Christiane Schulzki-Haddouti

Die Linkrevolution

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Wie können Links die Medien revolutionieren? US-Medienblogger denken darüber bereits seit Monaten nach.

13.11.2008 | 

Dabei geht es ihnen nicht darum, kommentierte Linklisten als eine Art Presse- oder Medienschau zu erstellen, sondern der Nachricht oder der Geschichte selbst mehr Gewicht zu verleihen, in dem sie über die Links in einen diskursiven Kontext eingebettet wird. Der Journalist zeigt damit

Recherchekompetenz, nämlich inwieweit er darüber informiert ist, was andere schreiben, und die Entwicklung einer Geschichte darstellen kann sowie
– Analysekompetenz, in dem er Zusammenhänge, die in den einzelnen Geschichten so nicht klar genug erkennbar waren, aufzeigt und damit zeigt, welche Relevanz die Geschichte in anderen Medien hat.
– Medienkompetenz, denn er bietet seinen Online-Lesern schlicht und einfach einen nützlichen Dienst.

Mit Jeff Jarvis etwas einfacher formuliert, sollte es in Redaktionen darum gehen: “Do what you do best, and link to the rest”. Das bedeutet, dass sich ein Newsroom in seinem Selbstverständnis fundamental wandelt: Er hat nicht mehr das Monopol über eine ganze Anzahl von Nachrichtenressourcen, sondern ist Teil eines Netzwerks, in dem es darum geht, sich auf das zu konzentrieren, was an einer Geschichte zu einem bestimmten Zeitpunkt für die eigenen Leser am Relevantesten ist, um dann auf weitere Original-Geschichten von anderen Redaktionen, Blogs oder Lesern (!) zu verweisen.

Links auf Leser

Die Äußerungen der Leser in Diskussionsräumen und Kommentarleisten könnten nicht nur Anlass für Arbeit und Ärger, sondern auch Ausgangspunkt für weitere Recherchen oder Beiträge sein. Die Kommentare könnten auch direkt in die entsprechenden Beiträge eingebunden werden. Würden die Leser aber nicht entsprechend gewürdigt, würden sie sich ausgenutzt fühlen. Ihnen käme eine solche Verwertung unter Umständen sogar parasitär vor.

Die schreibenden Leser können beispielsweise in einem Beitrag genannt und möglichst verlinkt werden. Ein solcher leserbezogener „Backlink“ wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung und sollte nicht nur in einem Beikasten, sondern in den Haupttext integriert werden. Konsequent angewandt und weiterentwickelt könnte hier ein neues journalistisches Format entstehen.

Links auf Kollegen und Konkurrenten
Auch Journalisten nutzen Social-Bookmark-Dienste für ihre Internetrecherchen. Das ist jedoch in der Regel keine Vorgabe der Redaktionsleitung, sondern erfolgt auf private Initiative. Daher wissen oftmals sogar die nächsten Kollegen nichts davon. Auf diese Weise entsteht zu bestimmten Themenbereichen ein redaktioneller Wissensschatz, der das redaktionelle Angebot direkt bereichern könnte: US-Medienblogger Scott Karp hat deshalb speziell für Redaktionen einen Social-Bookmarking-Dienst entwickelt.

Verwendet wird der Dienst von mehreren Redakteuren und Autoren, die gemeinsam an einem Thema bzw. Dossier arbeiten. Ein Mausklick genügt, um etwa zu einem lokalen Ereignis gezielt relevante Quellen aus dem Netz abzuspeichern. Im Sinne eines Pressespiegels können sie aber auch Links zu einschlägigen Artikeln ablegen, die in anderen Tageszeitungen zu dem Thema innerhalb eines bestimmten Zeitraums erschienen sind. Einbinden lassen sich die so gesammelten Links über RSS direkt in das redaktionelle Angebot.

Diese Praxis muss jedoch gleich zwei Vorbehalte überwinden: Zum einen betrachten Journalisten Internet-Recherchequellen oftmals als private Ressource, obwohl sie öffentlich zugänglich sind. Sie haben Angst, dass andere Journalisten herausfinden könnten, an welchen Themen sie gerade arbeiten. Zum anderen ist es gängige Praxis, die Inhalte von Konkurrenzangeboten nicht zu referieren. Warum den Leser zum Mitbewerber schicken, wenn doch auch ein Link auf einen Beitrag auf der eigenen Website genügen könnte?

Relevanz gewinnen

Noch schlimmer aber: Warum den Leser zur Konkurrenz schicken, wenn die auch nur dasselbe Material bearbeitet hat? Denn wie Robin Meyer-Lucht beobachtet hat, bieten ja vor allem überregionale News-Portale “alle mehr oder weniger dasselbe an”. Gleichwohl würde genau diese kritische Verlinkung die Verbreitung von Inhalten im Netz wesentlich beeinflussen. Die Inhalte, die am meisten verlinkt werden, werden als die Relevantesten, Wichtigsten gelten. Und genau das wäre das Ergebnis eines Netzwerk-Journalismus, der jetzt sich aus den Nischen des progressiven Online-Journalismus entwickeln müsste.

Dann wäre auch wieder ein akuter Bedarf nach Geschichten, die “sonst keiner anbietet”, wie Tony Ortega von der “Village Voice” sagt: “Was niemand hat, ist das originäre Berichten. Der Schwerpunkt liegt wieder auf den aktuellen Artikeln, auf den Geschichten, die sonst keiner hat.” Und dann geht es auch nicht mehr nur darum, sich der “Schnelligkeit des Internets, mit den Möglichkeiten des Internets sich anzupassen”. Was im Moment in deutschen Verlagen so verstanden wird, dass die News-Websites mit SEO-Methoden optimiert werden müssen. Es ist einfach so, wie Jeff Jarvis sagt:

“It also means that the more relationships you have with people — the more they talk about you and link to you and click on you — the better off you will be.”

Ganz einfach. Linken.

Dieser Text ist eine Übernahme aus Christiane Schulzki-Haddoutis Blog KoopTech. Mit der Übernahme dieses Klassikers begrüssen wir sie als gelegentliche Autorin auf CARTA.

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