Orientierungslosigkeit, Journalismus, Medienindustrie: Eine Endlosschleife, gerade

Erst Medienforum NRW, dann Thomas Leif: Man hat das Gefühl, ein Mediensystem im Abstieg zu besichtigen. Die Tabuisierung von Hinfälligkeiten ist derzeit wohl die Hauptwurzel allen unspirierten Sprechens über Journalismus.

Es begann eigentlich schon am Vormittag auf dem Medienforum NRW: Dieses Gefühl, dass man hier ein Mediensystem im Abschied besichtigt. Standort-Medienkonferenzen dieser Art blühten Ende der 80er Jahre mit der wachsenden Bedeutung von Privatfernsehen und Landesmedienanstalten auf. Nun lässt sich genau hier besichtigen, dass diese beiden Akteure und letztlich das ganze klassissche Mediensystem so langsam ins Wanken geraten.

Das Medienforum NRW gab „ein trübes Bild rückwärtsgewandter Verstaubtheit ab“, schrieb Thomas Knüwer schon gestern. Auch mein (auf wenige Panel beschränkter) Eindruck war heute: Es wird am Mediensystem von gestern herumlaboriert. Wirklich zentrale Fragen für neue Öffentlichkeitsstrukturen, wie beispielsweise eine Link-Ethik, werden nicht aufgegriffen. Das Internet als Leitmedium und der Veränderungsbedarf aller Medieninstitutionen werden noch immer unter den Vorzeichen und mit der Sprache des klassischen Systems verhandelt. Die Umsatzkrise und die Einsicht in die Unzulänglichkeiten der eigenen Online-Strategien befördert eine latente Medienwandelkater-Agonie in erheblichen Teilen der klassischen Medienindustrie.

Doch das Forum erwies sich erst als Präludium. Der Hauptakt in Sachen Sprachlosigkeit und neue Strukturen des Journalismus lieferte dann am Abend Thomas Leif mit seiner Veranstaltung „Das Ende des Journalismus – Ist unsere Mediendemokratie noch zu retten?„.

Eigentlich ist die Sache klar: Journalismus muss sich völlig neu in Gesellschaft und Technik verorten. Ihm stehen dabei alle Chancen offen. Die institutionellen Arrangements der klassischen Massenmedien aber werden bald abschmelzen.

Thomas Leif führte eine Debatte hingegen weitgehend nach dem Motto: Wie kann der Journalismus nach altem Selbstverständnis im neuen Medium existieren? Die Übung artete notwendigerweise in schlimmes Qualitätsjournalismus-Schulterklopfen aus. Die Weigerung, sich selbst infrage zustellen und die neuen Rahmenbedinungen zu reflektieren, nahm grandiose Ausmaße an. Drei Onliner auf dem Podium (Hans-Jürgen Jakobs, Mario Sixtus und Wolfgang Blau) konnten den Moderator kaum bremsen.

Im Grunde zeigte Thomas Leif auf diese Art jedoch, woran die Diskussion über Journalismus und die Zukunft der Medienindustrie derzeit häufig so leidet: Man hält sich für unverzichtbar in seiner bisherigen Rolle. Die Tabuisierung der Hinfälligkeiten im System Journalismus ist derzeit wohl eine Hauptwurzel allen unspirierten Sprechens über das Thema.

Wolfgang Blau von Zeit Online sagte dann schliesslich auch: „Wenn man ehrlich ist, dann wird es im Laufe der nächsten Jahre weniger Titel und weniger Medienhäuser geben. Und das mag keiner so offen sagen.“

Auch zu dem Thema auf Carta:

— Otfried Jarren: Verweigerung im Wandel: Dem Journalismus sind seine Leitideen abhanden gekommen