Buchvorstellung: Chris Anderson – Free

Wie Geschäftsmodelle auf Gratisangeboten gründen können, ist das Thema von "Free". Mit genauer Kenntnis beschreibt es die Verhältnisse im Netz, als generelles Modell hat es allerdings Schwächen.

Was passiert, wenn der technische Fortschritt es ermöglicht, immer mehr Dinge zu immer geringeren Kosten herzustellen und uns diese am Ende sogar gratis zur Verfügung gestellt werden? Auf diese Frage versucht das neue Buch von Chris Anderson eine Antwort. Als Buchautor wurde Anderson zu Recht bekannt für sein Werk „The Long Tail„, in dem er ein wesentliches Phänonem der Ökonomie des Internets treffend beschrieb. Nun versucht er sich an der Entwicklung zu immer kostengünstigeren Produkten und der Gratis-Mentalität des Internets, kann damit aber nicht wirklich überzeugen.

Das ist bedauerlich, denn die Thematik ist spannend und von hoher Aktualität. Allerdings kann Andersons neues Buch hier schon allein deshalb nicht gut punkten, weil die Frage, ob Content bzw. Downloads im Internet grundsätzlich kostenlos sein müssen, schon längere Zeit hitzig debattiert wird und er hier nichts wirklich Neues zur Klärung beitragen kann.

Allenfalls zu diesem Thema weniger gut informierte Leser werden es interessant finden, wenn sie die derzeit bekannten Wege und Beispiele der „Umwegbeschaffung“ von Umsatz für kostenlos abgegebene Leistungen beschrieben sehen. Anderson nennt alle wichtigen Beispiele aus dem Bereich Musik, Spiele und Online-Medien, wo mittels Werbung, Merchandising oder Auktionsmodellen erfolgreich versucht wird, die kostenlos abgegebene Leistung durch andere Arten von Einnahmen zu kompensieren.

Wirklich interessant wird es erst an anderer Stelle: Denn seit der Industrialisierung und dem Aufkommen von Massenproduktion sind die Preise vieler Güter stark gesunken und sie sinken immer noch. Die häufig anzutreffende Vorstellung, dass „alles immer teurer wird“ ist ein Fehlglaube, den Anderson in seinem Buch geschickt entlarvt. Anschaulich beschreibt er die Monopolrente als Strategie vieler Hersteller – darunter auch Buchverlage –, die ihr Angebot aus dem Wettbewerb herausheben wollen, um so Vorteile bei der Preissetzung erzielen zu können.

Wer hier nur einen Augenblick an die verwirrenden und sich permanent ändernden Tarife der Mobilfunkanbieter denkt, erkennt sofort, dass Anderson das Phänomen richtig beschreibt: Tendenziell fallen die Preise für mobiles Telefonieren und das mobile Internet seit langem, nur die Anbieter stemmen sich mit immer neuen Einfällen gegen den Trend.

Allerdings darf der Leser von Anderson hierfür keine genauere und mit Fakten unterlegte Darstellung erwarten. Er nennt ein paar Ökonomen und Beispiele, das muss genügen. Überhaupt fällt auf, dass Andersons Beispiele aus der realen Güterwelt eher dünn daher kommen, während er das Vorgehen von Internetfirmen wie Google bis in Einzelheiten genau erklären kann. Seine Stärke ist eine genaue Kenntnis des Internets und das macht zugleich auch die Schwäche des Buches aus. Denn er versucht sich hier an einem übergreifenden Erklärungsansatz und das will ihm nicht so recht gelingen.

Immerhin hat das Buch auch seine starken Seiten, etwa wenn Anderson beschreibt, wie er als Herausgeber des Magazins Wired für die Druckausgabe nach ganz anderen Kriterien entscheiden muss, wie für die Online-Version. Hier ist er ganz in seinem Element und arbeitet sehr gut heraus, wie gedruckte Medien von Knappheit („scarcity“) bestimmt werden, während Online-Medien vom Überfluss („abundance“) geprägt sind und beide Typen damit jeweils unterschiedlichen Regeln folgen und jeweils andere Verhaltensmuster prägen.

In den USA hat das Buch eine lebhafte Debatte ausgelöst, im Wesentlichen initiiert von der Kritik Malcom Gladwells im New Yorker. Dessen Kritik ist zugleich symptomatisch für die unterschiedlichen Sichtweisen zur Gratis-Kultur im Internet. Denn für Malcom Gladwell etwa ist YouTube ein Problem, weil Google mit seinem kostenlosen Videoportal immer noch kein Geld verdient. Das Prinzip „Free“ ist für ihn keine Lösung. Im Buch von Anderson dagegen ist das Problem gelöst: Google als Ganzes ist sehr profitabel, da spielt es keine Rolle, dass einzelne Dienste für sich betrachtet keine schwarzen Zahlen schreiben. Einen guten Überblick über die amerikanische Debatte zum Buch hat Seth Godin auf Squidoo zusammengestellt.

Wer sich selbst ein Urteil über das Buch bilden will, hat die Qual der Wahl: Im Campus Verlag ist jetzt die deutsche Übersetzung erschienen. Preislich günstiger ist das amerikanische Original, etwa über Amazon. Auf den Seiten von Wired gibt es einen kostenlosen Download als Hörbuch, die Scribd-Ausgabe gibt es z. B. via De:Bug zum Online-Lesen. Damit zeigt Chris Anderson auch praktisch, dass man ein Buch im Internet kostenlos anbieten und parallel dazu eine Druckversion verkaufen kann. Er muss es ja wissen.

anderson_freeChris Anderson: Free – Kostenlos. Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets, Campus 2009, 304 S., EUR 39,90. ISBN 978-3593390888

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