Buchreport: Google muss böse bleiben!

| 09.11.2009 | 6 Kommentare

Gleich in zwei Artikeln (hier und hier) beschäftigte sich am Freitag das Branchenmagazin „buchreport“ mit den Plänen von Börsenverein, VG Wort und Deutscher Literaturkonferenz zur Kommerzialisierung verwaister Werke. Damit sind Bücher gemeint, die noch nicht urheberrechtsfrei sind, deren Autoren jedoch als unauffindbar gelten. Redakteur David Wengenroth kommentiert dabei die von mir in der Welt sowie bei carta.info vorgenommene Bewertung eines Sachverhalts, von dem er vermutlich durch jene Artikel erst erfahren hat – andere Veröffentlichungen zu dem Thema liegen bislang ebenso wenig vor wie einschlägige Presseerklärungen. Umso entschiedener ist Wengenroth anderer Meinung als ich, was nicht nur sein gutes Recht, sondern vermutlich auch seine Pflicht als „buchreport“-Redakteur ist. Ich hatte nämlich geschrieben, die Pläne zur kommerziellen Nutzung verwaister Werke seien in etwa dieselben, die von den Beteiligten beim sogenannten Google Book Settlement als „Enteignung“ der Autoren kritisiert worden seien. „Das ist immerhin eine originelle Sichtweise“, kommentiert Wengenroth. Allerdings sei es „ein Unterschied, ob man – wie Börsenverein und VG Wort – das bestehende Recht ändern will, oder ob man es – wie Google – ignoriert und zusieht, wie weit man damit kommt.“ Entsprechend betont der Autor, die Buchbranche wolle durchaus eine Digitalisierung des literarischen Erbes – „nur eben gerade nicht nach dem Google-Prinzip“. Das ist ihm so wichtig, dass er sogar die Überschrift seines eigens zum Zwecke der Richtigstellung verfassten Kommentars daraus macht: „Anders als Google“. Schon klar: Nach all dem Geschrei über eine vermeintliche „Enteignung“ der Autoren durch Google möchten Börsenverein, VG Wort und Deutsche Literaturkonferenz nichts weniger, als dass ihre Konzepte mit Google in Zusammenhang gebracht werden. „Nach manchen Medienberichten und Lobbyisten-Aussagen möchte man meinen, hier kämpfe ein Trupp europäischer Jedi-Ritter gegen Dark Vader [sic] Google aus Mountain View, Kalifornien, die letzte Schlacht um die Zukunft der globalen Kultur.“ So kommentierte kürzlich Rüdiger Wischenbart im Perlentaucher die Google-Aversion der Buchbranche. Dass es hinter den Kulissen anders zugeht, zeigt eine Mail, die mir im Zuge meiner Recherchen für die erwähnten Artikel aus Kreisen der genannten Verbände zugespielt wurde: Wenn wir alle mal ganz ehrlich sind, machen wir mit dem Vertrag genau das Gleiche wie Google. Wir tun etwas und hinterlegen Geld für den etwaigen Schadensersatz. Das kann nicht lange von Bestand sein, also muss eine gesetzliche Regelung her, die das Tun erst einmal legalisiert. Absender und Adressat dieser Mail müssen natürlich anonym bleiben. Aber es gibt auch unverdächtige Zeugen. Mathias Schindler kommentiert beispielsweise im Wikimedia-Blog: Wir lernen also, dass sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum ersten Mal für die Entkriminalisierung des “Raubkopierens” einsetzt, zumindest in einem kleinen Bereich. Dass die von der Deutschen Literaturkonferenz vorgeschlagene Gesetzesänderung, die Wengenroth zufolge den großen Unterschied zu dem Vorgehen Googles ausmacht, tatsächlich genau darauf hinausläuft, darf der buchreport-Autor freilich nicht zugeben. Ebenso wenig darf er erwähnen, dass dieser Gesetzentwurf im Falle seiner Umsetzung Googles Geschäftsmodell, verwaiste Werke ohne Genehmigung des Urhebers zu vermarkten, in Deutschland überhaupt erst legalisieren würde. Womöglich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit fühlen sich die Fachjournalisten der Buchbranchenblätter immer wieder bemüßigt, unabhängige Berichterstattung pseudo-neutral zu relativieren. So nahm Börsenblatt-Redakteur Torsten Casimir […]

Gleich in zwei Artikeln (hier und hier) beschäftigte sich am Freitag das Branchenmagazin „buchreport“ mit den Plänen von Börsenverein, VG Wort und Deutscher Literaturkonferenz zur Kommerzialisierung verwaister Werke. Damit sind Bücher gemeint, die noch nicht urheberrechtsfrei sind, deren Autoren jedoch als unauffindbar gelten.

