Dead Media Walking (Ach, Luhmann . . . !)

Wer in deutschen akademischen Gefilden verkehrt, wird um Niklas Luhmann nicht herumkommen.

Noch Jahre nach seinem Tod vor zehn Jahren werden neckische Büchlein von ihm (Liebe. Eine Übung) aufgelegt, und aktuell hat gerade einer seiner letzten Sprüche es in die Blogs geschafft: Dass das Internet kein Massenmedium sei.

In einem 1997 geführten Interview stellte der Bielefelder Soziologe fest: “Für Massenmedien selber werden die aktuellen technischen Innovationen wie das Internet oder individuell wählbare Informationen wenig Bedeutung haben. Sie werden sich neben Massenmedien wie Tageszeitungen oder auch das Fernsehen setzen, sie jedoch nicht verdrängen.”

Das klingt zunächst einmal wie die alte Leier in professoraler Ehre ergrauter Publizistikwissenschaftler. Sie wissen schon, die mit ihrem „Rieplschen Gesetz“. Kennen Sie nicht? Keine Sorge, es handelt sich um keine große Bildungslücke. Auch schon nicht mehr ganz frisch, aber immer noch interessant hingegen das Dead Media Project von Bruce Sterling.

Luhmann hat mit seinen Reflexionen zur Realität der Massenmedien den Zeitgeist der 1990er-Jahre nicht mehr so ganz getroffen. Es war ein Zeitgeist, dem es immer weniger darum ging, Primärerfahrung gegen Medienerfahrung auszuspielen, und immer mehr darum, die Möglichkeiten einer neuen Medienkultur auszuloten.

Neu war diese Medienkultur insofern, als dass sie genau jene “Apparatur der Replik” forciert hat, die – wie einst von Horkheimer und Adorno in ihrer Kritik der Kulturindustrie noch beklagt – den Massenmedien eben nicht eigen ist. Sie zeichneten und zeichnen sich immer noch dadurch aus, dass sie nicht aus technischen, sondern aus organisatorischen und politischen Gründen über keinen Rückkanal verfügen.

Massenmedien kommunizieren im Grunde genommen autoritär. Daran, wie könnte es anders sein, muss Luhmann seine diabolische Freude gehabt haben. Seiner an sich richtigen Diagnose, dass die Kommunikationsmöglichkeiten im Internet sich von denen eines Massenmediums unterscheiden, setzte er dann etwas dröge hinzu: “Die Sorge, dass neue Medien die traditionellen ersetzen, ist so alt wie unbegründet: Die Schrift hat die mündliche Weitergabe nicht verdrängt und die Presse auch nicht den Brief.”

Ach Luhmann, was soll man dazu jetzt noch sagen. Gegen die konservativen Ersatz- und Verdrängungsängste setzt man am besten ein anderes Zitat:

“Wir können wohl davon ausgehen, dass der Gebrauch eines bestimmten Kommunikationsmediums über einen langen Zeitraum hinweg in gewisser Weise die Gestalt des zu übermittelnden Wissens prägt. Auch stellen wir fest, dass der überall vorhandene Einfluss dieses Mediums irgendwann eine Kultur schafft, in der Leben und Veränderungen zunehmend schwieriger werden, und dass schließlich ein neues Kommunikationsmittel auftreten muss, dessen Vorzüge eklatant genug sind, um die Entstehung einer neuen Kultur herbeizuführen.”

Es findet sich in einem Text des kanadischen Wirtschaftshistorikers Harold A. Innis – und wurde 1950 publiziert.