Matthias Schwenk

Studentenproteste in Österreich: Mit allen Registern des Netzes

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In Österreich protestieren die Studenten gegen schlechte Studienbedingungen – und bringen die gesamte Klaviatur des Social Web zum Einsatz.

28.10.2009 | 

Diese Proteste haben eine neue Qualität. Denn die Studenten in Österreich, die sich gegen schlechte Studienbedingungen wenden, ziehen dabei alle Register, die ihnen das Internet als Medienkanal bietet. Einer von ihnen ist Luca Hammer, der u. a. die Livestreams aus dem Audimax mitorganisiert hat. Er hat uns seine Eindrücke geschildert, die im Folgenden als Zitate in diesen Text einfließen.

unibrennt

Das Web nicht nur als Spielwiese: Studentenproteste in Österreich (Foto: #unibrennt, cc-by-nc)

Den Auftakt der Proteste bildeten eine Demonstration und die Besetzung des Audimax der Wiener Universität am Donnerstag letzter Woche (22.10.09). Bereits an diesem Tag wurden Neuigkeiten über Twitter verbreitet. Man machte sich den Umstand zunutze, dass sich Informationen per Hashtag (#unibrennt, #unsereuni, #audimax) schnell weiterverbreiten lassen, selbst wenn sich deren Benutzer unbekannt sind. Luca schreibt über den Einfluss und die Einschränkungen bei Twitter:

“Mit der steigenden Vernetzung der Studierenden über Twitter wurde es stärker zur Organisation genutzt. So wurde getwittert, wenn noch etwas benötigt wurde und innerhalb von kürzester Zeit wurden diese Dinge zur Verfügung gestellt. Man muss jedoch dazu sagen, dass noch immer nur ein Teil der Studierenden Twitter nutzt, was vor allem an der Nutzung von Smartphones zusammenhängt. Nur wenige haben einen Laptop bei der Besetzung dabei und ohne Smartphone ist Twitter daher nur begrenzt nutzbar. Es gibt jedoch einige, die ihre SMS-Flatrate nutzen, um Updates nach außen zu schicken.”

Am selben Tag entstanden auch Fanpages auf Facebo0k und StudiVZ. Das Video-Streaming aus dem Audimax kam ab Freitag hinzu:

“Als ich am Freitag selbst vor Ort war, habe ich, schon beinahe aus Gewohnheit, einige Reden über Qik gestreamt. Als ich über Twitter bemerkte, wie groß die Nachfrage dafür war, aber die Tonqualität nicht wirklich zufriedenstellend war, habe ich am Samstag meinen Laptop und eine Kamera mitgenommen, um einen besseren Stream zu bieten. (…) Der Stream hat sich über Twitter in kurzer Zeit stark verbreitet und so waren nach einigen Minuten mehrere hundert Zuschauer online. (…) Der bisherige Rekord wurde am Dienstag mit fast 3000 parallelen Zuschauern erreicht. In den vier Tagen hatte der Stream über 140.000 Views und über 2,5 Millionen gesehenen Minuten. Für mich war es wichtig, dass man nach außen trägt was im Audimax vor sich geht. Dass es eben nicht nur Party ist, was von einigen großen Medienstationen behauptet wurde.”

Für die eher intern orientierte Kommunikation wurde eine Wiki eingerichtet, mehr für die Außendarstellung gedacht ist die Website unibrennt.at. Dazu wieder Luca:

“Der Beweggrund [für die Website] war der gleiche, wie beim Livestream. Ich habe gesehen, dass wahnsinnig viel passiert, es aber nur schlecht nach außen kommuniziert wird. Mit der Website wurde eine Plattform geschaffen, über die man unabhängig von Medienunternehmen mit Interessierten in Kontakt treten kann.”

Somit entstand innerhalb nur weniger Tage eine sehr professionelle Medien- und Kommunikationsstruktur, die sicherlich deutlich dazu beigetragen hat, die Proteste auch an andere österreichische Hochschulstandorte zu tragen. Vernetzung wirkt.

Die Studenten bestimmen damit auch wesentlich mit, welches Bild von ihnen in der Öffentlichkeit entsteht. Insbesondere mit den Livestreams lässt sich der Vorwurf entkräften, hier werde nur Party gemacht. Zugleich müssen die klassischen Medien zusehen, dass sie nicht zu reinen Statisten degradiert werden, weil das interessantere und authentischere Programm von den Studenten selbst gemacht wird.

