Russ-Mohl: „Der Journalismus wird nur mit Bezahlinhalten aus der Abwärtsspirale kommen“

Stephan Russ-Mohl im Interview anlässlich seines neuen Buches: "Kreative Zerstörung – Niedergang und Neuerfindung des Zeitungsjournalismus".

Der Journalistikprofessor Stephan Russ-Mohl hat ein Buch über den Zustand des US-amerikanischen Journalismus geschrieben, das den für die hiesige Medienwissenschaft fast schon modernisierungswütigen Titel „Kreative Zerstörung – Niedergang und Neuerfindung des Zeitungsjournalismus“ trägt.

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Stephan Russ-Mohl: Die Feindseligkeit zwischen neuen und alten Medien ist in den USA noch viel ausgeprägter

Joseph Schumpeter nun auch für Kulturgüter? Darf jetzt nicht einmal mehr der Journalismus Schutz vor der reinen kapitalistischen Wucht für sich in Anspruch nehmen? Ein hervorbrechender Innovationsfundamentalismus in der Journalismuswissenschaft? Der freudige Appell an Journalisten zur radikalen Selbstinfragestellung auf der Suche nach dem Neuen?

Nicht ganz. So weit mag Stephan Russ-Mohl in seinem neuen Buch nicht gehen. Für ihn gelten weiter die klassischen Qualitätsstandards, die in Markennamen wie New York Times oder Washington Post aufscheinen. Er plädiert dafür, an den klassischen Strukturen, wie der Zentralgroßredaktion und dem General-Interest-Bündel der klassischen Tageszeitung, festzuhalten.

Ihn treibt vor allem allem die Frage um, wie man die gelebten und lieb gewonnenen Strukturen – behutsam angepasst – auch im Internet gewährleisten kann. Dabei geht es um wohldosierten Veränderungswillen – aber auch den Mut zu neuen Erlösmodellen. Denn nach Einschätzung von Russ-Mohl befindet sich der klassische Journalismus in einer durch die Digitalisierung ausgelösten Abwärtsspirale, aus der es nur noch einen Ausweg gäbe: Bezahlinhalte.

Ich habe mit Stefan Russ-Mohl über sein Buch gesprochen. Hier das Telefongespräch Lugano-Berlin als Tonspur:

Die zentralen Aussagen von Russ-Mohl:

  • Mit der Querfinanzierung des Online-Journalismus wird es aufgrund der Einnahmerückgänge im klassischen Mediengeschäft bald vorbei sein. Die Bezahlinhalte müssen zwangsläufig kommen, auch wenn die Internet-Nutzer aufschreien werden.
  • Wer weiter einen Journalismus als selbstbewußte fünfte Gewalt und als ressourcenstarkes Gegengewicht zur PR möchte, der wird dafür auch im Netz etwas bezahlen müssen. Werbung allein wird einen solchen Online-Journalismus nicht hinreichend finanzieren.
  • Auch in Zukunft sollen diejeningen den hochwertigen Journalismus finanzieren, die ihn haben wollen  – und nicht nach dem Staat rufen. Jürgen Habermas kann sein Zeitungsabonnement selber bezahlen. Der Facharbeiter, der bisher Bild gelesen hat, muss die Süddeutsche Zeitung nicht quersubventionieren.
  • Die Bezahlsysteme und -mechanismen für Online-Journalismus werden zuerst den USA entwickelt werden, weil dort der Markt und der Leidensdruck viel größer sind.
  • In den USA ist die Feinseligkeit zwischen neuen und alten Medien noch deutlich stärker ausgeprägt als hierzulande.
  • Verlage sollten sich sehr genau anschauen, was es inzwischen alles für spannende Nischenprodukte im Netz gibt – und sich überlegen, wie sie diese auch in die eigenen Angebote integrieren könnten.
  • Erst wenn die herkömmlichen Medien ihre Vormachtstellung geräumt haben, werden wir so richtig sehen, was an Innovationen im Internet möglich ist.
  • Das Netz wird uns zwingen, darüber nachzudenken, was wir an Journalismus brauchen und was nicht.

cover_russ_mohlStephan Ruß-Mohl: Kreative Zerstörung -Niedergang und Neuerfindung des Zeitungsjournalismus in den USA, UVK 2009, 284 Seiten. Hier bei Amazon zu bestellen.