Jürgen Kalwa

Kontrollsoftware bei YouTube: Post vom Roboter

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12.10.2009 | 

Vor ein paar Tagen saß ich nachts vor meinem Monitor und wartete scheinbar ewig darauf, dass YouTube ein neun Minuten langes, von mir produziertes Video bereitstellt. Irgendwann kam eine Email, die erklärte, weshalb sich die Sache hinzieht. Der Computer der populärsten Plattform seiner Art hatte sich meine Arbeit angeschaut und festgestellt, sie beinhalte “möglicherweise Material, das FOX gehört oder lizensiert hat”. Eine Weile später erhielt ich das Urteil: Das Video wurde zwar hochgeladen, aber “in einigen Ländern” kann man es nicht sehen.

Ich habe keine Ahnung, um welche Länder es sich handelt. Und auf welche Weise die “Content ID Matches” funktionieren, die man bei YouTube und offensichtlich auch bei Google-Video mit Hilfe einer Software durchführt. Ich weiß nur soviel: Der beanstandete Inhalt wurde von mir – ich sitze in New York – nach den Grundsätzen des amerikanischen Urheberrechts zusammengestellt, das auch für Google maßgeblich ist.

Dieses Recht sanktioniert im Rahmen seiner Fair-Use-Klausel – unterfüttert und ausgedeutet durch eine Reihe von gerichtlichen Entscheidungen bis hinauf zum Supreme Court in Washington – eine ganze Reihe von Nutzungssituationen. Wozu unter anderem eine ganz logische gehört: Wenn ich mich mit dem geschützten Werk im Rahmen des öffentlichen Meinungsaustauschs auseinandersetzen will, muss ich es schon aus illustrativen Zwecken zitieren können. Sonst kann ich es gleich bleiben lassen. Das gilt nicht nur für Texte, sondern analog auch für Ton und Bild. Das gilt für Lob und Kritik, Parodie und Satire. Der Rechtsanspruch eines Urhebers, der mit seinem Werk an die Öffentlichkeit gegangen ist, geht nicht so weit, dass er das verhindern kann, was man in den USA “dissemination” nennt, oder auch für die Verwendung des Materials Geld verlangen könnte.

Natürlich gibt es bei den Verwendungsmöglichkeiten deutliche Grenzen. Mein Video muss vor Gericht nachweisen können, dass es “transformative” ist und nicht “derivative”. In ihm muss das Ausgangsmaterial “umgestaltet” worden sein und eine Schöpfungshöhe erreichen, die auf ihren eigenen Beinen steht. Eine Sekundärverwendung, die das Material nur “weiterentwickelt”, ist nicht gestattet.

Um Online-Videoproduzenten zu helfen, die sich keine Rechtsabteilungen mit Urheberrechtsspezialisten leisten können und ihnen einen Weg durch das Minenfeld der Fair-Use-Interpretationen zu weisen, hat das Center for Social Media an der School of Communication der American University in Washington in diesem Frühjahr einen außerordentlich hilfreichen “Code of Best Practices” aufgestellt und publiziert. Der Text ist ein eye opener. Eine der Kernaussagen: Fair Use ist ein Recht, kein Privileg. Das Rechtskonstrukt ermöglicht und fördert sinnvolles kreatives Arbeiten im gesamtgesellschaftlichen Rahmen, es verhindert es nicht.

Das Papier, an dem zahlreiche Spezialanwälte mitgewirkt haben, zeigt auf der einen Seite, an welche Grundsätze sich die Macher halten müssen, um nicht auf dem dünnen Eis einzubrechen, auf dem die nicht lizensierte Nutzung von Fremdmaterial campiert. Es ermuntert aber auch, sich nicht einschüchtern zu lassen, wenn man den Marktplatz der öffentlichen Meinung nicht den riesigen Medienkonzernen überlassen will. Kreativität wächst nur von unten. Von oben kommt nur Druck.

Nach Informationen des Center for Social Media zeigt eine konsequente Pro-Fair-Use-Haltung eine ganze Reihe von Resultaten: Dokumentarfilme wurden veröffentlicht, die andernfalls nie entstanden wären. Millionen von Dollar an ungerechtfertigten Lizenzzahlungen werden gespart. Ein signifikantes Beispiel: der Film “Wanderlust”, der hochgerechnet rund 400.000 Dollar mehr gekostet und vermutlich nie gemacht worden wäre.

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Content ID Match bei YouTube: Post vom Roboter (Foto: Screenshot YouTube)

Dass ausgerechnet Google im Zweifel auf der Seite der Konzerne steht und zensiert, ist die wirkliche Ironie der Geschichte. Denn es handelt sich um die gleiche Firma, die ohne Einwilligung von Autoren und Verlagen Millionen Bücher auf den Scanner gelegt hat. Es ist nachvollziehbar, weshalb sich die Firma dem Druck der Multis beugt und Software entwickelt, die optisches Material filtert. Denn die anhängigen Schadensersatzprozesse kosten Geld und können nicht gewonnen werden, wenn das Unternehmen nicht ein Minimum an Konzilianz zeigt.

Natürlich kann ich mich bei YouTube über die Entscheidung des Zensors beschweren. Ich wäre gezwungen, der zuständigen Abteilung zu erklären, was mein Interviewpartner und ich auf Deutsch über die ausgewählten fraglichen Filme gesagt haben. Und ich muss allerdings damit rechnen, dass das alles nicht nur lange dauert, sondern auch nichts bringt. Der “Content ID Match” blockiert übrigens, wie man in einigen Foren lesen kann, sogar Eigenproduktionen mit purem Originalmaterial.

