Der Selbstbetrug des Online-Nachrichtenlesens

| 20.11.2008 | 2 Kommentare

Im Netz erfolgt die Nachrichtennutzung mit Tunnelblick – man informiert sich entlang der eigenen Vorlieben und verliert den Blick fürs Ganze.

Mit dem Netz kommt eines zum anderen: Die Arbeitsorganisation verändert sich – und damit auch der Nachrichtenkonsum. Man arbeitet nicht mehr linear entlang einer achtstündigen Zeitachse, sondern immer dann wenn es die eigene Konzentration gerade zulässt.

Die Überbrückung zwischen zwei Arbeitsstrecken fülle ich gerne mit allgemeiner Informationsaufnahme, also dem Absurfen der gängigen Nachrichtensites.

Dafür muss ich mich keinen Zentimeter mehr von der eigenen Computer-Arbeitsstelle wegbewegen. Dank fortschreitender Vernetzung kann ich mühelos von der Arbeits- in die Unterhaltungssphäre und zurück wechseln. Im Zuge der allgemein gültigen Design- und Usability-Paradigmen schauen alle Nachrichtensites ohnehin dankbar ähnlich aus. Ich finde mich sofort & überall zurecht. Der Informations-, respektive Unterhaltungsaufnahme täglichen Geschehens steht nichts mehr im Wege. Ich habe die Effektivität meines eigenen Zeitmanagements erhöht und genieße es, alle Wünsche an einem Ort mit demselben Gerät erledigen zu können.

So erschien es mir zumindest.

In den letzten Wochen erhöhten sich zu meiner eigenen Beunruhigung jedoch die Stapel ungelesener Tageszeitungen. Sie taten dies nicht an meinem Arbeitsplatz,  sondern in den dafür festgelegten, unverhandelbaren privaten Ecken in meiner Wohnung.

Wäre da nicht die mahnende Säule informationsstrotzenden Papiers und die früh erlernte Gewohnheit, pro Exemplar mittlerweile auch mehr als „den Preis eines Espresso“ (Warum ist der eigentlich so teuer!?) aufzuwenden. Um nicht in die fatale Situation zu geraten, ungelesene Zeitungen wegwerfen zu müssen, wurden neue Mediennutzungsfenster eingerichtet, die sich der Aufarbeitung des Vergangenen widmen.

Was dann passierte, könnte mit dem Phänomen einer Selbstüberlistung des eigenen Bewusstseins, einer optischen Täuschung gleichkommend, erklärt werden. Obwohl über vergleichbare Medienmarken (und alle, die sich dafür halten) im Netz bedient, taten sich schmerzhaft verpasste Informationsklüfte auf, die durch den reinen Onlinekonsum nicht einmal erahnt wurden. Wie konnte mir das passieren?

Es sind die Nebenwirkungen der quasi-personalisierten Nachrichtenmedien, die dem individuellen Nutzer einen unbemerkten, aber nachhaltigen Streich spielen. Der Natur des Menschen – verkürzt – entspricht es, sich überwiegend nach dem zu orientieren was bekannt, just interessant, respektive vertraut ist. Online bedeutet es für die Informationsaufnahme, sich a) an den auf Übersichtlichkeit ausgerichteten Menüs und b) an den eigenen Interessen/dem Bekannten auf einem Bildschirm, einer elektronisch illuminierten Oberfläche zu orientieren. Anders die Informationspräsentation einer papiernen Tageszeitung: Auf vielen Seiten in unterschiedlichen Büchern werden Artikel im Satzspiegel mit Anzeigen so aufbereitet, dass eine optimale Raumausnutzung erzielt wird. Des Lesers Auge wandert über die Seiten der präferierten Bücher oder schlicht über alle und entscheidet, basierend auf der redaktionellen Auswahl an Informationen, welchen Teilen sich konzentriert gewidmet werden soll. Hier liegt der Selbstbetrug bei der Online-Information.

Ich hatte über Wochen nur die Artikel rezipiert, die mir entweder in drei, vier Schlagzeilenmeldungen angeboten wurden oder die mit Kurzüberschriften einzelner Rubriken. Da es im Netz gilt, so wenig wie möglich zu scrollen, weiter auf Subübersichten zu klicken oder gar dem mit „Surfen“ umschriebenen „Deep-Linking“ zu frönen, schränkte sich das Informationsbreitenbewusstsein Stück um Stück im Verhältnis zum eigenen Medienzeitbudget weiter ein. Den Service der Übersichtlichkeit erfahre ich bei einer physischen Tageszeitung frei Haus und ohne besonderes Verlangen. Der sich darauf einstellende Nutzen hat mich veranlasst, meine Unterhaltungsinformationsaufnahme zu reformieren. Die Tageszeitung bewusst in der Bedeutungshierarchie nach vorne zu verlegen, ohne auf die Onlineseiten zu verzichten. Dafür ist die spezielle Orientierung viel zu bedeutend geworden.

Dass Online-Sites einzelne Artikel über Tage nach Anzahl der Abrufe in den Submenüs von einer redaktionellen Agenda abgelöst priorisieren, hängt nicht zuletzt mit der (vermuteten) Refinanzierbarkeit des Angebots über Werbeschaltungen zusammen. Aber das eine nach Individualinteressen und -wissen gesteuerte Informationsaufnahme sich Bahn bricht und der Luxus einer redaktionellen Vorauswahl in den Hintergrund gedrängt wird, tue ich mir nicht länger an. Ich bin froh, eine rationale Reorganisation meines Bewusstseins hinsichtlich des eigenen Grades an Informiertheit über die Selbstbeobachtung erreicht zu haben. Die Zeit erobere ich mir.

Vielleicht nervt auch nur das Lesen auf hinterleuchteten Screens…