Und schließlich dürften viele Studenten dort erstmals praktisch erleben, wie verschiedene Tools aus dem Baukasten des Social Web eingesetzt werden können und wie diese wirken. Das “Real Time Web” ist hier nicht einfach nur Spielwiese für die Freizeit und das “Abhängen mit Freunden”, sondern eine mächtige Waffe im Kampf um bessere Bedingungen an den Hochschulen.

Eines freilich kann ihnen das Internet nicht abnehmen: Ein Programm zu formulieren und mit der Politik zu verhandeln.

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12 Kommentare

  1. Aktuelle Links (gespeichert am 28.10.2009) « Der Webanhalter |  28.10.2009 | 20:02 | permalink  

    [...] Studentenproteste in Österreich: Mit allen Registern des Netzes — CARTA – 28.10.200… "In Österreich protestieren die Studenten gegen schlechte Studienbedingungen – und bringen die gesamte Klaviatur des Social Web zum Einsatz." [...]

  2. Linkwertig: Navigation mit Android 2.0, schuelerVZ, YouTube » netzwertig.com |  29.10.2009 | 10:02 | permalink  

    [...] » Studentenproteste in Österreich: Mit allen Registern des Netzes — CARTA [...]

  3. Aufruf aus Österreich « P O L I T E I A |  29.10.2009 | 16:47 | permalink  

    [...] Studentenproteste in Österreich: Mit allen Registern des Netzes [...]

  4. Markus Rodlauer |  29.10.2009 | 20:22 | permalink  

    Tools wie Twitter haben sicherlich dazu beigetragen, die Uni-Proteste zu organisieren und sich landesweit zu vernetzen – so finden die Proteste nicht nur in Wien, sondern etwa auch in Innsbruck oder Graz statt. Auch erlauben diese Mittel den Organisatoren, sich gegen ein zu einseitiges mediales Bild zu stemmen.

    In zwei Punkten muss ich Ihnen dennoch widersprechen: Der Großteil der (österreichischen) Öffentlichkeit zwitschert eben nicht. Die Konstruktion der Wirklichkeit wird zum überwiegenden Teil noch immer von “klassischen” Medien übernommen. Wikis, Facebookgruppen, Twitter-Kanäle und sonstige Online-Spielereien dienen also der Organisation und Kommunikation untereinander, ansonsten wird bestenfalls nur eine sehr kleine, online-affine Zielgruppe erreicht.

    Das selbe gilt im wesentlichen für die Medien: Bis auf einige wenige Ausnahmen wie etwa Armin Wolf betrachtet ein Großteil der österreichischen Journalisten oben erwähnte Online-Tools bestenfalls als nette Gags, schlimmstenfalls als Bedrohung der professionellen Kompetenz. Um die Medien anzusprechen, wäre wohl eine auf eine(n) PressesprecherIn zentrierte Organisation immer noch effektiver gewesen.

  5. Matthias Schwenk |  30.10.2009 | 00:26 | permalink  

    @Markus Rodlauer: Der Einwand ist sicher berechtigt, aber ich sehe etwas anderes: Das Medienset, das die Studenten geschaffen haben, wird nicht nur von ihnen wahrgenommen und mitverfolgt. Gewiss: Die breite Öffentlichkeit mag davon noch kaum Notiz nehmen.

    Aber an den Hochschulen werden die Professoren und Rektoren die Sache sehr genau mitverfolgen und daran die Funktionsprinzipien von Twitter, Wikis und Blogs kennen lernen. Ebenso einige Verantwortliche in Ministerien, Behörden und den Medien. Auch wenn das ein “stummes” Publikum ist, wird sich hier doch ein Lernprozess und Bewusstseinswandel einstellen!

    Allein damit haben die Studenten schon sehr viel erreicht und ihr Land ein Stück weiter gebracht (auch wenn man das nicht sofort sehen kann). In Deutschland steht so etwas noch völlig aus (leider).

  6. vera |  30.10.2009 | 03:04 | permalink  

    ja, haben die das nicht toll gemacht? kleines proseminar ‘wie baue ich ein temporäres netzwerk auf’. schön, dass und wie sie es gemacht haben. noch schöner wäre, die welle schwappte über…

  7. Matthias Schwenk |  30.10.2009 | 11:34 | permalink  

    @Vera: Die Studenten in Deutschland scheinen noch nicht zu wissen was sie wollen, aber immerhin haben sie schon einen Termin: Mitte November.

