Der Röhrenblick: Warum im Journalismus nicht alles auf die private Karte gesetzt werden sollte

Im September diskutierten Forscherinnen und Forscher in Cardiff die Zukunft des Journalismus. Die Botschaft war deutlich: Der Markt alleine richtet es nich, Stiftungen und öffentliche Mittel für journalistische Arbeit sind erforderlich. Was andernorts längst angekommen ist, löst in der Journalismusforschung heftigen Widerspruch aus.

von Manuel Puppis und Colin Porlezza

„Big Daddy Has Gone and Left Journalism“, konstatierte der New Yorker Journalistik-Professor Jay Rosen unlängst in seinem Blog. Die fetten Jahre, als Medienunternehmen noch satte Gewinne einstrichen, sind vorbei. In der Zwischenzeit hat der Wind gedreht: Die Wirtschaftskrise sägt unerbittlich am Standbein der Werbeeinnahmen, die in den USA mittlerweile gar auf den Stand von 1970 zurückgefallen sind. Obendrein hat auch der Siegeszug des Internets im Mediensektor seine Spuren hinterlassen. Immer mehr Menschen informieren sich im Netz und beziehen die tägliche Portion News kostenlos, sodass den Medienhäusern auch noch ihre Publika wegbrechen. Und Onlinewerbung kann die ausbleibenden Print-Werbeumsätze bei Weitem nicht ausgleichen. Die Medienkrise trifft vor allem die Printmedien mit voller Wucht: Übrig bleiben dezimierte Redaktionen, hilflose Manager, frustrierte Rezipienten – und nicht zuletzt perplexe Journalismusforscher.

Folgen der Medienkrise

Austrocknende Finanzierungsquellen, schrumpfende Publika und die anschwellende Konkurrenz aus dem Internet, bedingt durch die „News-aus-dem-Netz-dürfen-nichts-kosten-Mentalität“, bringen die Massenmedien in immer stärkere finanzielle Bedrängnis. Darunter leidet auch die journalistische Qualität, zumal sich die publizistische Leistung immer häufiger am Interesse der Werbekunden orientiert, indem seichte Unterhaltung statt harter Fakten die Zeitungsseiten füllen. Allen voran Tageszeitungen erweisen durch die kontinuierliche Boulevardisierung der Inhalte nicht nur ihrer Glaubwürdigkeit einen Bärendienst, sondern büßen je länger je mehr auch ihre Orientierungsfunktion ein.

Damit hat die gegenwärtige Krise der Medien weitreichende Konsequenzen. Denn, wie der Schweizer Bundesrat und Medienminister Moritz Leuenberger in Zusammenhang mit dem Relaunch der NZZ festhielt:

„Die demokratische Auseinandersetzung spielt sich vor allem in den Medien ab, nicht mehr nur am Stammtisch oder in der Landsgemeinde. Radio, Fernsehen und Zeitungen sind nicht nur Vermittler, sondern mischen sich als Akteure ein, setzen Themen und hinterfragen politische Äusserungen und Entwicklungen kritisch. Das ist anspruchsvoll und verlangt professionellen Journalismus.“

Wenn aber diejenigen Medien, welche sich überhaupt noch um ein derart ambitiöses Vorhaben bemühen, nicht mehr imstande sind, diese Leistung zu finanzieren und qualitativ hochwertige Informationen zu publizieren, wächst die Gefahr, dass aus meritorischen Gütern nunmehr simple Konsumgüter werden. Die Medienkrise ist damit gleichzeitig eine Krise der Demokratie.

Alles wird gut

Die zahlreichen Probleme der Medien und des Journalismus waren das Thema der Konferenz „Future of Journalism„, die diesen September in Cardiff stattfand. Eröffnet wurde die Tagung mit einer Rede von James Curran, Professor am Goldsmiths College der Universität London. Der Tenor seiner Aussagen war deutlich: Der Markt hat versagt – und mit ihm auch zahlreiche Akteure, die den Ernst der Lage verkennen oder weiterhin einfach ignorieren. Die Sichtweise, dass auch in diesen krisengeschüttelten Zeiten immer noch nichts getan werden muss, ist in der Medienbranche weiterhin dominant. Derweil die Verleger zwar zugeben, dass sich die Medienindustrie in einem strukturellen Wandel befindet, die Talsohle aber längst durchschritten sei, verkünden Medienmanager im Business-Lingo, dass das richtige und allesamt erlösende Geschäftsmodell schon noch gefunden würde. Laut Curran eine Illusion.

Auch an den Journalismusforschern – und das ist neu – lässt Curran kein gutes Haar. Denn oftmals scheint es so, als würden diese den medialen Umbruch einem Röhrenblick gleich ausschließlich positiv wahrnehmen, zumal sich dem Journalismus etliche neue Chancen bieten würden: Die Neugestaltung der Medienordnung beschere alternative Publikationsmöglichkeiten, ermögliche eine weitere Demokratisierung im Sinne einer medialen Partizipation und sorge für eine lebhaftere Medienvielfalt dank internetbasierten Konkurrenten. Mit anderen Worten: Die nun vonstattengehenden Veränderungen deuten auf eine vielversprechende Zukunft hin.

Journalismus im freien Fall

Legt man indes die rosa Brille ab und beobachtet die Sachlage etwas nüchterner, zeigt sich die aktuelle Situation weit vertrackter: Noch ist kein Geschäftsmodell in Sicht, das alle traditionellen Medien, allen voran die Tageszeitungen, zufriedenstellen könnte. Auch Pay-Walls und Online-Gebühren sind in diesem Zusammenhang nicht der Weisheit letzter Schluss, denn sie würden die Zahl der Leser nur noch weiter reduzieren und auf gewisse Eliten beschränken – wodurch eine Spirale nach unten entsteht.

