Ist der Journalismus am Ende?

Journalismus ist kein Geschäftsmodell, keine Arbeitsstelle, kein Unternehmen, keine Branche, keine Medienart und kein Distributionssystem. Im Kern ist Journalismus eine Aktivität.

Wo immer dieser Tage Journalisten zusammenkommen, da geht es letztlich immer wieder um die Frage: Ist der Journalismus am Ende? Vorahnungsvoll und in gedämpftem Ton begann die Diskussion vor einigen Jahren. Die Frage ist immer noch ungelöst, jetzt aber wird die Diskussion regiert von Angst und schrillenden Alarmglocken.

Am Grundprinzip des Journalismus gehen die meisten dieser Einschätzungen allerdings vorbei: Journalismus ist kein Geschäftsmodell, keine Arbeitsstelle, kein Unternehmen, keine Branche, keine Medienart und kein Distributionssystem.

Im Kern ist Journalismus eine Aktivität. Es geht um eine Gesamtheit der Praktiken, mit deren Hilfe Informationen und Wissen gesammelt, aufbereitet und dargeboten werden. Diese Praktiken werden freilich beeinflusst vom Medium, von den Publikationskanälen und von den Finanzierungsmodellen, die den Journalismus stützen. Dies sollte man allerdings nicht gleichsetzen.

Dem pessimistischen Blick auf die journalistische Zukunft liegt eine statische Vorstellung von Journalismus zugrunde: gleichbeibende Arbeitsgänge, unveränderliche Praktiken, Dauergeschäfte und unwandelbare Verbreitungswege. Tatsächlich aber hat sich journalistische Arbeit schon immer weiterentwickelt, um den Parametern und Randbedingungen zu genügen, die das Medium und die Publikationskanäle, wie auch die Verlagshäuser und Medienunternehmen gesetzt hatten.

In seinen Anfangsjahren war Journalismus eine Sache von Druckereibesitzern, von Teilzeitschreibern, von Politikern und von Gelehrten, die sich als Korrespondenten betätigten — nicht von Berufsjournalisten, wie wir sie heute kennen. Im neunzehnten Jahrhundert entstand die Nachrichtenpyramide, sodass die Artikel angesichts der technischen Beschränkungen der Telegraphen von unten ab gekürzt werden konnten. Auch die Beschäftigten in der Herstellung konnten sie jetzt kürzen, wenn die Chefredakteure und Reporter schon aus dem Haus waren.

citizen-kaneDem pessimistischen Blick auf die journalistische Zukunft liegt eine statische Vorstellung zugrunde: gleichbeibende Arbeitsgänge, unveränderliche Praktiken, Dauergeschäfte und unwandelbare Verbreitungswege.

Der professionelle Journalismus des zwanzigsten Jahrhunderts entstand in dem Maße, wie journalistische Anstellungen verrechtlicht und üblich wurden und sich journalistische Standardtechniken etablierten. Mit den Radionachrichten entstanden neue Arbeitsgänge und Praktiken: das “Rip and Read”, also das direkte Einfügen der Tickermeldungen in die laufende Sendung, oder auch die persönlichen Kommentare. Mit dem Fernsehen schließlich kamen schnelle Nachrichten fürs Auge hinzu. Die Nachrichtensender im Kabel wiederum entwickelten Techniken, die den unaufhörlichen Strom der Ereignisse fühlbar machten und setzten auf repetetive Muster.

Journalistische Praktiken und Arbeitsweisen waren folglich nie unveränderlich. Der Journalismus blieb bestehen, indem er sich veränderte; indem er den Anforderungen der jeweiligen Verbreitungswege nachkam und indem er sich an den Finanzierungsmöglichkeiten in seiner Umwelt ausrichtete.

Der Journalismus wird vielleicht nicht mehr das sein, was er vor zehn Jahren war (oder in irgendeinem anderen vermeintlich Goldenen Zeitalter), aber seinen Untergang bedeutet das nicht. Verlagshäuser, Medienunternehmen und -angebote mögen verschwinden, andere mögen an ihre Stelle treten — der Journalismus jedoch wird sich wandeln und bestehen bleiben.

Der Journalismus wird sich also wandeln — nicht, weil er mit einem bestimmten Medium verbandelt wäre; nicht, weil er Arbeitsplätze bietet oder Rendite einfährt, sondern weil seine gesellschaftliche Funktion wichtig ist. Wir stehen also nicht vor der Frage, ob der Journalismus untergeht, sondern welche Gestalt er als nächstes annehmen wird. Unsere Aufgabe besteht darin, dass wir Instrumente finden müssen, mit denen wir journalistische Aktivitäten finanzieren und effektive Verbreitungswege für sie fördern können.

Dieser Text wurde von Robert G. Picard zuerst in seinem Blog The Media Business veröffentlicht. Die Übernahme und Übersetzung erfolgt hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Übersetzung: David Pachali/rml.