„Marschallplan“ & „Clearingstelle“: Die Kapitulation des Journalismus

Ein "Qualitätsjournalismus", der im Strukturwandel nach dem Staat ruft, statt sich den Herausforderungen einer grandios vernetzten Informationsgesellschaft zu stellen, gibt seine Selbstachtung und seine eigentliche Berufung auf.

Vor einigen Tagen schrieb Anja Seeliger im Perlentaucher-Blog:

In Sachen Berichterstattung über das Internet ist die Presse weithin keine vierte Gewalt mehr, sondern ein Lobbyist, der sich unter dem Deckmantel des Journalismus dem Staat andient.

In der Tat: Dem Qualitätsjournalismus über die gegenwärtigen Strukturprobleme des Journalismus kann inzwischen über weite Strecken Distanzlosigkeit, Hang zu normativen Kurzschlüssen, Desinteresse an empirischer Fundierung und Klientelismus in eigner Sache bescheinigt werden. Jüngstes Beispiel: Der Text „Eine Art Marshallplan“ der Medienforscher Stephan Weichert und Leif Kramp in der aktuellen Zeit vom 9. Juli (Nachtrag vom 14. Juli: Text jetzt hier online).

Nach Weichert und Leif droht Deutschland schon bald eine Unterversorgung mit Qualitätsjournalismus. Angesichts eines potenziellen Endes der gedruckten Presse und der „Gratiskultur“ des Internets stelle sich die Frage, wie Qualitätsjournalismus in Zukunft überhaupt noch refinanzierbar sei?

Dabei ist für die Autoren Qualitätjournalismus nur als „Geist der gedruckten Presse“ denkbar. Dieser sollte in Zukunft — gestützt auf Artikel 5 Grundgesetz — mit Milliarden von der Politik gefördert werden. Weichert und Kramp bringen einen „Nationalfonds für Qualitätsjournalismus“ zur Förderung der „klammen Zeitungen“ (sic!) ins Gespräch, gespeist aus einer um zwei Euro erhöhten Rundfunkgebühr. Wenn es um Abgrenzungsfragen des Qualitätsjournalismus gehe, käme auch die Bundeszentrale für politische Bildung als „Clearingstelle“ infrage. Ein Marktversagen beim Journalismus, so die Forscher Jürgen Habermas mehrfach zitierend, könne sich keine Demokratie leisten.

Hierzu ist einiges zu sagen:

1. Es ist atemberaubend, wie hier der häufig mittelmässige und stark verbesserungswürdige Status Quo des Journalismus verklärt wird. Die heutige Praxis des Zeitungsjournalismus sei „Qualitätsjournalismus“. Sie ist offenbar ideal und geistvoll. Sie stelle bereits ein Optimum an gesellschaftlicher Informationsvermittlung dar.

2. Der gesamte Text ist einer paternalistischen Grundfigur verpflichtet: Guter Journalismus ist, was Journalisten und Journalismusforscher dazu erklären. Alle anderen Faktoren, Leserwünsche, Medienwandel oder Marktkräfte, verhindern nur dass sich der gute, wahre Journalismus, genannt Qualitätsjournalismus, entfalten kann. Deshalb kommt der Text auch ohne jegliche Erwähnung der Leserperspektive aus: Warum werden weniger Zeitungen gelesen, gerade von der jüngeren Generation? Dies interessiert die Autoren leider nicht.

3. Im überregionalen Journalismus droht wahrlich kein Mangel an Vielfalt und Qualität: Das Netz erschließt eine Breite von hochwertigen Inhalten, hervorragend vernetzt zudem. Der überregionale Journalismus hat im Zeiten digitaler Konvergenz kein Vielfalts-, sondern ein Überproduktionsproblem. Er produziert zu fast jedem Thema zu viele Inhalte nahezu identischer Machart für ein unspezifisches Publikum. Als Beispiel kann man sich einmal anschauen, wie viele Texte allein zum Thema Chrome OS geschrieben wurden. Jeff Jarvis hat es so ausgedrückt: Wenn wir die Zahl der Journalisten halbieren würden – „es wären noch immer zu viele“.

