Gute Pipeline, böse Pipeline?

| 30.06.2009 | 4 Kommentare

Seit bekannt geworden ist, dass Joschka Fischer das Konsortium der Nabucco-Pipeline beraten wird, inszenieren die Medien ein Duell mit Gerhard Schröder, der den Bau der Ostsee-Pipeline unterstützt. Damit bestätigt sich einmal mehr: Je komplexer der Sachverhalt, desto reduzierter die Berichterstattung.

Joschka Fischer wird – einer (unwidersprochenen) Meldung des Manager Magazins zufolge – in Zukunft das Konsortium beraten, das den Bau und den Betrieb der Nabucco-Gaspipeline plant. Nabucco ist das Flagschiff der EU-Energieaußenpolitik. Mit der Pipeline soll erstmals Gas direkt aus der Kaspischen Region nach Mitteleuropa geleitet werden – unter Umgehung Russlands. Doch das Projekt ist in Schwierigkeiten. Bislang gibt es weder ausreichende Lieferzusagen, noch ist der Transit durch die Türkei geklärt. Nabucco kann Unterstützung also gut gebrauchen.

Medial wirklich interessant wird die Meldung aber erst dadurch, dass sie sich in eingespielte Gegensatzpaare einfügen lässt. Denn einer der größten Befürworter russischer Gaslieferungen hierzulande ist Gerhard Schröder, Vorsitzender der Aktionärsversammlung der Nord Stream AG, der Betreibergesellschaft der Ostsee-Gaspipeline, die Russland erstmals auf direktem Weg mit Westeuropa verbinden soll. Nord Stream konkurriert zwar nicht direkt mit Nabucco, wird überdies auch wesentlicher früher fertig gestellt sein, aber die Konstellation “Schröder vs. Fischer” übt auf deutsche (Qualitäts-)Medien dennoch ihren Reiz aus.

Auf der einen Seite des Bildes: Gazprom und der Kreml, unterstützt von Ex-Kanzler Schröder, die die EU in eine immer tiefere Abhängigkeit von russischem Gas treiben wollen. Auf der anderen Seite: ein europäisches Konsortium (unter Federführung der österreichischem OMV), beraten von Ex-Außenminister Fischer, das die EU aus den Klauen des russischen Bären befreien will – und den kaspischen Raum gleich mit.

Das ist geopolitisches Schwarz-Weiss-Denken par excellence. Landkarten, Einflusszonen, und jetzt auch noch zwei Hauptdarsteller mit hohem Wiedererkennungsfaktor. Oder, um es mit der Süddeutschen Zeitung zu sagen: casino “so etwas wie der Kampf Gut gegen Böse“.

Was hat das alles mit Energieversorgungssicherheit zu tun? Eher wenig. Die Berichterstattung über “Pipeline-Wettläufe” (von den Betreibern im übrigen aktiv mitinszeniert) ist spannend, aber völlig undurchsichtig. Sie unterliegt in weiten Teilen der Logik des Sportjournalismus – und kommt dem Realitätsgehalt von Meldungen über Fußballer-Transfers in der italienischen und spanischen Sportpresse sehr nahe. Es vergeht kaum eine Woche, in der ein großes Pipelineprojekt nicht für gescheitert erklärt wird und dann glorreich wiederaufersteht – obwohl sich “on the ground” nichts verändert hat.

Die für die nächsten Jahre zu erwartende “Schröder vs. Fischer”-Erzählung wird der Komplexität der europäischen Gasversorgungssicherheit ganz sicher nicht gerecht. Vor allem aber wird das Mitfiebern im Pipeline-Wettkampf eine ganz entscheidende Frage nach hinten drängen: Wird die EU – angesichts ihrer ambitionierten Klima-/Effizienz-/Erneuerbaren-Politik – all diese neuen Pipelines überhaupt benötigen?