Journalismus: Jetzt auch aus Textbausteinen vom Kollege Automat

Die größte denkbare Kränkung des Journalistenethos steht bevor: Journalismus ohne Journalisten. Das Computerprogramm "Stat Monkey" kann Spielberichte so gut wie eilige Sportjournalisten produzieren. Es zeigt: Auch "Qualitätsjournalismus" geht häufig nicht über das Baukastenschema hinaus.

Das Reden über Qualitätsjournalismus verschleiert vieles. Nicht zuletzt jene traurige Tatsache, dass ein erheblicher Teil all dessen, was sich Journalismus nennt, alles andere verdient hat als das Etikett “Qualität”. Der Erfolg der Vokabel mag daran liegen, dass sie auf unterschwellige Weise eine Illusion aufrecht erhält: Medienarbeit wird von denkenden Menschen verrichtet, die honorige Auswahlkriterien benutzen, gründlich recherchieren, ausgewogen berichten und von niemandem für diese Tätigkeit bezahlt werden außer von ihrem Arbeit- oder Auftraggeber.

Dream on. Denn diese Illusion wird nicht mehr sehr lange weiter existieren. Jedenfalls nicht, wenn man weiß, woran Studenten an der Northwestern University außerhalb von Chicago arbeiten. Sie haben soeben in einem der Hauptarbeitsbereiche des Medienalltags – der Sportberichterstattung – ein Computerprogramm entwickelt, das zeigt, dass es ganz ohne Journalisten geht.

Allenfalls der Name ihres Konzepts ist surreal. Sie nennen es Stat Monkey – Statistik-Affe. Der Rest ist ungeheuer handfest. Denn das Programm wurde – ähnlich der Analyseabläufe in Schachcomputern – so weit verfeinert und verästelt, dass es eine ganz bemerkenswerte Qualitätsstufe erreicht. Die Texte sind so gut wie das, was eilige Sportjournalisten unter dem Termindruck einer aktuellen Berichterstattung produzieren. Als Ausgangspunkt widmeten sich die Studenten dem in den USA populären Baseball, einer Sportart, die traditionell eine enorme Dichte statistischer Detailinformationen produziert. Die Daten wiederum bilden das Gerüst für das Material, das vom Computer zu kohärenten Einschätzungen des Geschehens umgetextet werden kann. Die Resultate sind nicht nur lesbar, sondern durchaus sinnig geschrieben, wie eines der Beispiele zeigt, das die New York Times in einem Bericht über das Projekt dokumentierte:

BOSTON — Things looked bleak for the Angels when they trailed by two runs in the ninth inning, but Los Angeles recovered thanks to a key single from Vladimir Guerrero to pull out a 7-6 victory over the Boston Red Sox at Fenway Park on Sunday.

Guerrero drove in two Angels runners. He went 2-4 at the plate.

“When it comes down to honoring Nick Adenhart, and what happened in April in Anaheim, yes, it probably was the biggest hit (of my career),” Guerrero said. “Because I’m dedicating that to a former teammate, a guy that passed away.”

Dass ein Programmmodul “Baseball” Sportreportern die Butter vom Brot nehmen kann, liegt nicht nur an dem vorhandenen Ausgangsmaterial. Es liegt vor allem an der limitierten und standardisierten Art und Weise der Nachrichtengebung in der Sportberichterstattung. In den Köpfen der klassischen Sportjournalisten existiert gemeinhin nicht mehr als ein Baukastenschema, das den Stoff nach Merkmalen wie Gewinner und Verlierer, Favorit und Außenseiter, Erwartungen und Überraschungen und anderen Denkschablonen abklopft und dann in Form einer immer gleichen Litanei, gespickt mit statistischen Infos, in ein im Grunde austauschbares Stück Prosa verwandelt.

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Journalismus ohne Journalisten: "Auf fast alle Sportarten anzuwenden." Foto: Flickr/vinspiredvoicebox

Man kann sich leicht vorstellen, dass das System auf fast alle Sportarten anzuwenden ist. Auch auf Fußball, dessen Free-Flow-Dynamik in Agenturberichten auf Kernauskünfte reduziert wird, die – angereichert um ein paar Zitate von Trainern und Spielern – ebenso austauschbar werden wie in stark datendefinierten Sportarten wie Baseball oder Football.

Die Stat-Monkey-Entwickler sehen das bereits am Horizont. Und zwar nicht nur im Wirtschaftsjournalismus, wo bei der Berichterstattung über Börsenkurse oder Gewinn- oder Verlustnachrichten von Aktiengesellschaften ein ähnlicher Bedarf besteht wie im Sport. Sie können sich auch vorstellen, so schrieben sie auf ihrer Webseite, dass das “System ausgeweitet werden kann, dass es Zitate von Einzelpersonen oder Organisationen in diese Berichte einarbeitet und auch Geschichten in einem unterschiedlichen Erzählstil für unterschiedliches Publikum” produziert.

Wann das ganze in die Praxis vor allem der Agenturarbeit umgesetzt werden könnte, steht noch nicht fest. Nur soviel kann man mit Sicherheit behaupten: Es wird kommen. Der Kostendruck in den Medien wird schon dafür sorgen. Aber auch soviel darf man prognostizieren: Dass die Verlage in Deutschland für Texte von einem solchen Affen sicher auch noch Leistungsschutzrechte in Anspruch nehmen werden. Sie haben dem Affen schließlich Zucker gegeben. Dafür wollen sie honoriert werden.