4. Der Journalismus steht vor der Gesellschaft und seinem Publikum in der Pflicht, die neuen Techniken des Internets für einen noch besseren, hochwertigeren, relevanteren Journalismus zu nutzen. Hier ist aber bislang noch wenig geschehen. Selbst einfachste Dinge, wie die Verlinkung auf Mitbewerber fällt vielen Anbietern schwer. Im Kern wird hierzulande vor allem noch immer Print-Journalismus online praktiziert und dies zu Qualität erklärt. Google hat mehr für die Qualität der gesellschaftlichen Informationsvermittlung geleistet als aller Qualitätsjournalismus im Netz.

5. Die in Artikel 5 GG verbürgte Pressefreiheit ist ein kein berufsständisches Journalisten-Recht, sondern ein Jedermann-Recht. Es schützt jeden und jede, ihre/seine Meinungen und Inhalte frei von staatlicher Einflussnahme zu verbreiten. Dieses Recht hat mit dem Internet erheblich an Bedeutung und praktischer Relevanz gewonnen. Aus Artikel 5 lässt sich daher kein Recht auf staatliche Intervention zugunsten von Journalismus auf Zeitungspapier ableiten. Ganz im Gegenteil. Eine „Clearingstelle“ für selektive Förderung würde dem Artikel vollends widersprechen.

6. Wieso sollte man ohnehin ausgerechnet Zeitungen gesellschaftlich-staatlich fördern? Das Medium ist in seinen Verbreitungskosten horrend teuer, tendiert damit zu engen Oligopolen und Monopolen und es fördert eine einseitig-hierarchische Kommunikation.

7. In Bezug auf Journalismus herrscht im Internet mitnichten eine „Gratiskultur“: Journalismus stützt sich im Netz bekanntlich auf Werbefinanzierung und profitiert dabei auch von den geringen Verbreitungskosten.  Es ist auch nicht so, dass sich Journalismus im Netz nicht refinanzieren ließe. Einmal ganz grob überschlagen werden die größten zwanzig journalistischen Angebote im deutschen Internet (Spiegel Online, Sueddeutsche.de, Welt.de, etc.) in diesem Jahr einen Netto-Umsatz von 100 Mio. Euro machen. Damit lassen sich im überregionalen Online-Journalismus schon rund 1.000 Stellen finanzieren. Mehr wäre fraglos wünschenswert. Wenn sich die Nutzer aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein deutlich größeres Angebot wünschen würden: Sie würden Bezahlinhalte akzeptieren.

8. Ein echtes Problem scheint sich in Bezug auf Journalismus und die Regionen zu entwickeln. In der Kombination aus Gebietsmonopolen und schrumpfenden Umsätzen versinken viele Regionalzeitungen in einer „unerträgliche[n] Mischung aus Agenturmeldungen, Hofberichterstattung, Honoratioren-PR und Allerweltsgewäsch“. Hier hilft aber keine Presseförderung mehr. Hier gilt es, die Infrastruktur des Internets für eine Wiederbelebung des Journalismus in der Region zu nutzen. Hierzu sollte es in der Tat staatliche Förderung geben: Die Bundesagentur für Arbeit sollte flächendeckend Kurse zur Errichtung von Placeblogs in ihr Angebot aufnehmen.

9. Ein „Qualitätsjournalismus“, der im Strukturwandel nach dem Staat ruft, statt sich den Herausforderungen einer grandios vernetzten Informationsgesellschaft zu stellen, gibt seine Selbstachtung und seine eigentliche Berufung auf. Journalismus kann es sich nicht leisten, mit Verweis auf die vermeintliche eigene Systemrelevanz, die sich veränderten gesellschaftlichen Anforderungen durch die Nutzer zu ignorieren.

10. Im Kern geht es darum, dass der Journalismus seinen Schock nach dem Ende seiner Deutungsoligopole noch immer nicht überwunden hat. Ein Journalismus, der sich aber nicht dem Wettbewerb der Meinungen, der Praktiken und des Marktes stellt, verliert in der offenen digitalen Medienumgebung an Legitimation. Mit dem Marktversagen verhält es sich nämlich so: Das mag es früher vielleicht einmal gegeben haben – heute aber ist es offenbar gerade das Funktionieren des Marktes, das die Institutionen durcheinanderbringt. Zurecht: Es gibt noch viel besser zu machen, zumindest aus Sicht der Leser.