Lieber Hubert Burda, gegen Google helfen keine Gesetze …

Werden Verlage im Internet schleichend enteignet? Hubert Burda vertritt diese Auffassung aktuell in der FAZ und macht sich für ein Leistungsschutzrecht stark. Statt aber nach dem Staat zu rufen, sollten die Verlage Google mit seinen eigenen Waffen schlagen und auch selbst Angebote à la Google News machen.

Das Internet muss transparenter werden, fordert Hubert Burda in der FAZ und verlangt zugleich nach einem Leistungschutzrecht für Verlage. Rhetorisch macht er das geschickt, denn wenn der Gesetzgeber im Sinne von Hubert Burda aktiv würde, hätten alle etwas davon: Die Allgemeinheit bekäme mehr Transparenz im Internet und die Verlage Geld von Suchmaschinen wie Google oder Bing. Wer wollte da dagegen sein?

In einem Land, in dem Politiker dem scheinbar ahnungslosen Volk verkünden, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein dürfe, wollen offenbar die Verlage nicht zurückstehen. Deshalb setzt sich Hubert Burda für eine Transparenz ein, die außer ihm selbst kaum jemand am Internet vermisst. Im Gegenteil: Erst vor kurzem beschloss die Regierung in Berlin das Zugangserschwerungsgesetz (in Sachen Kinderpornografie). Diese “Erschwerung des Zugangs” war ja gerade deswegen notwendig geworden, weil das Internet im Lauf der Zeit offenbar mehr Transparenz zeigte, als dies politisch und gesellschaftlich erwünscht war.

So differenziert aber betrachtet Hubert Burda das Thema Transparenz im Internet nun wieder nicht. Ihn stört viel eher, dass im Laufe der Jahre Suchmaschinen wie Google eine dominierende Stellung bekommen haben und damit inzwischen sehr viel Geld verdienen. Sein Argument: Online-Werbung funktioniere zwar, bleibe aber vor allem bei den Suchmaschinen hängen.

Diese Behauptung unterschlägt, dass viele Menschen in Suchmaschinen nicht nur nach Zeitungsartikeln suchen. Ein Blick auf Google Zeitgeist macht dies deutlich. Zudem könnte die herausragende Stellung der Suchmaschinen auch damit zu tun haben, dass die Online-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften über Jahre ihre seiteneigene Suche sträflich vernachlässigt haben.

Noch vor weniger als einem Jahr empfahl David Pogue in seinem Blog bei der New York Times, man möge doch die Suchfunktion der meisten Webseiten (einschließlich der New York Times!) ignorieren und gleich bei Google suchen. Man käme so viel schneller zum gewünschten Ziel. Wohlgemerkt: David Pogue ist ein bei der renommierten Zeitung angestellter Journalist und dort Experte für den Bereich “Technology”.

Die Argumentation von Hubert Burda sieht in diesem Licht denn auch eher danach aus, als wolle man von den eigenen Versäumnissen ablenken. Auch seine Behauptung, dass “andere kommerzielle Anbieter” heute aus dem Qualitätsjournalismus einen größeren wirtschaftlichen Nutzen ziehen würden, als die Verlage selbst, ist schon einigermaßen kühn. Denn woher will Hubert Burda das wissen? Stellt er einfach den Bilanzgewinn von Google neben den seiner Verlagseinheiten? Oder rechnet er alles zusammen: Kabelnetzbetreiber, Hardware-Hersteller und Software-Anbieter?

Fast sieht das bei ihm so aus, als würden all diese Unternehmen nur deshalb Geld verdienen können, weil Verlage Inhalte ins Internet stellen. Studien belegen aber, dass “Information” nur eine von mehreren Kategorien ist, die bei der Nutzung des Internets angegeben wird. Das wissen übrigens auch die Suchmaschinen-Optimierer, die mit eigenen Analysen zeigen können, welches Ergebnisse bei Google am häufigsten auf den vorderen Plätzen landen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind dies die Wikipedia und Amazon. Immerhin finden sich unter den ersten 10 auch der Spiegel sowie Focus.

So schlecht sieht es also für Verlage im Internet gar nicht aus. Aber Hubert Burda reicht das nicht: Er unterstellt den Suchmaschinen, sie würden Verlagsangebote “umgehen”. Deshalb müsse der Gesetzgeber durchsetzen, dass Verlage in Suchmaschinen nach “objektiven und nachvollziehbaren Kriterien” gefunden werden können. Zudem müssten sie an den Erlösen (also am Umsatz, nicht am Gewinn!) der Suchmaschinen partizipieren.