Redakteur David Wengenroth kommentiert dabei die von mir in der Welt sowie bei carta.info vorgenommene Bewertung eines Sachverhalts, von dem er vermutlich durch jene Artikel erst erfahren hat – andere Veröffentlichungen zu dem Thema liegen bislang ebenso wenig vor wie einschlägige Presseerklärungen. Umso entschiedener ist Wengenroth anderer Meinung als ich, was nicht nur sein gutes Recht, sondern vermutlich auch seine Pflicht als „buchreport“-Redakteur ist. Ich hatte nämlich geschrieben, die Pläne zur kommerziellen Nutzung verwaister Werke seien in etwa dieselben, die von den Beteiligten beim sogenannten Google Book Settlement als „Enteignung“ der Autoren kritisiert worden seien.

„Das ist immerhin eine originelle Sichtweise“, kommentiert Wengenroth. Allerdings sei es „ein Unterschied, ob man – wie Börsenverein und VG Wort – das bestehende Recht ändern will, oder ob man es – wie Google – ignoriert und zusieht, wie weit man damit kommt.“ Entsprechend betont der Autor, die Buchbranche wolle durchaus eine Digitalisierung des literarischen Erbes – „nur eben gerade nicht nach dem Google-Prinzip“. Das ist ihm so wichtig, dass er sogar die Überschrift seines eigens zum Zwecke der Richtigstellung verfassten Kommentars daraus macht: „Anders als Google“. Schon klar: Nach all dem Geschrei über eine vermeintliche „Enteignung“ der Autoren durch Google möchten Börsenverein, VG Wort und Deutsche Literaturkonferenz nichts weniger, als dass ihre Konzepte mit Google in Zusammenhang gebracht werden.

„Nach manchen Medienberichten und Lobbyisten-Aussagen möchte man meinen, hier kämpfe ein Trupp europäischer Jedi-Ritter gegen Dark Vader [sic] Google aus Mountain View, Kalifornien, die letzte Schlacht um die Zukunft der globalen Kultur.“ So kommentierte kürzlich Rüdiger Wischenbart im Perlentaucher die Google-Aversion der Buchbranche. Dass es hinter den Kulissen anders zugeht, zeigt eine Mail, die mir im Zuge meiner Recherchen für die erwähnten Artikel aus Kreisen der genannten Verbände zugespielt wurde:

Wenn wir alle mal ganz ehrlich sind, machen wir mit dem Vertrag genau das Gleiche wie Google. Wir tun etwas und hinterlegen Geld für den etwaigen Schadensersatz. Das kann nicht lange von Bestand sein, also muss eine gesetzliche Regelung her, die das Tun erst einmal legalisiert.

Absender und Adressat dieser Mail müssen natürlich anonym bleiben. Aber es gibt auch unverdächtige Zeugen. Mathias Schindler kommentiert beispielsweise im Wikimedia-Blog:

Wir lernen also, dass sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum ersten Mal für die Entkriminalisierung des “Raubkopierens” einsetzt, zumindest in einem kleinen Bereich.

Dass die von der Deutschen Literaturkonferenz vorgeschlagene Gesetzesänderung, die Wengenroth zufolge den großen Unterschied zu dem Vorgehen Googles ausmacht, tatsächlich genau darauf hinausläuft, darf der buchreport-Autor freilich nicht zugeben. Ebenso wenig darf er erwähnen, dass dieser Gesetzentwurf im Falle seiner Umsetzung Googles Geschäftsmodell, verwaiste Werke ohne Genehmigung des Urhebers zu vermarkten, in Deutschland überhaupt erst legalisieren würde.

Womöglich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit fühlen sich die Fachjournalisten der Buchbranchenblätter immer wieder bemüßigt, unabhängige Berichterstattung pseudo-neutral zu relativieren. So nahm Börsenblatt-Redakteur Torsten Casimir unlängst die Buchhandelskette Thalia gegen einen kritischen Artikel in Schutz, den Birk Meinhardt in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hatte. „Natürlich denkt man auf der Ebene des Topmanagements stärker ans Wirtschaftsgut als an das Kulturgut Buch“, rechtfertigte Casimir die von Meinhardt als erpresserisch charakterisierte Geschäftspolitik der Kette. Die „vermeintliche Herzenskälte“ sei aber „überhaupt erst eine Bedingung der Möglichkeit für den breiten Erfolg guter Bücher.“

In ein paar Jahren, wenn Google dank seiner Kooperation mit großen Verlagsgruppen wie Holtzbrinck oder Random House zu einem wichtigen Player auf dem Buchmarkt geworden sein wird, werden wir solchen Sätzen sicher wieder begegnen. Dann werden sie auf Google gemünzt sein.