Warum nachrichten.de Verlagen nicht helfen wird

nachrichten.de ist online und setzt damit Google News eine Alternative aus Deutschland entgegen. Fraglich ist nur, ob diese Form der Aggregation von Nachrichten eine Zukunft hat: Denn Facebook oder Twitter scheinen die attraktiveren Anlaufstellen im Internet zu sein.

nachrichten.de ist gut geworden. Sehr übersichtlich und deutlich aufgeräumter als bei Google News werden hier Artikel aus mehr als 600 Medien in rund 12 Ressorts dargestellt. Für den schnellen Überblick über die Nachrichtenlage ist das sehr gut. Allenfalls stört die Tatsache, dass fast jeder Link die Seite ganz neu aufbaut, anstatt Teilmengen an zusätzlichen Informationen (mit Hilfe von Ajax) nachzuladen.

Aber das ist nur ein kleiner Mangel in der Usability, der sich in späteren Versionen sicher korrigieren lässt, wenn es denn zu solchen kommen wird. Denn es ist gar nicht so sicher, ob Aggregatoren nach der Art von nachrichten.de oder Google News eine große Zukunft haben.

Aggregation im Web: Ein weites Feld

Als Google News im April 2002 seinen Dienst aufnahm (zunächst nur in englischer Sprache) war man damit noch relativ allein auf weiter Flur. Lange Zeit erschien das wie eine technische Spielerei, denn die Idee, einen Algorithmus (und nicht eine Redaktion) mit der Suche, Gewichtung und Zusammenstellung von Nachrichten zu betrauen, war ungewohnt.

Dann kam das Web 2.0 und mit ihm eine Fülle neuer Ansätze, die alle um das Prinzip kreisten, die User entscheiden zu lassen. Digg (2004) gehört dazu, obwohl manche diesen Dienst eher als eine Art Social Bookmarking sehen. Ein anderes Prinzip verfolgt Techmeme (2005), weil hier die Verlinkungen einer Quelle zur maßgeblichen Währung gemacht wurden. EveryBlock (2008) setzt ganz auf lokale Nachrichten und ist nur noch bedingt als “social” zu bezeichnen.

In Deutschland konnten sich über die Jahre insbesondere Yigg (nach dem Vorbild Digg) und Rivva (in Anlehnung an Techmeme) etablieren, kaum aber auf breiter Ebene bekannt werden.

Google hat auf der Spielwiese der aggregierten Nachrichten gleich mehrere Angebote: Neben Google News stehen iGoogle und der Google Reader. Das zeigt, dass Aggregation nicht nur ein spezielles Angebot im Web sein muss, sondern auch eine personalisierte Startseite oder ein RSS-Reader sein kann. Die Wikipedia hat eine Liste mit Aggregatoren, die allerdings nur englischsprachige Angebote umfasst.

Was machen die User?

Bei dieser Fülle an Möglichkeiten sollte man eigentlich meinen, dass es dafür einen großen Markt gibt. Denn wo viel Angebot ist, muss auch viel Nachfrage sein. Dem ist aber nicht so und das wird man auch bei nachrichten.de noch merken.

Denn Nachrichten zu aggregieren war und ist auf der konzeptionellen und entwicklungstechnischen Ebene eine sehr reizvolle Aufgabe, die aber oft genug das Interesse der Leser an solchen Diensten überschätzt. Das mag daran liegen, dass die Online-Angebote von Zeitungen ja selbst schon aggregierte Nachrichten sind und ein Dienst wie Google News hier nur eine Art Meta-Ebene schafft.

Ein weiterer Bremsfaktor mag der fehlende Durchbruch von RSS sein. Diese Technologie existiert zwar schon rund 10 Jahre, ist aber offenkundig für den Mainstream immer noch zu “technisch” bzw. schlicht noch nicht bekannt genug. Somit fristen auch die teilweise sehr guten Dienste auf dieser Basis weiterhin ein Nischendasein.

