Libreka!: Der E-Book-Flopp des Börsenvereins

Einem Insider-Bericht zufolge erzielt das millionenschwere E-Book-Portal Libreka! des Börsenvereins monatliche Verkäufe von "knapp über Null". Die Buchbranche macht die gleichen Fehler wie die Musikindustrie. Ihre Verhinderungspolitik gefährdet nicht nur die eigene Zukunft, sondern lässt die Urheberrechtsdebatte bewusst weiter eskalieren.

von Jürgen Scheele (erster Teil) und Robin Meyer-Lucht (zweiter Teil)

Teil I: E-Book-Plattform des Börsenvereins ist offenbar ein Flop

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gilt als ein vehementer Verfechter von Netzsperren bei Urheberrechtsverletzungen. In einer inoffiziellen Zusammenkunft des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages auf der Höhe der Diskussion zum sogenannten Sperrgesetz gegen Kinderpornographie („Zugangserschwerungsgesetz“) wurde im Mai 2009 intensive Lobby-Arbeit für Access-Sperren gegen Filehoster wie Rapidshare gemacht. Diese gelten der Interessensvertretung des deutschen Buchhandels als Hort des organisierten Verbrechens.

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Libreka!: Verkaufszahlen "knapp über Null"

Die in der Zusammenkunft des Kulturausschusses gemachten Aussagen sind kein Geheimnis, sie wurden andernorts von Vertretern des Börsenvereins auch öffentlich geäußert (siehe hierzu die Berichte bei gulli.com und heise.de.) Auch bei der auf der Leipziger Buchmesse im März 2009 verkündeten Freischaltung des E-Book-Verkauf über die eigens geschaffene Plattform libreka.de – sie wird von der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH, deren Gesellschafter die Börsenverein Beteilungsgesellschaft mbH ist, unterhalten und den deutschen Verlagen und Buchhändlern als das Werkzeug zur Teilnahme am elektronischen Buchmarkt angepriesen –, sprach sich der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis, für Netzsperren als ultima ratio aus. (Siehe den Bericht bei futurezone.orf.at.)

Doch wie ist es um das eigene Geschäftsmodell des Börsenvereins im Digitalzeitalter bestellt? Packen es die deutschen Verleger, sich digital neu aufzustellen, oder können sie den rasch voranschreitenden Entwicklungen in der elektronischen Kommunikation nur mit Forderungen nach Überwachen und Strafen begegnen? Ein jetzt zur Frankfurter Buchmesse bei Wikileaks Germany lancierter 4-seitiger Bericht „Libreka ungeschminkt“ läßt Ungutes befürchten. Gleich zu Anfang werden dort die erträumten E-Book-Wünsche des Börsenvereins einer vernichtenden Evaluation unterzogen:

„Über www.libreka.de wurden im gesamten Monat September 32 (zweiunddreißig) E-Books an Endkunden verkauft. Es handelt sich um keinen Ausrutscher, die Verkaufszahlen liegen seit Start des E-Book Verkaufs vor einem halben Jahr stabil bei knapp über Null.“

Und: „Libreka kostet in seiner jetzigen Form etwa 1 Million Euro pro Jahr (Personal, Informationstechnik, Werbung, Raum- und Verwaltungskosten usw.) Dauerhafte direkte Einnahmen stehen dem bisher in keiner nennenswerten Höhe gegenüber.“

Auch die weiteren Details des Dokuments, das von Branchenkennern als echt und von einem Insider verfaßt eingestuft wird (Libreka-Chef Ronald Schild hat die Verkaufszahlen nicht dementiert, siehe lesen.net), sind durchaus pikant. Sie gestatten Einblick in die offenbar vernichtende Bilanz der digitalen Geschäftsaktivitäten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Teil II: Preisgestaltung und Rechtemanagement als Verhinderungsstrategie

Im Zuge der Buchmesse wurde immer wieder die Frage gestellt: „Was können die Buchverlage von der Musikindustrie lernen?“ – Die hier geschilderten Vorgänge zeigen: Noch sehr viel mehr, als sich der Börsenverein öffentlich eingestehen möchte. Zwar gibt er sich in der Außendarstellung technologie- und innnovationsaffin. In der digitalen Realität setzt der Verband jedoch vor allem auf die innovationsfeindliche und absurd strukturkonservative Online-Buchpreisbindung und nervig-konsumentenfeindliches Rechtemanagement. Spiegel Online hatte den Flop von Libreka! schon im März prognostiziert.

