingelenkt und alle angeleierten rechtlichen Schritte gegen Trainer Baade zurückgezogen, wenn auch die Firma offensichtlich noch nicht alle versprochenen Zusagen eingehalten hat. Der Streisand-Effekt und der „PR-GAU“ (Zündfunk) hatten Wirkung gezeigt.

Anders als die Sache Weinreich contra Zwanziger, die eine bemerkenswerte Spendenaktion produzierte, oder die Abmahnung der Journalistin Eva C. Schweitzer gegen einen Blogger, der ihren Artikel auf Zeitonline empfohlen und verlinkt hatte, hält der Fall JAKO contra Trainer Baade ein paar Erkenntnisse bereit, die über die Rückschlagwirkung einer Bazooka-Taktik hinausgeht, mit sich der Leute ein paar Spatzen zum Frühstück schießen wollen.

Denn der Fall macht auch auf die Defizite des etablierten Sportjournalismus aufmerksam. Weil es dort fast überall an einer konsequent kritischen und skeptischen Haltung gegenüber Sponsoren, Investoren und angeblichen Experten wie Franz Beckenbauer mangelt (Trainer Baade hat ihm eine ganze Rubrik namens „Der Dummschwätzer“ gewidmet), reagieren solche Herrschaften schnell überempfindlich, wenn ihnen jemand seine Meinung sagt. Dann schicken sie rasch ihren Anwälte los. Jede Einschüchterungsmaßnahme hat vor allem ein Ziel, eine Statuslandschaft zu erhalten, in der ein über die letzten Jahrzehnte gewachsenes Milliarden-Machtkartell aus Verbänden, Clubs und Medien darüber entscheidet, was dem gemeinen Publikum auf welche Weise serviert wird und wieviel es dafür bezahlen muss.

Dass aber ausgerechnet er mit seinem Geigerzähler für Bullshit aller Art von einer Außenstelle des Kartells in die Mangel genommen wurde, hatte Trainer Baade trotzdem nicht erwartet. „Ich habe wenig darüber nachgedacht, ob ich etwas neu erfinden will oder etwas aufbrechen will oder ob ich der Punk bin“, sagt Frank Baade, der es sprachpenibler Mensch ganz und gar nicht schätzt, wie seine Lieblingssportart „zur Samstagabendunterhaltung degradiert und mit Dingen aus dem Showbereich vermengt“ worden ist. Und der sich im Interview darüber beklagt, dass das Fernsehen den Stoff „fast schon klamaukartig“ präsentiert und in einer „ehrerbietigen Rolle den vermeintlichen Größen des Fußballs gegenüber, die uns aber auch keine neuen Erkenntnisse bringen“.

Um das Kontrastprogramm zu beschreiben, das er und viele andere mit ihren Sport-Blogs bieten, verwendet Frank Baade gerne die Metapher des in England lebenden deutschen Fußball-Journalisten Raphael Honigstein, der die Sportblogger mit Indiemusikern verglichen hat. Baade: „Die etablierten Medien sind der Mainstream.“

In ihrer Indie-Rolle sind die deutschen Sportblogger im Vergleich zu den Amerikanern, die sich inzwischen öffentlich auf dem Niveau der Boulevardmedien sogar mit dem Medienriesen ESPN anlegen, übrigens ziemlich zahm. Auch weil die Sorge vor der Post vorm Anwalt virulent ist. So provoziert kaum ein Thema in dem vor einem halben Jahr gegründeten informellen Sportbloggernetzwerk, einem nicht-öffentlichen Internetforum mit knapp fünfzig Mitgliedern, so viele Äußerungen wie die Sorge vor unabsichtlichen Verstößen gegen das Urheberrecht.

Dass so viele Blogger im Sportbereich abseits irgendwelcher Fanloyalität ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben, schafft allerdings noch lange kein Gegengewicht gegen das Geld und die Übermacht der Firmen und Verbände. Auch wenn der Zuspruch wächst. „Der Aufschrei im Netz konnte nur deshalb passieren und so groß werden, weil die Zahl der Teilnehmer wächst“, sagt Baade, der die Bedeutung seines Falls herunterspielt. „Es ist überhaupt keine Kampagne passiert. Natürlich kann es den Charakter eines Mobs gewinnnen, an den sich auch viele dranhängen, von denen man sich nicht sicher sein kann, dass sie die Sache wirklich verstanden haben.“ Immerhin haben wohl die meisten verstanden, um was es ihm geht: „Da ist jemand der authentisch schreibt und der vielleicht auch etwas übers Ziel hinausschießt und dennoch versucht, dabei authentisch zu bleiben.“

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Video: Fragen an das Universum Folge 3 – Was trägt die Mannschaft von Trainer Baade?

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