Ursula von der Leyens Mayhill-Fowler-Moment

Ein Video entlarvt, wie Ursula von der Leyen vor CDU-Anhängern noch immer bereit ist, mit dem Thema Kinderporno-Sperren polemisch und in Rage Wahlkampf zu betreiben. Es zeigt zugleich, wie sich die Mechanik der öffentlichen Debatte verändert hat. Die Ministerin ist in die Mayhill-Fowler-Falle getappt.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Internet die Mechanik der politischen Öffentlichkeit für immer verändert hat, dann wäre es dieses Video von Ursula von der Leyens Auftritt vor CDU-Anhängern am 17. August in Sulzbach an der Saar:

Die Familienministerin genehmigt sich vor eingeschworenem Publikum wahlkämpfend in Sachen Internetsperren & Kindesmißbrauch einen Rageanfall: “Himmel noch mal! Macht dem ein Ende!”, “Das schlägt dem Fass den Boden aus”, “Wir sollten nicht den Eindruck vermitteln, unsere Verfassung würde die Verbreitung der Vergewaltigung von Kindern Schutz geben.”  Die Gegner von Internetsperren verwerden pauschal als “die Linken” tituliert.

Das Video demaskiert, wie von der Leyen trotz monatelanger politischer Auseinandersetzung bereit ist, das Thema irreführend und polemisch im Wahlkampf einzusetzen. Es zeigt eine ganz andere von der Leyen als jene, die von der Berliner Bühne und aus den Massenmedien bekannt ist. Es zeigt eine atemberaubende Doppelbödigkeit im Auftreten der Ministerin.

Von der Leyen hat auch hier das Internet und seine Öffentlichkeit nicht verstanden: In Zeiten dezentraler Online-Distribution und günstiger Aufnahmegeräte gibt es keine Wahlkampfveranstaltungen mehr, deren Inhalt nicht potenziell in die Öffentlichkeit gelangen könne. Es gibt nicht mehr mehrere Bühnen, sondern streng genommen nur noch eine. Jede Rede kann potenziell zum Gegestand einer öffentlichen Diskussion werden. Der Politiker steht auf Wahlkampftouren nicht mehr allein unter der Beobachtung eines passiven Publikums vor Ort und klassischer Pressevertreter, die in einen relativ enges Korsett eingebunden sind, was berichtenswert ist und was sich zu berichten gehört.

Ursula von der Leyen ist damit in die Mayhill-Fowler-Falle getappt. Mayhill Fowler hatte im letzten US-Wahlkampf als Bürgerreporterin der Huffington Post über Obamas Aussagen auf einer Spendengala berichtet, wonach die amerikanische Arbeiterschaft an “Gewehren oder Religion” hänge. Auch Obama musste schmerzlich lernen, dass inzwischen jede öffentliche oder halböffentliche Aussage bei entsprechender Relevanz in den massenmedialen Raum entweichen kann – und dass darüber nicht mehr allein die Presse wacht.

Ursula von der Leyen ist nicht die Kanzlerkandidatin der Union und anhang der Kinderporno-Debatte werden keine Wahlen entschieden. Die Auswirkungen werden sich im Rahmen halten. Aber: Das Video zeigt, dass eine Doppelbödigkeit à la von der Leyen im Netzzeitalter schnell entlarvt wird. Der/die deutsche Mayhill Fowler heisst “urpils”.

P.S.: Das Familienministerium hat uns  bestätigt, dass es einen entsprechenden Auftritt der Ministerien am 17. August in Sulzbach gegeben hat, was letzte Zweifel an der Richtigkeit des Videos ausräumen sollte.

[via Netzpolitik]

Artikelhinweis: “Babyboom” & “Neue Väter”: Die statistischen Tricks der Ursula von der Leyen