Herta Müllers „Atemschaukel“ kostet beispielsweise als E-Book bei Libreka! (und dank Online-Buchpreisbindung auch überall sonst) 16,90 Euro. Das gebundene Buch kostet 19,90 Euro. Das E-Book muss über einen technisch ungelenken Registrierungsprozess (Shop & DRM) herungeladen werden, kann nicht ausgedruckt, nicht verliehen und nicht weiterverkauft werden. Es fehlt der aufwändige physische Träger. Und trotzdem ist das E-Book gerade einmal 15 Prozent günstiger als das Hardcover. Das erinnert an die Musikindustrie, die es zu Beginn mit Single-Downloads zum Preis einer physischen Single versucht hat.

Eine derartige Preis- und Konditionenpolitik kann man nur als Verhinderungsstrategie interpretieren. Zu diesen Bedingungen kann sich der E-Book-Markt nicht entwickeln. Dem Börsenverein ist es augenscheinlich wichtiger, den traditionellen Handel mit Papier-Büchern noch möglichst lange zu stützen. Für dieses Ziel nimmt er billigend in Kauf, das Entstehen eines funktionierenden, legalen und in der Breite angenommenen E-Book-Vertriebs zu verhindern.

Motto: „Wenn E-Books – dann nur zu unseren Bedingungen!“ Dabei überschätzt der Buchhandel seine langfristige Markt- und Gestaltungsmacht dramatisch.

Damit der E-Book-Absatz in Schwung kommt, wäre eine reibungslose Abwicklung (einfaches Rechtemanagement, falls überhaupt) und Preise auf dem Niveau von vielleicht einem Fünftel der gedruckten Fassungen erforderlich. Die Konsumenten erwarten zurecht, dass die Distributionskostenvorteile und die Handhabungsnachteile in die Preisgestaltung für E-Books einfließen. Auch bei Preisen von einem Fünftel lassen sich für Verlag und Autoren noch höhere Margen erzielen als im klassischen Geschäft. Dabei sollte man auch hier über Flatrate-Preismodelle nachdenken – im Sinne von Leihbibliotheken. Die Geschäftsmodelle für E-Books werden vornehmlich nicht die Modelle des klassischen Buchgeschäfts sein.

Was also hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels von der Musikindustrie bislang gelernt? Gar nichts, außer einer smarteren Außendarstellung. Völlig überzogene Preise, nervige Schutzmaßnahmen – genauso hat die Musikindustrie ihre Kunden in die illegalen Netzangebote getrieben.

Doch die Verlags- und Buchhandelsbranche sieht das Absatzproblem bei E-Books nicht als Innovationsproblem im eigenen Lager. Sie appelliert lieber an die Politik, mit Hilfe von Olivenne-Sperren gegen illegale E-Book-Downloader vorzugehen, um das Internet zu „zivilisieren“. Die Technik, deren Geschäftsdynamik man nicht in den Griff bekommt, soll folglich legalistisch wieder domestiziert werden.

Die Verlags- und Buchhandelsbranche macht damit exakt dieselben Fehler wie die Musikindustrie. Sie glaubt, sie könne sich gestützt auf das Urheberrecht neuen Vertriebs- und Geschäftsmodellen verschließen (vgl. These 13 des Manifests). Das ging schon bei der Musikindustrie schief – und wird hier wieder schief gehen.

Diese E-Book-Politik gefährdet nicht nur die Buchbranche selbst, sondern lässt die Urheberrechtsdebatte ganz bewusst weiter eskalieren.

Teil I dieses Artikels (Jürgen Scheele: E-Book-Plattform des Börsenvereins ist offenbar ein Flop) wurde zuerst auf Digitale Linke veröffentlicht. Er steht unter einer CC-Lizenz (by-nd) und wurde gemäß dieser Bedingungen übernommen. Wir bedanken uns ausdrücklich für die Übernahmemöglichkeit.