Dass ein Mann wie Hubert Burda sich dazu hergibt, einen solchen Unsinn zu fordern, ist schon erstaunlich. Diese Forderungen zeigen aber auch, dass unsere Verlage praktisch immer noch nichts von der Funktionsweise einer Suchmaschine verstehen. Bekanntlich geht die Sortierung der Suchtreffer bei Google auf einen Mechanismus zurück, den Larry Page entwickelt hat. Es ist der PageRank. Dieser misst die Bedeutung einer Seite im Internet daran, wie oft auf sie verlinkt wird. Je mehr eingehende Links eine Seite zählt, desto höher wird sie in den Ergebnissen bei Google angezeigt.

Nun haben aber speziell unsere Zeitungen seit Jahren ein eher negatives Verhältnis zu genau diesen Links. Zeitungen wollen nicht verlinkt werden und setzen auch selbst kaum Deep-Links (also Links auf eigene Seiten). Ist es da ein Wunder, dass ihre Artikel bei Google nur auf den hinteren Plätzen auftauchen?

Der PageRank war der Mechanismus, der Google zur erfolgreichsten Suchmaschine bis heute gemacht hat. Etwas peinlich mutet es da schon an, wenn Verlage diese Tatsache seit bald 10 Jahren mehr oder weniger ignorieren und heute von der Politik verlangen, sie möge per Gesetz dafür sorgen, dass ihre Medien in Suchmaschinen angemessen repräsentiert werden.

Zudem ignorieren die Verlage damit auch, dass Google sich nicht selbst zur Nummer 1 gemacht hat, sondern von den Nutzern des Internets. Diese können bei jeder Suche neu entscheiden, ob sie etwas bei Google, Yahoo, Bing oder einer anderen der zahllosen Suchmaschinen finden wollen. Warum sollten in diesem Kontext ausgerechnet für deutsche Verlage künftig andere (einfachere) Regeln gelten?

Auf diese Frage hat Hubert Burda natürlich eine Antwort. Er führt als stärkstes Argument an, dass es hier um nichts weniger als die “Bewahrung eines Kulturgutes” geht und der Qualitätsjournalismus natürlich eine wichtige Funktion für die Demokratie hat. Das ist schön formuliert, aber zu kurz gedacht. Denn im Internet können auch andere Angebote für sich beanspruchen, eine wichtige Funktion für die Demokratie zu erfüllen: Eine lebendige Szene von Politikblogs etwa, oder die Parteien selbst mit ihren Internetauftritten. Natürlich auch Radiosender und Fernsehprogramme.

Aufgabe der Politik wird es deshalb vorrangig sein, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle zu schaffen und nicht etwa einzelne Medien zu bevorzugen. Heikel wird dies beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, demgegenüber die Zeitungen wahrlich keinen leichten Stand haben. Das rechtfertigt aber noch lange nicht, neue Subventionen einzuführen und noch mehr gemütliche Nischen fernab des rauhen Wettbewerbs zu schaffen.

Verlage sollten sich lieber auf ihre Stärken besinnen und endlich innovativ werden! Sie sollten ihre Leser darauf vorbereiten, dass die Zukunft im Internet liegt und dass sie sie dort viel besser und umfassender informieren können.

Jede Zeitung, die es schafft ihren Leserstamm zu halten, kann sehr gut überleben, wenn sie ihre Printausgabe aufgibt und die Abogebühr auf die Hälfte reduziert. Freilich bedarf es dazu erheblicher Kreativität und auch innovativen Mutes für einen Journalismus, der nicht mehr in den Kategorien von Print denkt, sondern konsequent alle Möglichkeiten des Internets nutzt. Hochwertige und originelle Inhalte schaffen die Basis für Paid Content, in dem ein Teil der Inhalte (nicht alles) den zahlenden Lesern vorgehalten wird.

Dazu gehört auch die Offenheit für Diskussion und Partizipation. Der moderne Kunde will nicht mehr nur passiv konsumieren, sondern intensiv beteiligt werden. Insbesondere die junge Generation nutzt Medien heute ganz anders als noch ihre Eltern. Dem müssen sich Verlage und Medienhäuser stellen.

Im Übrigen gilt: Gegen Google helfen keine Gesetze. Google muss man mit seinen eigenen Waffen schlagen. Warum also nicht dort ein paar gute Leute abwerben? Heute noch sind viele Verlage voll von Redakteuren und Managern, die das Internet nicht verstehen und es auch nicht verstehen wollen. Diesen Augias-Stall sollten sie ausmisten, Herr Burda! Schaffen Sie rigoros Platz für neue Leute und holen Sie sich diese anfangs von Google, Facebook, Amazon und Twitter.

Dann ist auch zu schaffen, was Sie selbst schreiben: “Erfolgreiche Verlage wird es auch in Zukunft geben”.