Klaus Staeck: Der Nachplapperer

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, hat sich im Tagesspiegel über die „Blogorrhoe“ im Netz ausgelassen. Gleichzeitig sagt er: „Ich gestehe, ich bin kein Blog-Leser“. Das heißt: Er plappert einfach nach, was er irgendwo aufschnappt.

Es wäre wirklich verzeihlich und verständlich: Dass ein alter Mann sich nicht mehr an alles Neue gewöhnen will. Zum Beispiel an dieses Dings, wie heißt es noch gleich: dieses INTERNET. Dort sollen ja Leute ungefragt Sachen schreiben. Unerhört! Wenn das die SPD wüsste!!

Einem Mann, zu dessen Aufgaben es ersichtlich nicht gehört, auf dem Laufenden zu sein, würde man solches Geraunze über modernen Schnickschnack nachsehen. Aber Klaus Staeck ist Präsident der Akademie der Künste und sitzt in einem schönen Palast direkt am Brandenburger Tor. Sein Wort sollte Gewicht haben.

Deutsche Journalisten! Die Blogger wollen euch eure Villen im Tessin wegnehmen

Nicht in der Gefahr, der Blogorrhoe zu erliegen: Klaus Staeck (Foto -M-: Carta)

Ich stelle mir z.B. ein Staeck-Plakat vor, das von der Verlegerinitiative „Print wirkt“ an sämtliche Litfass-Säulen des Landes geklebt wird: „Deutsche Journalisten! Die Blogger wollen euch eure Villen im Tessin wegnehmen!“ Oder Sascha Lobo (als Dürers Mutter), mit gefalteten Händen und roter Bürste, darunter die Zeile: „Würden Sie diesem Blogger ein Zimmer vermieten?“

Klaus Staecks politische Plakate waren in den siebziger Jahren das, was für meine Kinder heute die Poster von Radiohead sind: Ausdruck einer Haltung. Einmischung erwünscht. Staeck, das war dieser freche Vorkämpfer für mehr Demokratie, der sich keine Erlaubnis holte, wenn er etwas sagen wollte. Der die freie Meinungsäußerung nicht für eine geschlossene Veranstaltung hielt, in der eine Journalisten-Elite den Kammer-Ton angibt.

Und heute? Heute ist aus dem einstigen Vorkämpfer ein Nachplapperer geworden.

Klaus Staeck verbreitet die alten Kamellen, die seit Jahr und Tag zwischen Journalisten und Bloggern hin- und hergeworfen werden, zum steigenden Verdruss des Publikums. Man könnte eigentlich die Achseln zucken und weitergehen. Doch Staecks Ansichten über das Netz kennzeichnen leider die Stagnation der Medien-Debatte. „Ich gestehe“, sagt Staeck, „ich bin kein Blog-Leser oder -Verfasser, und deshalb auch nicht in der Gefahr, der Blogorrhoe zu erliegen.“ Übersetzt heißt das: Ich weiß nichts von euch, aber ich find euch scheiße.

Ausgerechnet ein Mann, der seinerzeit die Strauß-Bemerkung von den „Ratten und Schmeißfliegen“ geißelte, glaubt nun, die Äußerungen von Bloggern als „Dünnschiss“ abqualifizieren zu müssen („Blogorrhoe“). So, als wüsste er nicht, dass auch in den Kiosken dieses Landes nicht nur Duftkerzen herumliegen. Null Differenzierung. Null Kenntnis. Null Verständnis. Es ist erbärmlich, dass sich ein Repräsentant wie Klaus Staeck auch nach zehn Jahren Debatte noch auf dieses (zugegeben: plakative!) Niveau herab begibt.

Statt wahrzunehmen, dass sich das Schreiben im Netz verändert hat, dass Qualitätskriterien gleichermaßen auf Büttenpapier, auf Bierdeckeln und im Netz gelten, dass viele Blogger sich schneller entwickeln (und professionalisieren) als dies der Journalismus in seinen gedruckten Anfangszeiten hinbekommen hat; statt anzuerkennen, dass nur wenige Leser in die Rolle von Trollen schlüpfen, aber sehr viele mit ihrem Wissen einen wohltuend mäßigenden, relativierenden, korrigierenden Einfluss auf die Schreibenden ausüben; statt sich zu informieren über Suchmaschinen, Netzwerke oder Empfehlungsportale, die auch ungeübte „Surfer“ (wie Staeck) blogorrhoe-frei zu Qualitäts-Webseiten leiten; statt die Kooperationsmöglichkeiten im Netz als ur-(sozial-)demokratische Vision zu begreifen, suhlt sich der „Aufklärer“ Staeck in seinen aufgeschnappten Vorurteilen übers Internet.

Geschenkt, möchte man abwinken, wäre da nicht jene ärgerliche Bemerkung in seinem Text, die eine Erwiderung geradezu herausfordert. In gezielter Anspielung an die dunklen Zeiten, in denen gewisse Leute mit Fackeln durchs Brandenburger Tor marschierten, beschwört Klaus Staeck die Gefahr eines  „online erwachenden (!)“, bislang massenkulturell-passiven Publikums. Dieses „Erwachen“ erscheint ihm, dem in der Wolle gefärbten Demokraten, „gespenstisch“.

Ich kann Klaus Staecks politische Ur-Angst durchaus verstehen (er ist 1938 geboren!). Aber er diskreditiert hier den Anspruch engagierter Bürger (und dazu zählen auch Krethi und Plethi und die Piraten), im öffentlichen Diskurs der Qualitätsjournalisten mitreden zu wollen. Da könnte ja jeder kommen! sagt Staeck. Das plötzliche Mitreden von Nicht-Journalisten bedeute „die Ablösung qualifiziert ausgebildeter, glaubwürdiger und in diesem Beruf nicht zuletzt ethisch verpflichteter Autoren durch den Schwarm aller, die Zugang zum weltweiten Web haben, und allüberall ihre Meinung kundtun können.“

Es ist in der Tat „gespenstisch“. Klaus Staeck denunziert heute das, was er, der junge Grafiker aus Bitterfeld, in den sechziger und siebziger Jahren mit seiner Plakatkunst (die man eine Frühform des Weblogs nennen könnte) ganz selbstverständlich beansprucht hat. Aber offensichtlich ist er, zusammen mit der SPD, irgendwann im letzten Jahrhundert eingerostet.