Studentenproteste in Österreich: Mit allen Registern des Netzes

In Österreich protestieren die Studenten gegen schlechte Studienbedingungen – und bringen die gesamte Klaviatur des Social Web zum Einsatz.

Diese Proteste haben eine neue Qualität. Denn die Studenten in Österreich, die sich gegen schlechte Studienbedingungen wenden, ziehen dabei alle Register, die ihnen das Internet als Medienkanal bietet. Einer von ihnen ist Luca Hammer, der u. a. die Livestreams aus dem Audimax mitorganisiert hat. Er hat uns seine Eindrücke geschildert, die im Folgenden als Zitate in diesen Text einfließen.

unibrennt

Das Web nicht nur als Spielwiese: Studentenproteste in Österreich (Foto: #unibrennt, cc-by-nc)

Den Auftakt der Proteste bildeten eine Demonstration und die Besetzung des Audimax der Wiener Universität am Donnerstag letzter Woche (22.10.09). Bereits an diesem Tag wurden Neuigkeiten über Twitter verbreitet. Man machte sich den Umstand zunutze, dass sich Informationen per Hashtag (#unibrennt, #unsereuni, #audimax) schnell weiterverbreiten lassen, selbst wenn sich deren Benutzer unbekannt sind. Luca schreibt über den Einfluss und die Einschränkungen bei Twitter:

“Mit der steigenden Vernetzung der Studierenden über Twitter wurde es stärker zur Organisation genutzt. So wurde getwittert, wenn noch etwas benötigt wurde und innerhalb von kürzester Zeit wurden diese Dinge zur Verfügung gestellt. Man muss jedoch dazu sagen, dass noch immer nur ein Teil der Studierenden Twitter nutzt, was vor allem an der Nutzung von Smartphones zusammenhängt. Nur wenige haben einen Laptop bei der Besetzung dabei und ohne Smartphone ist Twitter daher nur begrenzt nutzbar. Es gibt jedoch einige, die ihre SMS-Flatrate nutzen, um Updates nach außen zu schicken.”

Am selben Tag entstanden auch Fanpages auf Facebo0k und StudiVZ. Das Video-Streaming aus dem Audimax kam ab Freitag hinzu:

“Als ich am Freitag selbst vor Ort war, habe ich, schon beinahe aus Gewohnheit, einige Reden über Qik gestreamt. Als ich über Twitter bemerkte, wie groß die Nachfrage dafür war, aber die Tonqualität nicht wirklich zufriedenstellend war, habe ich am Samstag meinen Laptop und eine Kamera mitgenommen, um einen besseren Stream zu bieten. (…) Der Stream hat sich über Twitter in kurzer Zeit stark verbreitet und so waren nach einigen Minuten mehrere hundert Zuschauer online. (…) Der bisherige Rekord wurde am Dienstag mit fast 3000 parallelen Zuschauern erreicht. In den vier Tagen hatte der Stream über 140.000 Views und über 2,5 Millionen gesehenen Minuten. Für mich war es wichtig, dass man nach außen trägt was im Audimax vor sich geht. Dass es eben nicht nur Party ist, was von einigen großen Medienstationen behauptet wurde.”

Für die eher intern orientierte Kommunikation wurde eine Wiki eingerichtet, mehr für die Außendarstellung gedacht ist die Website unibrennt.at. Dazu wieder Luca:

“Der Beweggrund [für die Website] war der gleiche, wie beim Livestream. Ich habe gesehen, dass wahnsinnig viel passiert, es aber nur schlecht nach außen kommuniziert wird. Mit der Website wurde eine Plattform geschaffen, über die man unabhängig von Medienunternehmen mit Interessierten in Kontakt treten kann.”

Somit entstand innerhalb nur weniger Tage eine sehr professionelle Medien- und Kommunikationsstruktur, die sicherlich deutlich dazu beigetragen hat, die Proteste auch an andere österreichische Hochschulstandorte zu tragen. Vernetzung wirkt.

Die Studenten bestimmen damit auch wesentlich mit, welches Bild von ihnen in der Öffentlichkeit entsteht. Insbesondere mit den Livestreams lässt sich der Vorwurf entkräften, hier werde nur Party gemacht. Zugleich müssen die klassischen Medien zusehen, dass sie nicht zu reinen Statisten degradiert werden, weil das interessantere und authentischere Programm von den Studenten selbst gemacht wird.

Und schließlich dürften viele Studenten dort erstmals praktisch erleben, wie verschiedene Tools aus dem Baukasten des Social Web eingesetzt werden können und wie diese wirken. Das “Real Time Web” ist hier nicht einfach nur Spielwiese für die Freizeit und das “Abhängen mit Freunden”, sondern eine mächtige Waffe im Kampf um bessere Bedingungen an den Hochschulen.

Eines freilich kann ihnen das Internet nicht abnehmen: Ein Programm zu formulieren und mit der Politik zu verhandeln.