Die Diskussion um Burdas „Fairplay in der digitalen Welt“ (Update)

Mit seiner Forderung nach einem erweiterten Leistungsschutzrecht für Verlage hat Hubert Burda großes Echo ausgelöst. In der Zusammenschau überwiegen die ablehnenden Stimmen.

Der Verleger Hubert Burda forderte am Dienstag in der FAZ ein erweitertes Leistungsschutzrecht für Verlage. Kern der Fordungen sind eine Beteiligung der Verleger an den Erlösen der Suchmaschinen und  „objektive, nachvollziehbare“ Kriterien für das Ranking der Suchmaschinen.

Er hat damit ein großes Echo ausgelöst: Zustimmung von Jochen Wegner (Focus) und  Sven Scheffler (Handelsblatt) im Interview mit den Online-Chefredakteueren bei Meedia, kritische Anmerkungen von Mercedes Bunz (Tagesspiegel) ebenda. Ein moderner Imperialist sei Google, so Hans-Jürgen Jakobs (SZ) dort. Insgesamt überwiegen die ablehnenden Stimmen: wirres.net fragt: Wo genau ist das Problem?, heise.de titelt lapidar: Verleger fordern Schutz vor und Geld von Suchmaschinen, einen Denkfehler sieht Martin Oetting in Burdas Forderung.

Hubert Burda nimmt damit den Ball auf, den zuletzt Kulturstaatsminister Bernd Neumann in die Runde warf: Neumann kündigte auf der Jahrestagung der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft an, das Thema nach der Wahl auf die Agenda zu setzen. Burdas Forderung nach einer Erweiterung des Leistungsschutzrechts umfasst im Wortlaut

das Recht, im Netz von den Suchmaschinen nach objektiven, nachvollziehbaren Kriterien gefunden zu werden. Das Recht, an den Erlösen der Suchmaschinen fair und zu überprüfbaren Konditionen zu partizipieren. Das Recht auf Neutralität der Plattformen. Und damit verbunden die Garantie, dass Inhalte unserer Transaktionsangebote von Suchmaschinen nicht für eigene Geschäftsmodelle genutzt werden. Denn genau dies ist zurzeit technisch immer noch möglich.

Beim Perlentaucher greift Anja Seeliger die Forderungen Burdas auf. Dieser sieht Demokratie, Meinungsfreiheit und die kritische Öffentlichkeit durch die Krise der Zeitungen bedroht. Seeliger entgegnet: „Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz.“ Die Forderungen der Verlage liefen auf eine staatliche Beaufsichtigung der Suchmaschinen hinaus.

Dies alles wird gefordert nicht zugunsten einer freien Presse, sondern zum Schutz überkommener Geschäftsmodelle. Die Zeitungen werden schamlos für Lobbyarbeit in eigener Sache benutzt und sprechen schon damit jeder Form von Qualitätsjournalismus Hohn.

Ulrike Langer erinnert daran, dass Google mit der Verlinkung eine Dienstleistung erbringt, so dass der Geldfluss auch umgekehrt laufen könnte:

Der Suchmaschinenbetreiber könnte theoretisch auch Gebühren dafür verlangen, dass sein Suchalgorithmus den Printportalen täglich, stündlich, minütlich frische Besucher zuführt. Für dieses Geschäftsmodell hat sich Google aber nicht entschieden, sondern für Werbefinanzierung.

Matthias Schwenk ist in diesem Blog verwundert über Burdas Forderung, die Verlage sollten nach „objektiven und nachvollziehbaren Kriterien gefunden werden können“. Burda beweise damit sein Unverständnis, denn es seien die Verlage selbst, die eine stärkere Verlinkung ihrer Inhalte und damit eine prominente Googleposition verhinderten.

Zeitungen wollen nicht verlinkt werden und setzen auch selbst kaum Deep-Links (also Links auf eigene Seiten). Ist es da ein Wunder, dass ihre Artikel bei Google nur auf den hinteren Plätzen auftauchen?

Mit zwei Zeilen Code spottet Michael Schwarz, dass niemand gezwungen zwei, seine Inhalte von Suchmaschinen indizieren zu lassen und so der „schleichenden Enteignung“ anheimzugeben:

User-agent: *
Disallow: /

lauten die Zeilen, die die Suchmaschinen draußen halten.

–Update–:

Julius Endert betont in seinem Beitrag „Als ich mal neben Hubert Burda saß“ (auch hier bei Carta) die strategische Zielrichtung von Burdas Argumentation. Dieser sei mitnichten ein Netzanalphabet, sondern „viel zu schlau“ für einen unüberlegten feuilletonistischen Schnellschuss. Er richte sich nicht an die Netzöffentlichkeit, sondern an die Politik. Nachdem man es versäumt habe, Online-Geschäftsmodelle zu entwickeln, sei der Ruf nach dem Staat nur „ein Zeichen für den Beginn des letzten Gefechts„. Einen Kampf der Kulturen beobachtet auch Matthias Schwenk. Die digitalen Akteure würden sich darin

kaum mehr um die alten Medien und ihre Eliten scharen. Wo man eigentlich Achtung, Ehre und Respekt erwarten würde, […] herrschen stattdessen eher Desinteresse und Respektlosigkeit.

In seinem FAZ-Blog fragt Don Alphonso, ob Hubert Burda den gleichen Ton über Suchmaschinen anschlüge, hätten seine eigenen Versuche auf diesem Gebiet Erfolg gehabt. Burdas Tochterfirma Tomorrow Focus hatte seinerzeit das zeitnah wieder beerdigte Suchportal netguide lanciert. Über die von Burda beklagte Enteignung von Kulturgut heißt es:

Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören. Die Klagen von Herrn Burda, seine wertvollen Inhalte würden schleichend enteignet – was meint er damit? Auf Focus.de finde ich den gleichen Infomüll wie überall, angereichert mit einem „Strandführer Ibiza“ und „Richtungsstreit in der Busenpartei„.

Mit Matthias Urbach von der taz wendet sich im Interview von Sebastian Heiser ein weiterer Online-Chefredakteur gegen Burdas Forderung. Geld für eine Verlinkung stelle das Prinzip des Netzes selbst in Frage, wie auch Markus Beckedahl bei netzpolitik.org notiert. Nachdem Springer-Marketingchef Peter Würtenberger sich der Kritik an Google anschloss und eine Abgabe auf Computer in die Debatte einbrachte, bringt F!XMBR einen fiktiven offenen Brief an Google:

Die notleidenden Verlage sind die Garanten unserer Demokratie!

heißt es darin, weshalb man Google nahelegt, Focus, FAZ und BILD aus dem Suchindex zu streichen.