Das neue Handelsblatt: Bröckelnde Substanz

Das Handelsblatt wurde optisch gründlich renoviert, nur inhaltlich änderte sich wenig: Noch immer atmet die Zeitung den Geist der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik und ist damit alles andere als der Schrittmacher einer neuen Epoche.

Substanz entscheidet. Ginge es nach diesem Satz, müsste die Auflage des Handelsblatts eigentlich seit Jahren steigen. Doch das Gegenteil ist der Fall, so dass man sich in Düsseldorf jetzt wohl zur Flucht nach vorn entschieden hat: Das Handelsblatt erscheint jetzt im kleineren Tabloid-Format und optisch verjüngt. Parallel dazu wurde auch der Internetauftritt angepasst und kompakter gestaltet.

Von der Optik her betrachtet erscheinen beide Ausgaben (Print und Online) gut gelungen: Frisch und modern wirken sie, wobei den Lesern der Druckausgabe schon eine gewisse Umgewöhnung abverlangt wird. Nichts weniger als die “Zeitung der Zukunft” habe man geschaffen, verkündet Stardesigner Mario Garcia, der maßgeblich am Neuentwurf mitgearbeitet hat.

Zu hoffen bleibt, dass die treuen Anhänger der Printausgabe die Umstellung auf das neue Format akzeptieren werden. Denn neue und vor allem jüngere Leser dürfte das Handelsblatt schwerlich gewinnen und das liegt nicht an der Optik. Die Inhalte sind es, die diese Zeitung irgendwie uninspiriert und bemüht wirken lassen.

Dem Handelsblatt des Jahres 2009 fehlt jede Vision für eine Wirtschaft des 21. Jahrhunderts. Nüchtern und sachlich rapportiert man den Sachstand und zwischen den Zeilen schimmert überall die alte Bundesrepublik der 1980er Jahre durch, als man mit quantitativem Wachstum noch alle Probleme lösen konnte und Deutschland die Konjunkturlokomotive der westlichen Welt war.

Doch die Zeiten haben sich gründlich geändert. Die Wirtschaft steckt aktuell nicht nur in einer Krise, sondern in einem fundamentalen Umbruch. Deutschland ist nicht mehr Ankerpunkt und Bollwerk des Westens, sondern nur noch ein Rädchen in einem viel größer und schneller gewordenen Getriebe.

Das Handelsblatt aber berichtet von einem Unternehmer, der Solarmodule auf die Deckel von Laptops packen möchte, damit deren Akkulaufzeit verlängert werden kann. Diese bahnbrechende “Erfindung” ist der Zeitung sogar einen Innovationspreis wert und dokumentiert doch im Grunde nur, wie schwer wir uns hierzulande mit Neuerungen tun, die nachhaltig neue Märkte und Arbeitsplätze schaffen können. Warum aber merken die Macher des Handelsblatts nicht, in welch kleingeistigen Horizonten wir uns in Deutschland heute vielfach bewegen?

Vielleicht sollte sich das Handelsblatt mal einen Blogger als Vorbild nehmen: Sascha Pallenberg schreibt über Netbooks und weil das Herz dieser Industrie nicht in Deutschland, sondern in Asien schlägt, ist er kurzerhand umgezogen. Er bloggt und twittert jetzt aus Taiwan, wenn er nicht gerade in Amerika oder Europa unterwegs ist. Sein Blog gibt es praktischerweise auch in englischer Sprache, denn Berührungsängste kennt Sascha nicht. Das Handelsblatt aber sitzt wie festgekettet in Düsseldorf, gefangen in überkommenen Traditionen und orientiert sich an Leitbildern, die heute einfach nicht mehr gelten. Kein Wunder, dass da eine Reise an den Bodensee zur Offenbarungstour gerät und die Solarmodule auf Laptops wie ein segensreicher Geniestreich erscheinen.

Vor diesem Hintergrund spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass das Handelsblatt mit seinem neuen Auftritt im Internet gut für die Zeit der portablen Endgeräte gerüstet ist und auch alle wichtigen Anforderungen des Social Web erfüllt. An der Technik liegt es nicht. Es sind die Inhalte mit denen man sich zum “Biedermann 2.0” macht und den Geist des epochalen Wandels, der gerade durch die Weltwirtschaft pflügt, verpasst. Substanz entscheidet und an der Auflage wird man es ablesen. Ganz bestimmt.