Desinvestieren für eine bessere Medienwelt – das Internet als Fanal und Hoffnungsträger

Der Blick in die Vergangenheit ist kein guter Ratgeber für die Zukunft. Medienvertreter und Politik sollten sich schleunigst Leitbilder für das Jahr 2020 erarbeiten. Dabei stehen die Manager vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Desinvestieren für eine bessere Medienwelt.

Das Internet kann die Zeitung nicht ersetzen, sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert. Das kann man ihm getrost glauben, wenn man sieht, was dazu gerade in den Niederlanden diskutiert wird: Eine Internetsteuer zugunsten notleidender Zeitungsverlage hat dort eine Kommission der Regierung vorgeschlagen.

Rückwärts orientiertes Denken also an vielen Orten, auch Robin Meyer-Lucht kann ein Lied davon singen. Interessanter aber als die Debatten um den Existenzerhalt gestriger Institutionen ist doch die Frage, wie Journalismus künftig aussehen und was uns die Technik dazu alles ermöglichen wird.

  1. Das Internet als Trägermedium wird kontinuierlich weiter an Bedeutung gewinnen. Jenseits aller technischen Fragen macht dies allein schon die demografische Entwicklung (weltweit) klar: Junge Menschen akzeptieren und nutzen das Internet auf vielfältige Art und Weise, eine Umkehr dieser Entwicklung ist nicht mehr vorstellbar. Parallel dazu sterben am oberen Ende der Bevölkerungspyramiden kontinuierlich Menschen, die das Internet kaum oder gar nicht nutzten, dafür aber Zeitung lasen (Print) und analoges Fernsehen gewohnt waren. Gegen diese Verschiebung helfen langfristig weder Subventionen noch das Rieplsche Gesetz.
  2. Die Computer- und Internet-Technologie entwickelt sich laufend weiter und das mit anhaltend hoher Geschwindigkeit. Das hohe Tempo bei den Innovationen resultiert dabei aus der Tatsache, dass hier einer der größten Wachstumsmärkte weltweit gekoppelt ist mit einem sehr starken Wettbewerb. Große Unternehmen konkurrieren mit Startups, die Markteintrittsbarrieren speziell im Bereich Software sind relativ niedrig.
  3. Der Bürgerjournalismus ist eine Wachstumsbranche. Weltweit lernen immer mehr Menschen, wie man mit Social Software einerseits und der erforderlichen Hardware andererseits (Mobiltelefone, Computer…) umgeht und sich Gehör verschaffen kann. Die Dynamik ist hier eine Doppelte: Denn es werden immer mehr Menschen, die aktiv Instrumente wie Twitter, Facebook oder YouTube nutzen, während gleichzeitig die Technik dazu immer besser bzw. kostengünstiger wird.
  4. Die aktuellen Vorgänge im Iran schärfen den Blick für Stärken und Schwächen alter und neuer Medien zugleich. Es wird aber nicht bei Diskussionen darüber bleiben, sondern zu Innovationen und neuen Konzepten im Geschäft mit Nachrichten führen, vor allem im Internet. Instrumente wie Twitter darf man deshalb nicht statisch sehen, sondern muss in ihnen schon das Potenzial künftiger Entwicklungen erkennen (können). Die Medienlandschaft im Internet entwickelt sich also permanent weiter. Demgegenüber wirken Überlegungen zu kostenlosen Zeitungsabos für Schüler in NRW rührend und hilflos.
  5. Über das Internet wird unsere Welt zunehmend transparent und in Echtzeit sichtbar. Instrumente wie Google Earth, Street View und Maps sind keine Endpunkte einer Entwicklung, sondern nur Stationen auf dem Weg. Im nächsten Jahrzehnt werden die Bilder besser und via Sensortechniken kommen immer neue Schichten von Daten dazu. Vermutlich ist es auch nur noch eine Frage der Zeit, bis wir über das Internet auf Satellitenbilder zugreifen können, wie sie heute noch den Militärs und Geheimdiensten vorbehalten sind, weil auch diese Technik immer kostengünstiger (und banaler) wird. Dann brauchen auch Verlage keine Journalisten mehr ins Ausland schicken, um exklusiv vor Ort zu berichten, weil das Publikum (via Internet) längst dort sein und aus hyperlokalen Quellen schon alles Wesentliche erfahren haben wird.

Das alles sind keine gute Nachrichten für Verlage und Medienhäuser. Auch eine aktuelle Studie von Deloitte macht wenig Hoffnung und spricht schon offen von Strategien zur Desinvestition. In den Augen von Hugo E. Martin stehen damit selbst „erfahrenste Verlagsmanager vor schier unlösbaren Aufgaben“.

mega1

"Positiv an dieser Entwicklung ist immerhin die Hoffnung auf nichts weniger als eine bessere Welt."

Positiv an dieser Entwicklung ist immerhin die Hoffnung auf nichts weniger als eine bessere Welt. Denn heute schon hat etwa das Unrechtsregime im Iran große Mühe vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen, wie brutal es gegen das eigene Volk vorgeht. Im Zeitalter des Internets und der Mobiltelefone helfen eben keine Ausgangsverbote für Journalisten oder die Ausweisung von Diplomaten.

Die Uhr tickt also für die Diktaturen dieser Welt, ebenso vermutlich für offensichtliche Umweltzerstörungen und anderes Unrecht, so weit es sichtbar bzw. messbar gemacht werden kann. Den politischen Handlungsdruck erzeugt dann die Empathie der Vielen, die über die neuen Medien ein Crowd Sourcing in bisher nicht möglich gewesener Form aufbauen.

Daneben wird es immer einen Markt für guten Journalismus geben, wenn auch in anderer Form als heute. Demotix könnte dafür wegweisend sein:  Ein Netzwerk für Journalisten, die ihre Arbeit an Medien lizenzieren. So könnten in Zukunft auch neue Medienformate mit eher geringem Budget Bildmaterial oder Recherchen einkaufen, etwa Blogs oder Zeitungen, die nur noch online erscheinen und nur mit stark reduziertem Personalumfang arbeiten. Und Norbert Lammert bekommt am Ende doch noch Recht, wenn auch anders als er selber denkt: Das Internet kann und braucht Zeitungen nicht zu ersetzen, weil es etwas Besseres und Größeres schaffen wird.