Die Medien haben sich überdies nicht demokratisiert, denn neue Online-Zeitungen oder Blogs sind bis auf ein paar wenige Ausnahmen immer noch Nischenprodukte – dementsprechend sind die am häufigsten angeklickten Seiten im Netz immer noch diejenigen der etablierten Offline-Medien. Daran ändert auch eine Romantisierung des Grassroot– oder Bürgerjournalismus‘ nichts. Laut James Curran sei die „alte Ordnung” im Journalismus denn auch weder tot, noch liege sie im Sterben – sie befände sich lediglich im Niedergang. Die bestehenden Mainstream-Medien bleiben uns also erhalten, doch aufgrund fehlender finanzieller Mittel dürften ihre Leistungen immer schlechter werden.

Alternative Institutionalisierungsformen

Doch während die meisten Journalismusforscher eine „Vogel-Strauß-Politik“ betreiben, statt sich der Medienkrise zu stellen, propagieren kritische Kommunikationswissenschaftler schon länger eine Vielfalt von Finanzierungs- und Institutionalisierungsmodellen. Unlängst hat Pascal Zwicky über die Position von John Nichols und Robert W. McChesney berichtet – und stieß damit auf heftige Kritik. Dabei sind deren Aussagen bei genauer Betrachtung harmlos: Wünscht die Gesellschaft weiterhin qualitativ hochwertigen Journalismus, so reichen gewinnorientierte Medien alleine nicht (mehr) aus. Denn diese, von löblichen Ausnahmen abgesehen, verabschieden sich zunehmend von publizistischen Idealen und schielen einseitig auf wirtschaftlichen Erfolg. Das ist legitim, aber nicht Qualitätsjournalismus.

Deshalb braucht es ein pluralistisches System mit unterschiedlichsten Eigentumsformen und Geschäftsmodellen. Stiftung sind ebenso denkbar wie öffentliche Mittel. Genau dieser McChesney, Professor an der Universität Illinois, war an der diesjährigen Jahrestagung der „International Communication Association“ (ICA) in Chicago omnipräsent. An der Eröffnungsveranstaltung hielt er einen Vortrag über alternative Medien und Lösungen für die Medienkrise – und forderte diesbezüglich auch einen etwas pragmatischeren Umgang mit dem Thema. Diese Botschaft ist im Mainstream der kommunikationswissenschaftlichen Forschung unterdessen angekommen.

Fast könnte man also glauben, Medienpolitik würde in der Kommunikationswissenschaft wieder salonfähig. Aber nein, ein Forschungszweig leistet, einem kleinen gallischen Dorf gleich, nach wie vor heftigen Widerstand. Grund genug für James Curran, auch den Journalismusforschern an der „Future of Journalism“-Konferenz endlich ins Gewissen zu reden. Er betonte, dass es einen aktiven Staat brauche, und schlug zwei konkrete Maßnahmen vor: Zum einen dürfe dem öffentlichen Rundfunk die Entwicklung neuer Internetangebote nicht verwehrt werden. Zum anderen sei die Institutionalisierung eines neuen, nicht-profitorientierten Online-Mediensektors nötig, und zwar zusätzlich zum bestehenden öffentlichen Rundfunk. Um dies zu verwirklichen, so Curran, brauche es eine öffentliche Stiftung, welche nicht-gewinnorientierten Onlinejournalismus unterstützt.

Hybride Zukunft

Die Zukunft des Journalismus, so Currans Fazit, müsse im öffentlichen Interesse aktiv gestaltet werden. Rückendeckung erhielt er von Bettina Peters, der zweiten Key-Note-Speakerin in Cardiff und Direktorin des „Global Forum for Media Development“. Sie stellte unzweideutig klar, dass niemand für eine Abschaffung kommerzieller Medien plädiere. Doch müsse man endlich damit aufhören, den Staat als Gefahr für die Medien darzustellen. Es brauche ein hybrides Modell, d. h. eine Vielfalt unterschiedlich institutionalisierter Medien. Medienpolitik kann dabei helfen, eine Alternative zu privatwirtschaftlich institutionalisierten Medien aufzubauen.

Vielleicht kommt diese Botschaft auch bei Journalismusforschern, welche den Staat – einem roten Tuch gleich – immer noch als größte Gefahr für die Medienfreiheit erachten, langsam an. Curran ist sich sehr wohl bewusst, dass die Mehrheit der Journalismusforscher anderer Meinung ist. Doch notwendig sei eine unideologische Debatte. In Currans Worten:

„Es gibt verschiedene Arten, die Medien zu organisieren und es gibt verschiedene Arten von Journalismus, die unterschiedliche Beiträge zur Demokratie leisten. Wir sollten nach einem pluralistischen Modell suchen, statt alles auf eine Karte zu setzen.“

Eine aktive Medienpolitik ist also nötig, denn neue, öffentlich finanzierte Anbieter auf dem Internet können die Medienlandschaft neben privaten Medien und öffentlichem Rundfunk bereichern. Hoffentlich hat Currans Plädoyer Erfolg – sonst stellt sich vielleicht schon bald die Frage, ob die Journalismusforschung nicht die Zukunft ihres eigenen Gegenstandes auf dem Gewissen hat.

Manuel Puppis ist Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, Colin Porlezza ist Assistent am Institut für Medien und Journalismus der Universität Lugano.