Da ist es vermutlich sehr viel besser, aus der Taktik zu lernen, die ein ambitionierter Amerikaner eingeschlagen hat. Der testete auf aufwändige Weise mit systematisch manipulierten Tonspuren in seinen Videos die Musik-Lese-Fähigkeiten der YouTube-Kontrollsoftware und kam zu Resultaten, die zeigen, welches System dahinter steckt. Ich habe mich kurzfristig für eine andere Lösung entschieden und das Video bei Dailymotion hochgeladen. Dort ist die Auflösung schlechter, aber zumindest erreicht es nun ein Publikum.

Wer sich für das Video interessiert – es ist meinem Blog American Arena eingebettet.

Übrigens: Niemand sollte davon ausgehen, dass er irgendwelche Fair-Use-Rechte aus dem deutschen Urheberrecht ziehen kann. Allerdings wären Reformen in eine solche Richtung dringend angeraten.

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6 Kommentare

  1. Simona |  12.10.2009 | 15:03 | permalink  

    Eigentlich müsste es heißen: Post vom Zensor.

    Der Content-ID-Roboter ist doch im Grunde ein Urheberrechtszensor nach eigenem Gusto. Er verhindert im Zweifelsfall, dass mein Recht der Meinungsfreiheit ausüben kann.

    Dass man so eine schwierige Abwägungsentscheidung in die Hände von Robotern leben kann – da können nur Amerikaner drauf kommen.

    Es sollte zumindest einen “Dont Agree”-Button geben, der es relativ leicht man, die Roboter-Entscheidung überprüfen zu lassen.

    Im Grunde zeigt der Mechanismus aber auch, wie wichtig YouTube inzwischen für die öffentliche Kommunikation geworden ist – und wie wichtig ein medienübergreifendes, faires Zitatrecht ist.

    Vielen Dank für den spannenden Text,

    Simona

  2. Ulrike Langer |  12.10.2009 | 17:54 | permalink  

    Inwiefern unterscheiden sich denn Fair-Use-Rechte von Zitatrechten? Denn Letztere gibt es im deutschen Urheberrecht ja auch.

  3. kdm |  12.10.2009 | 18:04 | permalink  

    Sie haben Material benutzt (Sie behaupten: nur zitiert), dass Ihnen nicht gehört und wundern sich tatsächlich, dass da (ein kleiner) Einspruch erfolgt?
    Wie Sie sicher wissen, war und ist YouTube voll mit geklauten Filmchen und Musik; wieso erzürnt Sie dieser millionenfacher Diebstahl nicht gleichermaßen?
    Dass YouTube sich endlich (!) auch um das bisher millionenfach beschädigte Copyright kümmert, wird höchste Zeit und ist erfreulich.

  4. Jürgen Kalwa |  12.10.2009 | 19:05 | permalink  

    @Ulrike Langer: Im amerikanischen Urheberrecht geht man zunächst davon aus, dass alllen alles gehört. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Schutzwürdigkeit von Werken per Gesetz immer konkreter festgezurrt. Geblieben jedoch ist, damit den Rechtsinhabern nicht die Kontrolle über den Meinungsbildungsprozess überlassen bleibt, das Fair Use Prinzip, das sehr viel weiter reicht als das Zitatrecht in Deutschland. Natürlich kann es in jedem Einzelfall einen Streit darüber geben, ob ich mich als Auswerter von geschützten Werken noch im Rahmen dieser Freiheit bewege oder nicht. Weshalb ich mich auch NICHT (@kdm) darüber wundere, dass es Einsprüche gibt. Die Kernfrage ist eine andere: Wenn jetzt YouTube mit einer Software(!) und seiner Marktmacht darüber entscheidet, ob meine Arbeit zulässig ist oder nicht, wird das Fair-Use-Prinzip ausgehöhlt. Das geht zu Lasten der öffentlichen Meinungsbildung.

    Mich beschäftigt übrigens der “millionenfache Diebstahl” nur am Rande. Denn der ist vom amerikanischen Gesetz überhaupt nicht sanktioniert. Niemand kann in den USA einfach ein urheberrechtlich geschütztes Bild, einen Text oder Musik kopieren und nutzen und dann behaupten, dass sei durch das Fair-Use-Prinzip gedeckt. Aber er darf das, was in Deutschland soeben von der Musikindustrie massiv verfolgt wird: Er darf das Material nehmen und daraus etwas Neues gestalten – Collagen, Satiren, Parodien, Kritiken.

    Wer sich einlesen will: Wikipedia hat eine Reihe von Einträge. Ein guter Einstieg ist der Text über den Künstler Jeff Koons, der schon häufiger verklagt wurde und in einigen Fällen verlor, in einem anderen gewann:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Jeff_Koons#Copyright_infringement_litigation
    Allgemeine Literatur:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Fair_use
    Natürlich sollten sich Interessenten auch das oben verlinkte “Best Practices” Papier anschauen. Es beschreibt mit seinen Erläuterungen die Ausgangslage sehr gut.

  5. Auf die Augen « Auf die Augen |  12.10.2009 | 20:34 | permalink  

  6. einfachvielbewegen.org (vielbewegen) 's status on Tuesday, 13-Oct-09 07:04:08 UTC - Identi.ca |  13.10.2009 | 09:04 | permalink  

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