Der alles entscheidende Faktor aber, der gegen das Konzept von nachrichten.de oder Google News spricht, ist das Aufkommen des Real-Time-Web in der Gestalt von Social Networks wie Facebook und Twitter. Denn auf diesen Netzwerken hat es sich eingebürgert, dass die User sich gegenseitig auf interessante Inhalte im Internet hinweisen. Dazu kommt, dass die Netzwerkcharakteristik die rasche Verbreitung von Meldungen über weite Teile jeweils eines Social Networks stark begünstigt. Mehr noch: Die Verbindungen zwischen diesen Social Networks führen dazu, dass Nachrichten sich kaskadenartig über mehrere Kanäle verbreiten können, wofür sich der Begriff der “Hyperdistribution” etabliert hat (etwa bei Jeff Jarvis und Martin Weigert).

Die Folge: Social Networks werden immer mehr zu wichtigen Trafficbringern für die Onlineangebote der Verlage und hängen dabei die Aggregatoren ab.

Google ist nicht auf Google News angewiesen

Dass ein Dienst wie Google News von Social Networks in den Schatten gestellt wird, dürfte bei Google niemanden sonderlich aufregen. Noch 2008 beteuerte Marissa Mayer, dass Google News nur als eine Art Trafficbringer für die Suchmaschine selbst gesehen wird und nicht etwa als eigenständiges Profitcenter, das sich selbst auf Dauer tragen müsse.

Dazu kommt, dass Google längst schon an der nächsten Generation von Diensten arbeitet, etwa an Google Wave. Was vordergründig nur wie die Neuerfindung der E-Mail aussieht, kann auch im Mediensektor Bedeutung erlangen. Jeff Jarvis jedenfalls ist davon überzeugt – und wichtiger noch: Stephanie Hannon aus dem Wave-Entwickler-Team (hier in einem kurzen aber aufschlussreichen Interview, in englischer Sprache).

Insgesamt ist Google auf sehr vielen Ebenen des digitalen Nachrichtengeschäfts involviert und darf deshalb nicht unterschätzt werden. Bei Burda sollte man sich deshalb auch nicht auf nachrichten.de ausruhen, sondern zügig auch mit weiteren Formaten experimentieren.

Verlage brauchen ein neues Denken

Die aktuellen Entwicklungen im Internet zeigen also, dass die User, gestützt auf Dienste wie Facebook oder Twitter, ihre ganz eigene Art des Umgangs mit der Überfülle an Inhalten (Content) entwickeln und dabei nicht so sehr auf institutionelle Aggregatoren setzen, sondern auf persönliche Empfehlungen und die Weisheit der Vielen.

Gleichzeitig aber würde dieses System gar nicht funktionieren, würde nicht eine bestimmte Anzahl von Usern einzelne Quellen direkt frequentieren und von dort aus Empfehlungen abgeben. An dieser Stelle genau liegt ein Ansatz für die Medien, die ab jetzt nicht mehr nur “einfache” Leser brauchen, sondern auch “hochvernetzte” Leser.

Zudem zeigt der Trend zur Hyperdistribution, dass Paid Content für einen relativ großen Teil an Nachrichten im Internet nicht in Betracht kommt: Es macht keinen Sinn, etwas zu empfehlen, das hinter einer Paywall steckt und daher von Vielen gar nicht erreicht werden kann. Auch nachrichten.de würde stark darunter leiden, wenn ein größerer Teil der heute noch offen verlinkten Artikel plötzlich nicht mehr frei zugänglich wären.

Von diesem Risiko abgesehen hat nachrichten.de aber doch noch eine kleine Chance. Denn längst noch nicht ist das Realtime-Web der Maßstab der Dinge für alle im Internet. Viele Menschen orientieren sich noch nicht am Facebook’schen Newsfeed oder der Timeline auf Twitter. Sie leben noch im “Internet der Seiten”, die sie gezielt aufrufen und ihnen könnte nachrichten.de eine interessante Quelle werden, bei der es gar nicht auffällt, dass man die Schlagzeilen nicht direkt auf der Seite twittern kann. Denkbar ist aber auch, dass diese Generation von Usern einzelnen Leitmedien treu bleibt, die sie schon lange kennen und deshalb gar keinen Aggregator benötigen.