  8. links for 2009-10-30 « Das Textdepot |  30.10.2009 | 14:30 | permalink  

    [...] Studentenproteste in Österreich: Mit allen Registern des Netzes — CARTA Twitter, Qik, Facebook & Co. als Bausteine des Campaignings – einerseits zur Koordinierung, anderseits zur Herstellung von Öffentlichkeit. (tags: case campaigning socialmedia) [...]

  9. labbeyroad |  30.10.2009 | 16:20 | permalink  

    Kurzer Eindruck: Ich verfolge seit einigen Tagen das Geschehen in Österreich über unibrennt.at und bin ziemlich begeistert, was die Leute dort alles auf die Beine gestellt haben. Ich muss dennoch feststellen, dass viele meiner (deutschen) Mitstudenten – trotz des Aufgebots und Möglichkeiten der Teilhabe – noch nichts von den Ereignissen dort wissen. Selbst die studentische Vertretung meiner Uni weist im Zusammenhang der HRK-Versammlung im November nicht auf den Protest und die Besetzungen in Österreich hin. Daher bisher kaum offizielle Solidaritätsbekundungen aus Deutschland und kein Überschwappen.

  10. Kritik am Freiburger Uni-Rätesystem | fxneumann · Blog von Felix Neumann |  01.11.2009 | 23:17 | permalink  

    [...] aufzunehmen und ins Netz zu stellen oder moderne Beteiligungsformen (Wiki, Twitter, Chats … Österreich macht es gerade vor) zu nutzen, zumindest aber ein ausführliches Verlaufsprotokoll zu [...]

  11. Our Technology For The Betterment Of Our World « New Thoughts About Economics |  05.11.2009 | 01:41 | permalink  

    [...] Carta.info – Studentenproteste in Österreich: Mit allen Registern des Netzes [...]

  12. Nick |  22.01.2010 | 02:23 | permalink  

    Super, danke, habs mit interesse gelesen! ein paar hintergrundinfos die ich noch nicht kannte – und die erkenntnis, dass wir was online-vernetzung der proteste betrifft tatsächlich den deutschen kilometerweit voraussind. das sage ich jetzt nicht aus spott, sondern fast schon mit bedauern. ich hatte bislang eher die ansicht, dass die österreicher nun “endlich” auch in der welt 2.0 angekommen sind. ich bin aktiver wikipedianer und kenne die deutschen vor allem als extrem web2.0-affines völkchen. dass ausgerechnet die studenten da nicht mithalten können, wundert mich schon sehr. ich sehs auch auf facebook: die größte deutsche besetzungs-gruppe hat nicht mal 2.000 “fans”, das ist glaub ich die FU oder HU berlin – die “fubrennt” ist auch so ziemlich die einzige deutsche uni, die ich auf facebook regelmäßig wahrnehme. in jüngerer zeit auch die zürcher – wobei die basler den zürchern lange zeit das tempo vorgegeben haben. nach vielen wochen dornröschenschlaf nimmt man plötzlich auch von den zürchern auf facebook einiges wahr, die gruppe ist mit 300 bis 500 mitgliedern aber auch eher bescheiden (zur erinnerung: die wiener “audimax besetzt”-seite (unsereuni)) hat knapp 32.000 mitglieder(“Fans”) (höchststand war im dezember mit 32.700 “fans”) – ein paar andere deutsche unis haben auch versucht, in facebook fuß zu fassen – aber zB. die hannoveraner, die gleich 2 oder 3 seiten gestartet haben, zeigten null aktivität (und sind wohl auch schon längst wieder geräumt?) und haben 8 fans oder so… in hannover war ich auch persönlich, die wirkten irgendwie ziemlich isoliert vom rest der welt, selbst vom rest der stadt, obwohl die uni eigentlich ziemlich gut liegt… aber die uni ist auch so strukturiert, dass die geisteswissenschaftler dort nur einen winzigen teil ausmachen, der rest sind maschinenbauer – die hatten da ziemliche auseinandersetzungen…

    ja und die webseiten… kein zweifel, an unsereuni.at kommt keine ran – interaktiv bis in den letzten winkel… neueste errungenschaft: twitter-meldungen in die startseite integriert. der livestream hat ohnehin schon längst twitter integriert, aber der chat zum livestream ist da noch attraktiver… von 3000 views ist jetzt natürlich keine rede mehr, gut angekündigte plena erreichen noch 100 views, wenns gut geht… dafür wird jetzt teilweise auch der hochschuldialog (mit rektoren und ministeriums-mitarbeitern!) live gestreamt!

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